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JA’AKOWS GUTE BEZIEHUNG ZUR STADT SICHEM WIRD DURCH DIE ENTFÜHRUNG DINAS ZERSTÖRT

Die Reise von Ja’akow, unserem dritten Erzvater, zurück von Charan (Syrien) nach Israel dauerte eineinhalb Jahre. Während dieser Zeit hatten sein Schwiegervater Lawan und Ja’akow eine Meinungsverschiedenheit über seine plötzliche Abreise (woraufhin beide einen Pakt schlossen), Ja’akow verfluchte den Dieb oder die Diebin der Götzen (Terafim) von Lawan, seine unvergleichliche Frau Rachel starb, die in der Nähe von Beet Lechem begraben wurde, und er traf seinen Bruder Esau, dem Ja’akow mit Furcht und Zittern entgegensah.

 

Jaakow betont den vorübergehenden Charakter seiner Existenz

Nachdem er Esau getroffen hatte, reiste Ja’akow nach Sukkot und baute sich ein Haus und Unterstände (Sukkot) für sein Vieh. Deshalb nannte Ja’akow den Ort Sukkot (vorübergehende Unterkunft). Ja‘akow hielt diesen Namen für angemessen – obwohl es der Name seiner Schafställe und nicht seines eigenen Hauses war -, um den vorübergehenden Charakter seiner Existenz auf der Erde zu betonen.

Ja’akow kam unversehrt in Kena’an in der Nähe der Stadt Sichem an und schlug sein Lager vor der Stadt auf, wie es in der Thora heißt (Bereschit/Gen 33:17-18). Dann folgt die traurige Episode der Entführung und Vergewaltigung Dinas durch Sichem, den Sohn des Königs Chamor von Sichem, woraufhin Schimon und Levi, die Brüder Dinas, sich an der Stadt Sichem rächen. Ja’akows Ausdruck von Dankbarkeit und Zuneigung wird durch das brutale Vorgehen der Einwohner von Sichem, das zum Teil auf ihre Undankbarkeit gegenüber Ja’akow zurückzuführen ist, jäh unterbrochen.

 

Doppeldeutiger Ausdruck bedeutet mehrere Vorgänge

Für diese Unterbringung verwendet die Thora im Hebräischen einen etwas merkwürdigen, doppeldeutigen Ausdruck:Wajichan et pnei ha‘ir kann einfach übersetzt werden und bedeutet dann tatsächlich “und er lagerte vor der Stadt” (Wajichan kommt dann von der gleichen Wurzel wie das Wort Machane, Lager), aber es kann auch bedeuten “und er begünstigte die Stadt” (in dieser letzten Bedeutung kommt Wajichan dann von der gleichen Wurzel wie das Wort chen, begünstigen).

 

Dankesbekundungen an eine Stadt

Dem Midrasch zufolge bedeutet Gunst Dankbarkeit. Ja’akow war dankbar für die Gastfreundschaft der Stadt Sichem und wollte sich dafür erkenntlich zeigen. Heutzutage kennen wir kaum noch Dankbarkeit. Das liegt daran, dass wir heutzutage glauben, wir hätten ein Recht auf alles. Wenn wir ein Recht auf etwas haben, müssen wir nicht dankbar sein. Dankbarkeit ist ein irritierendes Gefühl, weil es impliziert, dass wir dem anderen etwas schulden.

Ja’akow war nicht nur seinen Mitmenschen dankbar, sondern auch der Stadt, einem Kollektiv von Menschen, die ihn am Ende nicht gut behandelten.

 

Wie hat diese Dankbarkeit Gestalt angenommen?

Der Midrasch stellt drei Handlungen vor, die Ja’akow unternahm, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Er schickte Geschenke an die Verwalter der Stadt. Nach einer zweiten Meinung schuf Ja’akow einen Marktplatz und verkaufte billige Waren. Eine dritte Maßnahme bestand darin, dass er ein neues Geldsystem, entwarf, um die Wirtschaft von Sichem anzukurbeln. Der Ausdruck der Dankbarkeit zeigt die Größe von Ja’akows Persönlichkeit.

 

all diese Gefallen konnten die Moral der Stadt nicht heben

Doch leider konnten all diese Gefallen und kostenlosen Dienstleistungen die Moral der Stadt nicht heben. Sichem, der Sohn von Chamor, dem Kronprinzen von Sichem, entführt und vergewaltigt schamlos Ja’akows Tochter Dina, und sein Vater Chamor (was auf Hebräisch Esel bedeutet) versucht, die beiden Völker zusammenzubringen und sie zu versöhnen. Niemand in der Stadt Sichem stand auf, um Gerechtigkeit für diese Entführung und Vergewaltigung zu fordern.

 

Das Ganze war ein schwerer Verstoß gegen das noachidische Gesetz, und zwar aus drei Gründen:

-Entführung ist die schwerste Form des Diebstahls,

-Vergewaltigung ist ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Sexualmoral und wird in der Thora mit Mord gleichgesetzt,

-und die Weigerung, Recht zu sprechen und zu verurteilen, ist ein Verstoß gegen das Gebot der Dinim, der Einrichtung von Gesetzen und (Straf-)Gerichten, die die Pflicht und die Macht haben, das Gesetz durchzusetzen.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: Dinah, Portrait of a Negress | © Eastman Johnson