Iran: Staatliche Medien brechen Schweigen zu nächtlichen Protesten – Schuldzuweisungen an USA und Israel

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Zum ersten Mal seit den nächtlichen Demonstrationen im Iran hat sich das staatliche Fernsehen am Freitagmorgen offiziell zu den Ereignissen geäußert. In einer kurzen Meldung, die im 8-Uhr-Programm ausgestrahlt wurde, sprach das Staatsmedium von „terroristischen Agenten“ aus den USA und Israel. Ihnen wird vorgeworfen, Brände gelegt und Gewalt ausgelöst zu haben.

Die Nachricht war im Programm nur randständig platziert und enthielt kaum Details, markiert jedoch die erste Bestätigung offizieller Stellen, dass es überhaupt zu landesweiten Protesten gekommen ist. Laut Bericht seien bei den Unruhen Gewalt angewendet und „Verluste“ verursacht worden – ohne jedoch Art oder Umfang zu benennen.

Weiter hieß es, es seien private Autos, Motorräder sowie öffentliche Einrichtungen wie Metrostationen, Feuerwehrautos und Busse in Brand gesetzt worden. Konkrete Zahlen oder Orte nannte das Staatsfernsehen nicht.

Informationsblockade erschwert Einschätzungen

Seit Beginn der Unruhen greift die Führung in Teheran auf ein bewährtes Kontrollinstrument zurück: Das Internet wurde weitgehend abgeschaltet, internationale Telefonleitungen teilweise blockiert. Die Kommunikation mit dem Ausland ist dadurch massiv eingeschränkt. Für inländische Aktivistinnen und Aktivisten bedeutet dies eine nahezu vollständige Isolation; Journalistinnen und Journalisten sowie Angehörige im Ausland versuchen vergeblich, verlässliche Informationen zu erhalten.

Dieser digitale Schleier hat Tradition. Auch bei früheren Protesten – etwa 2019 und 2022 – nutzten die Behörden Internetsperren, um die Ausbreitung von Bildern, Videos und Organisierungsaufrufen zu verhindern. Die Opferzahlen solcher Protestwellen bleiben häufig über Wochen oder Monate unclar, da unabhängige Stellen nur verzögert Zugang zu Informationen erhalten.

Aufruf des Exilprinzen als Auslöser

Auslöser der aktuellen Demonstrationen soll ein Aufruf des im Exil lebenden Kronprinzen Reza Pahlavi gewesen sein. Er hatte über soziale Medien zu einem landesweiten Protest am Donnerstagabend um 20 Uhr Ortszeit aufgerufen. In mehreren Städten sollen daraufhin Menschen spontan auf die Straßen gegangen sein, um ihrem Unmut Luft zu machen. Videos, die offenbar aus dem Iran stammen, zeigen brennende Fahrzeuge, Parolen gegen die Regierung sowie Menschenansammlungen in Innenstädten.

Da die Echtheit solcher Aufnahmen derzeit kaum verifizierbar ist, bewegen sich viele Berichte im Spektrum zwischen gesichertem Fakt und schwer zu prüfender Augenzeugenschilderung. Dennoch zeigt die schnelle Verbreitung entsprechender Inhalte, wie stark die Exilopposition inzwischen über digitale Kanäle auf das Geschehen im Land einwirkt.

Historischer Kontext: Proteste im Spannungsfeld von Politik und Religion

Der Iran erlebt in regelmäßigen Abständen Protestwellen, die oft aus ökonomischen oder politischen Gründen beginnen und sich dann gegen das System insgesamt richten. Die Sonderrolle der Revolutionsgarden, die religiöse Führungsstruktur sowie die strikte Medienkontrolle erschweren politische Reformen und befeuern Unzufriedenheit insbesondere bei jungen Menschen.

Die jüngsten Demonstrationen stehen damit in einer Reihe von Protesten, die traditionell schnell politisiert und von den Behörden mit Härte beantwortet werden. Staatliche Medien greifen in solchen Situationen häufig auf bekannte Narrative zurück: ausländische Einmischung, Terrorismus oder „Verschwörungen gegen die Islamische Republik“. Dieser strategische Zugriff soll sowohl interne Unterstützung sichern als auch externe Kritik delegitimieren.

Ausblick: Angespannte Lage, offene Fragen

Wie viele Menschen sich tatsächlich an den Demonstrationen beteiligten und wie groß die Schäden sind, bleibt vorerst unklar. Unabhängige Angaben fehlen, und aufgrund der Informationsblockade ist mit einer deutlichen Verzögerung bei der Auswertung zu rechnen.

Beobachterinnen und Beobachter gehen davon aus, dass die Behörden in den kommenden Tagen versuchen werden, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen und gleichzeitig die Deutungshoheit über die Ereignisse zu sichern. Ob sich die Proteste ausweiten oder abflauen, hängt nicht nur von der Reaktion der Sicherheitskräfte ab, sondern auch davon, ob die Bevölkerung trotz Internetabschaltung Wege zur Organisation findet.