Breaking News

Hamburg: Schulbehörde präsentiert Entwürfe für neue Bildungspläne

Lesezeit: 5 Minuten

Die Schulbehörde hat die ersten Entwürfe für neue Bildungspläne der Grundschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien vorgelegt.

Schulsenator Ties Rabe: „Die neuen Pläne berücksichtigen jetzt in allen Fächern deutlich stärker die Themenfelder „Digitalisierung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Wertebildung“ sowie die Sprachbildung. Sie sind zudem passgenauer auf die aktuellen fachlichen Vorgaben der Kultusministerkonferenz für die einzelnen Fächer und das Abitur abgestimmt. Deshalb beschreiben die neuen Bildungspläne auch klarer als bisher die Lern- und Unterrichtsinhalte.“ Aufgrund der schwächeren Leistungen der Hamburger Schülerinnen und Schüler bei schriftlichen Arbeiten sollen Klassenarbeiten und Klausuren künftig besser geübt werden.

Zudem sollen die Schülerinnen und Schüler in jedem Halbjahr mindestens zwei Klassenarbeiten unter Einbeziehung des Computers schreiben. Schulsenator Ties Rabe: „Wir wünschen uns jetzt eine breite Diskussion mit den Schulgemeinschaften, Verbänden, Kammern und allen Interessengruppen. Dazu bietet die Schulbehörde umfangreiche Beteiligungsverfahren an. Die endgültigen Pläne sollen im Herbst veröffentlicht und ab dem Schuljahr 2023/24 verbindlich eingeführt werden.“

Bildungspläne legen fest, welche Ziele und Inhalte in jedem einzelnen Schulfach und jeder Jahrgangsstufe unterrichtet und gelernt werden sollen. Aufgrund der Vielfalt der Fächer und Schulformen gibt es insgesamt 101 Rahmenpläne, die zusammen mit dem übergreifenden allgemeinen Teil insgesamt über 6.000 gedruckte Seiten umfassen. Sie werden in zwei Stufen überarbeitet. Zum heutigen Zeitpunkt werden die Referentenentwürfe für die Bildungspläne der Grundschule, der gymnasialen Oberstufe und der Hauptfächer in der Mittelstufe vorgestellt. Im nächsten Jahr folgen die restlichen Bildungspläne.

Die Schulbehörde erfüllt mit der Überarbeitung der Pläne einen 2019 parteiübergreifend beschlossenen Auftrag der Hamburgischen Bürgerschaft. Die Bildungspläne wurden von Fachleuten der Schulbehörde gemeinsam mit Lehrkräften aus den Schulen erarbeitet. Dabei wurden die Bildungspläne anderer Bundesländer, die Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) und die neusten pädagogischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt. Zudem wurden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Hamburg eng in die Beratungen einbezogen.

Zu den Neuerungen zählen die drei Leitperspektiven „Digitalisierung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Wertebildung“ sowie die „Sprachbildung“, die wie ein roter Faden in allen Fächern berücksichtigt werden sollen.

„Bildung für nachhaltige Entwicklung“ basiert auf einem Beschluss der Vereinten Nationen und zielt darauf ab, alle Lebensbereiche nach den Prinzipien der Dauerhaftigkeit, Gerechtigkeit und Teilhabe für alle zu organisieren und eine friedliche und tolerante Gesellschaft zu schaffen, die allen Menschen die Teilhabe ermöglicht und dabei die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit bewahrt. Die Leitperspektive „Wertebildung“ zielt darauf ab, die Grundwerte unserer Gesellschaft, wie sie im Grundgesetz beschrieben sind, im Unterricht sinnvoll zu verankern. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, an der Gestaltung einer der Humanität verpflichteten demokratischen Gesellschaft mitzuwirken und für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen sowie für die Gleichheit und das Lebensrecht aller Menschen einzutreten. Schulsenator Ties Rabe: „Schule ist mehr als Fachunterricht – Schule hat auch eine wichtige Erziehungsaufgabe. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst.“

Die neuen Bildungspläne berücksichtigen überdies die zahlreichen neuen, länderübergreifenden Vorgaben der KMK für die einzelnen Fächer und für das Abitur. Die KMK arbeitet seit 2012 daran, den Unterricht und die Abschlussprüfungen in allen Bundesländern anzugleichen. Sie kommt damit nicht nur dem Wunsch von Eltern und Schülerinnen und Schülern nach, die spätestens bei einem Schulwechsel die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern beklagen.

