Zwischen Sprache und Staat: Wie ein Berliner Verlag das Hebräische neu denkt

Mehrere aufgeschlagene und gestapelte Bücher liegen auf einem Holztisch in einer warm beleuchteten Bibliothek. Im Hintergrund stehen hohe Bücherregale voller Bücher, während Tageslicht durch ein Fenster fällt und eine ruhige, literarische Atmosphäre erzeugt.
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Es ist ein ungewöhnliches literarisches Projekt, das derzeit von Berlin aus internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht – und zugleich eine Debatte berührt, die weit über Bücher hinausgeht. Mit Altneuland ist erstmals seit der Gründung Israels ein säkularer hebräischer Verlag außerhalb des Landes entstanden. Hinter dem Projekt stehen die israelischen Autoren und Verleger Dory Manor und Moshe Sakal, die seit vielen Jahren zwischen Berlin, Paris und Israel leben – und nun versuchen, Hebräisch aus den engen Grenzen nationaler Identität zu lösen.

Dabei geht es ihnen nicht um eine Abkehr von Israel, sondern um eine Erweiterung des kulturellen Raums. Hebräisch, so ihre Überzeugung, gehöre nicht ausschließlich einem Staat. Die Sprache sei historisch immer international gewesen – diasporisch, vielstimmig, wandernd. Lange bevor modernes Hebräisch zur Nationalsprache Israels wurde, existierte es als Sprache jüdischer Gemeinschaften über Kontinente hinweg.

Genau an diese Tradition knüpft Altneuland an.

Der Name des Verlags ist dabei bewusst gewählt. Er verweist auf Theodor Herzl und dessen Roman Altneuland aus dem Jahr 1902 – jene utopische Vision eines jüdischen Staates, in dem Juden und Araber friedlich zusammenleben sollten. Für Manor und Sakal bedeutet „Altneuland“ heute jedoch etwas anderes: kein Territorium, kein Nationalstaat, sondern einen kulturellen Raum, der durch Sprache entsteht.

„Unser Altneuland ist das Hebräische selbst“, sagte Manor in einem Interview. Ein Land ohne Grenzen, aber mit Literatur.

Dass dieses Projekt ausgerechnet in Berlin entsteht, ist dabei mehr als Symbolik. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum israelischer Exil- und Diasporakultur entwickelt. Schätzungen zufolge leben inzwischen bis zu 30.000 Israelis in Berlin – darunter viele Künstler, Intellektuelle und Schriftsteller, die Israel aus politischen oder persönlichen Gründen verlassen haben.

Für Manor und Sakal steht Berlin zudem in einer historischen Tradition jüdischer Verlagsarbeit. Sie sehen ihren Verlag als geistige Fortsetzung des legendären Schocken Verlag, der in den 1930er Jahren Autoren wie Franz Kafka, Heinrich Heine oder Shmuel Yosef Agnon veröffentlichte, bevor er unter dem Nationalsozialismus zerstört wurde.

Auch thematisch positioniert sich Altneuland bewusst international. Der Verlag veröffentlicht nicht nur hebräische Literatur, sondern zunehmend auch jüdische Autoren auf Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Jiddisch. Im Herbst soll zudem der Start auf dem amerikanischen Markt folgen.

Zu den bekanntesten aktuellen Projekten gehört die deutsche Ausgabe von The Future is Peace – einem Buch des israelischen Friedensaktivisten Maoz Inon und des palästinensischen Aktivisten Aziz Abu Sarah. Beide verbindet eine persönliche Geschichte von Verlust und Gewalt: Inons Eltern wurden am 7. Oktober 2023 ermordet, Abu Sarahs Bruder starb nach Misshandlungen in israelischer Haft.

Gerade in einer Zeit, in der weltweit Boykottaufrufe gegen israelische Institutionen zunehmen und sich kulturelle Räume zunehmend politisieren, bewegt sich Altneuland auf einem schmalen Grat. Die Verleger betonen ausdrücklich, dass ihr Projekt kein Boykott Israels sei. Sie arbeiten weiterhin mit israelischen Autoren zusammen, vertreiben Bücher in Israel und verstehen sich als Teil der hebräischen Literaturwelt.

Gleichzeitig wollten sie unabhängig von staatlicher Finanzierung werden – auch, um sich nicht an die zunehmend ideologisch geführte Kulturpolitik der aktuellen israelischen Regierung binden zu müssen.

„Diese Regierung ist für mich ein Feind Israels – aber nicht Israel selbst“, sagte Manor.

Die Spannungen innerhalb der israelischen Kulturszene haben sich in den vergangenen Monaten deutlich verschärft. Kulturminister Miki Zohar hatte Anfang des Jahres mehrere staatliche Kulturpreise gestrichen und Förderungen umgeleitet, nachdem Künstler und Filmemacher der Regierung politische Einflussnahme vorgeworfen hatten. Gerade die Literaturszene, die finanziell stark von staatlichen Preisen und Förderungen abhängig ist, steht dadurch zunehmend unter Druck.

Viele Autoren fühlen sich zwischen politischer Loyalität, internationaler Kritik und kultureller Isolation eingeklemmt.

Genau dort versucht Altneuland anzusetzen: als Plattform für jüdische und israelische Stimmen, die sich weder nationalistisch vereinnahmen lassen noch aus dem kulturellen Diskurs verschwinden wollen.

Die israelische Journalistin Ruth Margalit etwa veröffentlicht dort im Herbst ihr neues Buch In the Belly of the Whale: Portraits from a Fractured Israel. Besonders wichtig sei ihr gewesen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die trotz aller politischen Spannungen einen humanistischen Blick bewahren.

Auch die Schriftstellerin Maya Arad, die seit über zwanzig Jahren in Kalifornien lebt und als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Stimmen der hebräischen Literatur gilt, passt in dieses Konzept. Ihre Romane beschäftigen sich immer wieder mit israelischem Leben außerhalb Israels – mit Migration, Entwurzelung und der Frage, was kulturelle Zugehörigkeit eigentlich bedeutet.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Berliner Verlagsprojekts: nicht in der Gründung eines weiteren kleinen Independent-Verlags, sondern in der Rückkehr zu einer älteren jüdischen Idee von Kultur – einer Kultur, die nicht zwingend an ein Territorium gebunden ist, sondern an Sprache, Erinnerung, Widerspruch und Austausch.

Gerade nach dem 7. Oktober, in einer Zeit globaler Polarisierung, wirkt diese Idee gleichzeitig riskant und notwendig. Denn Altneuland stellt letztlich eine unbequeme Frage: Wem gehört eine Sprache eigentlich? Einem Staat? Einer Regierung? Einer Nation? Oder all jenen, die in ihr schreiben, lieben, streiten und erzählen?

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