Jahrzehntelang galt in Österreich eine Erzählung, die das Land vor allem als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus darstellte. Erst in den 1980er- und 1990er-Jahren setzte ein tiefgreifendes Umdenken ein. Heute geht Österreich einen ungewöhnlichen Weg: Junge Menschen werden gezielt ins Ausland entsandt, um an Holocaust-Gedenkstätten, in Museen und Bildungseinrichtungen zu arbeiten – und sich aktiv mit der Verantwortung ihres eigenen Landes auseinanderzusetzen.
Eines dieser Programme ist der Austrian Service Abroad, der Freiwilligen die Möglichkeit bietet, für mehrere Monate in Gedenkstätten, Archiven und jüdischen Einrichtungen weltweit mitzuarbeiten. Viele der Teilnehmer leisten ihren Dienst an Orten, die unmittelbar mit der Verfolgung und Ermordung europäischer Juden verbunden sind – darunter auch in Israel, Deutschland, den USA oder Polen. Ziel ist es nicht nur, historische Kenntnisse zu vermitteln, sondern Verantwortung persönlich erfahrbar zu machen. Ein Beispiel ist die junge Österreicherin Robin Bigga-Piskernig, die im Rahmen des Programms in einer Holocaust-Einrichtung arbeitet.
Dort unterstützt sie Bildungsprojekte, spricht mit Überlebenden und hilft dabei, deren Geschichten für kommende Generationen zu bewahren. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Vergangenheit zu erklären oder zu relativieren – sondern zuzuhören, zu lernen und Erinnerung aktiv mitzutragen. Das Programm ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich in Österreich über Jahrzehnte die sogenannte „Opferthese“, wonach das Land ausschließlich Opfer der nationalsozialistischen Expansion gewesen sei.
Diese Sichtweise blendete aus, dass zahlreiche Österreicher begeisterte Unterstützer des NS-Regimes waren und an dessen Verbrechen aktiv mitwirkten. Erst internationale Kritik – insbesondere während der Waldheim-Affäre in den 1980er-Jahren – führte zu einer breiteren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Heute versteht sich das Erinnerungsprogramm ausdrücklich als Teil dieser historischen Verantwortung. Nach Angaben der Organisatoren haben bereits mehr als 1.300 junge Österreicherinnen und Österreicher an dem Dienst teilgenommen. Sie sind inzwischen in Dutzenden Ländern tätig und arbeiten mit Holocaust-Gedenkstätten, Museen, Archiven und sozialen Einrichtungen zusammen.
Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus weltweit wieder zunimmt und Holocaust-Leugnung oder -Relativierung in sozialen Medien zunehmend Verbreitung finden, gewinnt diese Form der Erinnerungsarbeit an Bedeutung. Geschichte wird hier nicht allein im Klassenzimmer vermittelt, sondern durch persönliche Begegnungen, praktische Mitarbeit und internationale Zusammenarbeit lebendig gehalten.
Die österreichische Initiative zeigt, dass Erinnerungskultur mehr sein kann als staatliche Gedenkveranstaltungen oder historische Lehrbücher. Sie wird zu einer persönlichen Aufgabe einer neuen Generation – nicht aus Schuld für die Vergangenheit, sondern aus Verantwortung für die Zukunft.
Für jüdische Gemeinden weltweit ist dies ein wichtiges Signal. Echte Aufarbeitung endet nicht mit offiziellen Entschuldigungen. Sie zeigt sich dort, wo junge Menschen bereit sind, zuzuhören, zu lernen und aktiv dazu beizutragen, dass die Geschichte der Opfer bewahrt wird – und dass sich ihre Verfolgung niemals wiederholt.
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