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JOSEF UND BENJAMIN: FORTLAUFENDE TRAUER UM DEN INNEREN HASS UND DEN VERLUST DES TEMPELS IN JERUSALEM

Lesezeit: 6 Minuten

Als Josef sich schließlich seinen Brüdern offenbart, weist er sie an, nach Israel zurückzukehren und ihrem Vater Jakob von der großen Ehre zu berichten, die ihm in Ägypten zuteil wurde. Er bittet Jakob, die ganze Familie mit nach Ägypten zu nehmen. Josef verspricht, dass er sich um sie kümmern wird. Und die Tora berichtet: “Da fiel er (Josef) seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte; und Benjamin weinte an seinem Hals” (Bereschit/Gen 45,14). Natürlich könnte man dieses Weinen als Freudentränen interpretieren, weil sie sich nach 22 Jahren endlich wiedergesehen haben. Aber das scheint so offensichtlich zu sein, dass die Tora es nicht zu erwähnen brauchte. Jedes Wiedersehen nach langer Zeit wird von starken Emotionen begleitet.

 

Eine tiefere Erfahrung

Die Tora erwähnt dies, um uns eine tiefere Erfahrungsebene in den Herzen von Jozef und Benjamin zu zeigen. Der Talmud (B.T. Megilla 16b) gibt uns diese tiefere Bedeutungsebene: “Jozef weinte über die beiden Tempel, die im Erbteil des Stammes Benjamin in Israel gebaut werden sollten, die aber schließlich zerstört werden sollten. Und Benjamin weinte über das Heiligtum von Silo, das im Erbteil Jozefs (d.h. Efraims, des Sohnes Jozefs) gebaut werden sollte und das am Ende auch zerstört wurde.”

Das ist für mich schwer zu verstehen. Alle genannten Heiligtümer existierten noch lange nicht. Was hat die Zerstörung des Tempels mit dem Hass zwischen den Brüdern und den guten Gefühlen zwischen Benjamin und Jozef zu tun? Sehr viel sogar! Doch zunächst möchte ich Ihnen einige einführende Bemerkungen machen.

 

Einleitung I: Wiederaufbau des Tempels?

Wir leben in einer paradoxen Zeit. Seit dem Sechstagekrieg (1967) steht die Stadt Jerusalem nach fast 2000 Jahren wieder unter unserer Verwaltungshoheit. Jerusalem ist wieder zu unserem nationalen religiösen Zentrum geworden. Andererseits fühlen wir uns aber an unserem heiligsten Ort, dem Tempelberg, bedroht. Wir können dort immer noch nicht ungestört beten. Der Tempel ist nicht mehr da. Auch in religiöser Hinsicht leben wir in widersprüchlichen Verhältnissen. Wir dürfen unser Allerheiligstes nicht betreten, weil wir noch unrein sind. Andererseits ist das Gebot aus Schemot/Exodus 25:8 “Sie sollen mir ein Heiligtum bauen” immer noch gültig. Einige Gelehrte nennen als Bedingung für den Wiederaufbau, dass die Mehrheit des Jüdischen Volkes in Israel leben muss. Außerdem fehlen uns Propheten, die den genauen Ort angeben können, an dem der Tempel wieder aufgebaut werden muss. Solange wir nicht genau wissen, wo der ursprüngliche Altar zurzeit König Salomos stand, können wir nicht mit dem Wiederaufbau beginnen (B.T. Zevachim 62a).

 

Ende einer traurigen Geschichte

Bis zum Wiederaufbau des dritten Tempels werden wir jedoch weiterhin den Verlust des Heiligtums betrauern, das einst das Zentrum unserer spirituellen Inspiration war und das Jerusalem seinen besonderen Status verlieh. Der Verlust des Tempels ist nur das Ende einer traurigen Geschichte. Das Heiligtum hatte seine Funktion verloren, weil die Tora nicht mehr in den Herzen der Menschen lebte. Es war der innere sinat chinam – der Hass auf das Nichts – der uns noch heute verfolgt. Die wahre Ursache für die Zerstörung des Tempels durch die Römer waren die schlechten internen Beziehungen zwischen den Juden. Deshalb trauern wir auch heute noch. Leider hat sich seit der Zeit Jozefs und seit der Zerstörung des Tempels (möge er bald wieder aufgebaut werden, amen!) nicht viel geändert.

Auch war das Verhältnis zwischen Jozef und seinen Brüdern schlecht. Sie verkauften Jozef als Sklaven nach Ägypten. Die Tora ist in dieser Hinsicht ehrlich. Jozefs Beziehung zu Benjamin wurde durch den Verkauf nicht beeinträchtigt. Benjamin war noch sehr jung, als der Verkauf von Jozef stattfand. Er hatte sich also nicht daran beteiligt.