Sie folgt damit auch Vorgaben der Gerichte, die angesichts der bundesweiten Studienplatzvergabe energisch eine stärkere Angleichung des Unterrichts- und Leistungsniveaus fordern. Diese Vorgaben, aber auch die Rückmeldungen vieler Eltern und Schüler über erhebliche Unterschiede im Unterricht zwischen einzelnen Hamburger Schulen, machen es nötig, genauer als bisher den konkreten Unterrichtsinhalt zu beschreiben. Die bisherige „Kompetenzorientierung“ der Bildungspläne wurde deshalb durch so genannte „Kerncurricula“ ergänzt, die den Unterrichtsinhalt genauer beschreiben.

Neu ist auch eine etwas stärkere Konzentration auf die schriftlichen Klassenarbeiten und Klausuren. Anlass dafür ist die Schwäche der Hamburger Schülerinnen und Schüler im Bereich der schriftlichen Leistungen, die sich immer wieder in den Abschlussprüfungen zeigt. Zwar soll es auch künftig bei der verhältnismäßig geringen Zahl von Klassenarbeiten bzw. Klausuren bleiben: pro Halbjahr drei Klassenarbeiten in Deutsch, zwei in Mathematik und den Fremdsprachen sowie eine Klassenarbeit in den übrigen Fächern.

Aber künftig sollen diese Klassenarbeiten auch geschrieben werden und nicht – wie es bislang möglich war – durch andere Leistungen ersetzt werden können. Zudem sollen die in Klassenarbeiten erzielten Ergebnisse die Note in den Hauptfächern zu 50 Prozent bestimmen. Der übliche Bewertungsmaßstab mit einem stärkeren Gewicht der laufenden Kursarbeit gilt künftig nur noch für die so genannten Nebenfächer. Schulsenator Ties Rabe: „Wir bereiten unsere Schülerinnen und Schüler auf das Leben in einer Welt vor, die in allen Lebensbereichen – Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – immer stärker den sicheren Umgang mit Schrift und Sprache verlangt. Das muss im Unterricht auch unter Prüfungsbedingungen geübt werden.“

Das Thema „Leben in der digitalen Welt“ nimmt ebenfalls einen breiten Raum ein. In allen Bildungsplänen finden sich jetzt Hinweise, wie der Unterricht auf die Anforderungen der Digitalisierung ausgerichtet werden kann. Dabei geht es vor allem darum, die nachwachsenden Generationen zu „digital mündi­gen“ Menschen zu bilden, die

  • die technischen Möglichkeiten nutzen können, aber auch ihre Grenzen kennen,
  • Grundlagen und Hintergründe digitaler Verarbeitungsweisen, zum Beispiel die Wirkungswei­sen von Algorithmen, verstehen,
  • Handlungswissen für die eigene Datensouveränität besitzen sowie
  • über Kompetenzen hinsichtlich der Gestaltung ihres sozialen und kulturellen Lebens mithilfe innovativer, digitaler Technik verfügen.

Um das Thema in der schulischen Welt fest zu verankern, sollen künftig in jedem Halbjahr zwei Klausuren ab Klassenstufe 5 unter Einbeziehung des Computers geschrieben werden. Dabei ist es der Schule und den Lehrkräften überlassen, in welcher Form das geschieht. Zum Beispiel können digitale Hilfsmittel oder digitale Materialien bereitgestellt werden, mit oder aus denen die Schülerinnen und Schüler Informationen gewinnen. Oder die Schüler müssen unter Nutzung von digitalen Tools oder Programmen digitale Produkte erstellen.

Die Entwürfe der neuen Bildungspläne sollen breit mit den Schulgemeinschaften, den Interessenvertretungen und der Öffentlichkeit diskutiert werden. Dazu veröffentlicht die Schulbehörde die Referenten-Entwürfe bereits jetzt im Internet, um allen Interessierten den Zugang zu ermöglichen. Expertinnen und Experten der Schulbehörde werden die Bildungspläne überdies in zahlreichen Gremien erläutern. Dazu werden auch erstmals öffentliche Veranstaltungen angeboten. Bis Ende Juni können Interessierte Anregungen, Kommentare und Verbesserungsvorschläge einreichen. Die Behörde wird diese Anregungen dann erörtern und in ihre Überlegungen zur Überarbeitung der Bildungspläne einbeziehen. Im Herbst sollen die so überarbeiteten Bildungspläne dann veröffentlicht und ab dem Schuljahr 2023/24 an allen Schulen verbindlich eingeführt werden.

Schulsenator Ties Rabe: „Der große Umfang und die hohe Fachlichkeit der Bildungspläne stellen sicherlich eine Herausforderung für eine breite Beteiligung dar. Dennoch haben vergangene Diskussionen über Bildungspläne gezeigt, wie wichtig es ist, die Schulgemeinschaften und die Öffentlichkeit in diese Diskussion einzubeziehen. Schule ist erfolgreich, wenn sich viele beteiligen. Darauf setzen wir auch bei der Bildungsplanarbeit.“

 

Sandra Borchert

Redaktion und Redaktionsleitung