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Mikez: TRÄUME TRÜGEN NICHT

Lesezeit: 3 Minuten

Diese und letzte Woche stehen die Träume von Joseph und Pharao im Mittelpunkt der Tora-Lesung.

 

Kennen wir den  Wert der Träume?

Der Talmud berichtet, dass es in Jerusalem vierundzwanzig Traumdeuter gab, und beschreibt detailliert die Erklärungen zu verschiedenen Träumen. Der Traum war in der Tora das Mittel der Wahl für Prophezeiungen. Obwohl auch heute noch viele Menschen von Dingen träumen, von denen sie mit der normalen Sinneswahrnehmung nicht wissen können und die sich später als wahr herausstellen, ist der Inhalt der meisten unserer Träume banal.

 

Träumen, was vom Tage übrig blieb

Maimonides (1135-1204) unterscheidet zwischen „offenbarenden“ und gewöhnlichen Träumen. Normalerweise träumen wir von den Resten unseres Alltags: Ereignisse und Situationen aus dem Alltag, die kurz zuvor stattgefunden haben. Diese werden wiederholt, bearbeitet und gelöst. Maimonides sagt, dass das, was den Menschen im Wachzustand intensiv beschäftigt, im Traum wiederkehrt.

 

Du träumst, was dich beschäftigt

Der Talmud veranschaulicht diese Funktion des Traumes: „Der römische Kaiser fragte einst Rabbi Jehoschu’a: Du bist doch so klug; sage mir doch, was ich heute Nacht träumen soll! Der Rabbi antwortete, der Kaiser würde träumen, dass er von den Persern gefangen genommen würde und mit einem goldenen Stab Ungeziefer weiden müsse. Der Kaiser musste den ganzen Tag über diese seltsame Geschichte nachdenken. Und tatsächlich: In der Nacht träumte der Kaiser, was Rabbi Jehoschu’a vorausgesagt hatte“.

 

Doch oft wichtige Botschaften

Der Talmud schätzt Träume. Würde man eine Umfrage über die Bedeutung durchführen, die der moderne Mensch seinen Träumen beimisst, würden viele antworten, dass Träume Täuschungen sind. Im Jüdischen Denken enthält ein Traum oft wichtige Botschaften. Der Traum ist eine Art Fenster, durch das man einen Blick in eine andere Welt werfen kann, die dem Bewusstsein im Wachzustand unter normalen Umständen unzugänglich ist.

 

Unterbewusstsein

Diese andere Welt kann eine höhere Sphäre sein, und dann ist der Inhalt des Traumes prophetischer Natur. Manchmal enthüllt ein Traum das Unterbewusstsein. So erhält man Einblick in unbewusste Triebe und Motive. Diese können unmoralisch sein und sind dann treibende Impulse, die beim Träumer im Wachzustand aufgrund seiner Moral keine Chance haben. Aber das Unterbewusstsein muss nicht so schlimm sein. Edle Motive können auch aus dem Unterbewusstsein kommen. Manchmal ist das Unterbewusstsein ein weiser Ratgeber.

 

Funktion der Anpassung

Das Unterbewusstsein enthält die Aufzeichnungen aller Erfahrungen – auch der übernatürlichen -, die der Mensch mit sich trägt. Es ist ein unerschöpfliches Arsenal an Wissen über die tiefsten Beziehungen zwischen G’tt, dem Menschen und dem Kosmos. Dieses reiche Unterbewusstsein berät und warnt uns in der Nacht in Form von Träumen für unseren Lebensweg am Tag. Indem sie Botschaften des Unterbewusstseins bewusst machen, sorgen sie für Stabilität und Gesundheit des Geistes. Der Traum besitzt eine Funktion der Anpassung und wirkt an der individuellen Entwicklung mit.

 

Lösung von Konflikten

Dem Talmud zufolge kann der Traum im Schlaf auch dazu dienen, emotional aufgeladene Konflikte zu einer zufrieden stellenden Lösung zu bringen. Dieser Gedanke liegt in einer Aussage von Rav Huna: „Ein guter Mensch sieht schlechte Träume und ein schlechter Mensch sieht gute Träume“.

 

Belohnung und Bestrafung

Rabbi Schmu’el Edels (16. Jahrhundert, Polen) sieht diese Aussage jedoch im Rahmen von Belohnung und Bestrafung. Ein guter Mensch sieht böse Träume, um ihn zu ermutigen, die wenigen schlechten Dinge, die er in seinem Wachzustand tut, zu bereuen. Ein schlechter Mensch sieht gute Träume, die ihn für seine wenigen guten Taten belohnen.

 

Verdrängung und Konfrontation

Rav Huna erklärt auch den Mechanismus des psychischen Träumens. Ein guter Mensch träumt von Taten und Gefühlen, die er im Wachzustand verdrängt, mit denen er aber im Traum konfrontiert wird. Damit soll erreicht werden, dass der Mensch sich unterdrückten Eigenschaften stellt, sich ihrer bewusst wird und sie verbessert. Die Psychologie der Verdrängung wurde hier bereits beschrieben.

 

 

© Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: Josef verhandelt mit seinem Bruder Juda | © James Tissot, vor 1902, Jewish Museum