 

Einleitung II: intensive Beschäftigung mit G’ttes Wohnstatt auf der Erde

Die Tora ist kein gewöhnliches Buch. Wenn wir es als interessantes Geschichtsbuch lesen, verfehlen wir das Wesentliche. Die Tora erzählt uns von heiligen Menschen, die zwar auch ihre menschlichen Schwächen hatten, sich aber in erster Linie mit heiligen und heiligenden Dingen beschäftigten. Der Tempel in Jerusalem stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Hauptpersonen im ersten Buch der Tora, der Genesis. Der Tempel war das Symbol dafür, dass G’tt zwischen den Menschen, in den Herzen der Menschen wohnt. Die Bindung von Isaak durch Abraham fand auf dem Tempelberg statt. Jakob träumte von der Leiter, die auf dem Tempelberg bis in den Himmel reicht. Auch die Kinder Jakobs – wie Jozef und Benjamin – waren daran intensiv beteiligt. Denken Sie daran, dass beide prophetische Gaben hatten und sich um die Zukunft des Jüdischen Volkes in Israel kümmerten. Ich erzähle Ihnen beide Einleitungen, um die unverständliche Bemerkung des Talmuds zu verdeutlichen.

 

Jede menschliche Anstrengung bleibt unvollkommen

Seien Sie ehrlich. Wenn wir die Geschichte am Hof des Vizekönigs von Ägypten lesen, haben wir den starken Eindruck, dass Jozef sich mit seinen absurden Anschuldigungen an seinen Brüdern rächen will. Aber Jozef war ein heiliger und guter Mann und wollte nur, dass seine Brüder bereuten, Jozef verkauft zu haben, damit dieser schreckliche Bruderzwist ein Ende hatte. Die Brüder mussten auch vom Himmel für ihr abscheuliches Verbrechen gesühnt werden. Dafür mussten sie tiefe Gewissensbisse empfinden. Jozef hätte mit seinen falschen Anschuldigungen und seinen Intrigen so lange weitermachen können, bis die Brüder auf die Nase gefallen wären. Die Frage war natürlich, wie viel sie leiden und wie viel Reue sie zeigen müssten, um von ihrer Sünde völlig befreit zu werden, auch in den Augen des Himmels.

Und die zweite Frage war natürlich, wie lange Jozef selbst dieses Katz- und Mausspiel durchhalten würde. Auch er hatte vielen unverarbeitete Frustrationen. Irgendwann konnte Jozef seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Er hatte keine Wahl… er musste sich offenbaren und den Brüdern seine wahre Identität preisgeben: “Ich bin Jozef”.

 

Die Eifersucht war noch nicht vollständig beseitigt

Objektiv gesehen war dieser Moment der Enthüllung zu früh. Der Hass zwischen ihnen war noch nicht ganz zerstört. Die Sünde war noch nicht vollständig gesühnt worden. Die Wut und die Frustrationen blieben leider die ganze Geschichte hindurch latent. Hätte Jozef sich besser im Griff gehabt, wäre der Streit der Brüder für immer gelöst gewesen. Jozef hätte durchhalten sollen, aber er konnte mit diesem Katz-und-Maus-Spiel einfach nicht umgehen. In einem bestimmten Moment brach er aus. Dieser “Hass auf das Nichts”, der nicht völlig zerstört wurde, spielte uns weiterhin Streiche. Im Laufe der Jüdischen Geschichte wurde es von Zeit zu Zeit so schlimm, dass schließlich alle Heiligtümer in Flammen aufgingen, nur weil man sich gegenseitig hasste und beneidete. Hätte Jozef die Kraft gehabt, die ganze Sünde seiner Entführung zu sühnen, wäre all diese Zerstörung unnötig gewesen, und uns wäre viel Elend erspart geblieben. Bis heute sind wir Opfer der gegenseitigen Intoleranz. Es hätte so schön sein können…

 

Warum hat Jozef die anderen Brüder nicht angeschrien?

Jozef weinte auf Benjamins Schultern, weil er ahnte, dass der Hass zwischen ihnen noch nicht mit all seinen zukünftigen Folgen beseitigt war.  Aber warum weinte Jozef zuerst über seinen jüngsten Bruder und erst dann über seine anderen Brüder? Jozef hat keine schlechten Erfahrungen mit Benjamin gemacht. Hier war er sich eines guten, positiven ‘wipe’ sicher. Mit Benjamin könnte Jozef ohne jedes Risiko einen positiven statt eines negativen Starts hinlegen. Bei Benjamin war er sich hundertprozentig sicher, dass er bedingungslos gute, gegenseitige Bindungen haben würde.

Wie können wir schlechte Beziehungen wiederherstellen? Indem wir zeigen, dass wir uns kümmern. Wenn ich zeige, dass ich mich für die Höhen und Tiefen des anderen interessiere, ist das der erste Schritt in die richtige Richtung. Deshalb weinte Jozef nicht um die Zerstörung seines eigenen Heiligtums, sondern um das von Benjamin. Wer Gutes tut, trifft auf Gutes. Jozefs Emotionen hatten eine gute Wirkung auf Benjamin. Da er sah, dass sein großer Bruder sich um ihn und seine (religiösen) Gefühle kümmerte, löste dies auch bei ihm eine positive Reaktion aus. Aktion und Reaktion. Benjamin zeigte auch Mitgefühl mit dem Heiligtum von Jozef. Aller Anfang ist schwer. Jozef hegte keinen Groll gegen seine Brüder. Damit war der Weg zur Wiedervereinigung und Versöhnung geebnet. Gut, aber am Ende nicht genug.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: © 1627 Claes Moeyaert / “Joseph finds the silver in Benjamin’s sacks”

 

 

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag