Herkunft des Wortes „Holocaust“: Was steckt dahinter?
Der Holocaust gehört zu den tiefsten Narben der europäischen Geschichte. Doch selbst Menschen, die sich intensiv mit dieser Epoche beschäftigen, fragen sich bisweilen, warum der Massenmord an den europäischen Juden eigentlich „Holocaust“ genannt wird. Der Begriff wirkt fremd, beinahe unpassend – und genau darin steckt ein vielschichtiger Sprach- und Kulturwandel.
Altgriechischer Ursprung: Bedeutung von „holókaustos“
Der Ausdruck stammt ursprünglich aus dem Altgriechischen. Das Wort „holókaustos“ bedeutete „ganz verbrannt“ und beschrieb ein rituelles Brandopfer, bei dem ein Tier vollständig den Flammen übergeben wurde. Über das Lateinische gelangte der Begriff in mehrere europäische Sprachen und blieb lange eng mit religiösen Opferhandlungen verbunden.
Vom religiösen Brandopfer zum modernen Begriff
Erst in der Neuzeit veränderte sich die Bedeutung. Im englischsprachigen Raum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts tauchte „holocaust“ zunehmend in Zeitungsartikeln auf, meist als dramatische Bezeichnung für vernichtende Brände oder kriegsbedingte Zerstörungen. Die religiöse Bedeutung trat damit langsam in den Hintergrund und machte Platz für eine metaphorische Verwendung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg: Wie „Holocaust“ zum historischen Begriff wurde
Erst nach 1945 wurde der Ausdruck zur Bezeichnung der NS-Verbrechen verwendet, zunächst vereinzelt in akademischen und journalistischen Kontexten. In den 1950er- und 1960er-Jahren etablierte sich „Holocaust“ im amerikanischen Diskurs als Begriff für den Mord an den europäischen Juden. Entscheidenden Einfluss hatte 1978 die US-Fernsehserie „Holocaust“, die die Bezeichnung weltweit bekannt machte und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema neu entfachte. Von dort gelangte der Begriff auch nachhaltig in den deutschen Sprachgebrauch.
Debatte um den Begriff: Ist „Holocaust“ wirklich passend?
Ganz frei von Kritik war diese Übernahme nie. Einige Historiker verweisen auf die religiöse Herkunft des Wortes. Ein „Holocaust“ sei im ursprünglichen Sinn ein Opferbrand – eine Deutung, die dem industrialisierten Massenmord eine Form von Sinn oder religiöser Weihe zuschreiben könnte. Andere kritisieren, dass der Begriff den Fokus eher auf das Ereignis und seine zerstörerische Wirkung lege, weniger auf die Täter und ihre Absichten.
„Holocaust“ oder „Shoah“? Unterschied und Verwendung
Vor diesem Hintergrund verwenden Überlebende, Historiker und jüdische Organisationen bevorzugt den hebräischen Begriff „Shoah“. Er bedeutet „Katastrophe“ oder „Zerstörung“ und verzichtet auf religiöse Opferassoziationen. Parallel setzte sich im juristischen Diskurs der Begriff „Genozid“ durch, den Raphael Lemkin 1944 prägte und der neutral den Tatbestand des Völkermords bezeichnet. So existieren heute mehrere Begriffe nebeneinander, die jeweils unterschiedliche Kontexte bedienen.
Bedeutung des Begriffs „Holocaust“ im heutigen Sprachgebrauch
Heute ist „Holocaust“ fest im internationalen historischen Diskurs verankert. Das Wort wirkt fremd, feierlich und schmerzhaft zugleich – und gerade diese Fremdheit macht sichtbar, wie schwer das Unbegreifliche in Sprache zu fassen ist. Die Diskussion darüber zeigt, dass Erinnerung nicht nur aus Fakten besteht, sondern auch aus den Worten, die wir dafür wählen. Welche Bezeichnung man bevorzugt, ist daher nicht allein eine Frage der Historik, sondern auch der Haltung.








