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Tischa BeAw ist kein einfacher Tag für uns. Vor 2000 Jahren fand unter Titus der furchtbare Krieg mit den grausamen Römern statt, 500 Jahre zuvor fand unter Nebukadnezar der Krieg mit den Babyloniern statt.

An Tischa BeAw wurden der erste und zweite Tempel in Jerusalem verwüstet.

 

Ja’akov kämpfte in der Nacht vor Tischa BeAw mit einem Engel

Nach Jüdischer Tradition kämpfte Ja’akov in der Nacht vor Tischa BeAw mit einem Engel. Mitten in der Nacht griff der Engel unseren dritten Erzvater Ja’akov an. Der Engel symbolisierte das Übel des Antisemitismus und der Assimilation. Wir kämpften und werden weiterhin gegenalle antijüdischen Kräfte kämpfen, für die dieser Engel steht.

 

Ja’akovs Hüftgelenk verletzt

Tischa BeAw ist und bleibt ein schwieriger Tag. Woher nehmen wir an diesem Tag der Gegen-Kräfte unsere Inspiration? Auch Ja’akovs verzerrter Muskel steht mit Tischa BeAw in Verbindung. In Bereschit/Genesis Kapitel 32 kämpfte Ja’akov eine Nacht lang einen erbitterten Kampf mit dem Engel des Bösen. Die Nacht schien endlos, ein Symbol für unser langes Galut (Golus, Exil). Am Morgen musste der Engel des Bösen erkennen, dass Ja’akov stärker war. Im letzten Moment des Kampfes aber gelang es dem Engel, Ja’akovs Hüftgelenk zu verletzen, so dass er hinkte. Aber, so sagt die Thora, als am nächsten Morgen die Sonne wieder schien, wurde Ja’akovs verzerrtes Hüftgelenk durch sie geheilt. Ja’akov, die Symbolfigur des Jüdischen Volkes, hinkte zwar fortan, aber er ging weiter und setzte seine Lebens-Mission fort.

 

Wir fanden neue Inspiration in unserem Judentum

Das Jüdische Volk hat im Laufe der Geschichte viele Schicksalsschläge erlitten. Ja’akov, das Jüdische Volk, ging durch eine schreckliche Nacht in unserem langen Galut (Exil). Wir waren schwer verletzt, konnten kaum noch laufen, aber am nächsten Tag ging es weiter. Die Sonne ging wieder auf und begann für uns zu scheinen. Heraus aus den tiefen Tälern kommend standen wir wieder aufrecht und fanden neue Inspiration in unserem Judentum.

An Tischa BeAw blicken wir zurück. Wir finden Stärke in unserer Geschichte und in unserer Zukunft. Nach der tiefen Trauer an Tischa BeAw schöpfen wir wieder Kraft. Am Morgen danach sind wir wiederhergestellt, trotz allem, trotz all dem Schmerz.

 

Warum wurde Jaakov angegriffen?

Warum wurde Ja’akov vom Engel des Bösen angegriffen? Er wurde allein gelassen und wollte zum Fluss auf der anderen Seite, um dort ein paar zurückgelassene Gegenstände abzuholen. Ja’akov beging zwei entscheidende Fehler. Wir dürfen niemals allein zurückbleiben oder andere Menschen allein zurücklassen. Unsere Stärke liegt in unserer Einigkeit und nicht in unserer Uneinigkeit. Zweitens konzentrierte sich Ja’akov einen Moment lang zu sehr auf das Materielle seines Lebens. Er war auf der Suche nach einigen kleinen Gegenständen. Und genau in diesem Moment griff der Engel nach seiner Hand.

 

Versuchungen und Verlockungen

Wir alle haben Momente, in denen wir uns vom Jüdischen Volk zurückziehen und uns assimilieren. Wir alle haben Momente, in denen wir für einen Augenblick den materiellen Versuchungen und Verlockungen verfallen.

Ja’akov, das sind wir! Genau darum geht es an Tischa BeAw.

 

Beginn eines Prozesses zur Teschuwa

 

Tischa BeAw markiert den Beginn eines Prozesses zur Teschuwa (Reue und Umkehr), der an Rosch Haschana und Jom Kippur endet. Wir beginnen mit der Teschuwa aus unserem bitteren Kummer an Tischa BeAw heraus, gefolgt von der Teschuwa aus Ehrfurcht vor HaSchem zu Rosch Haschana und Jom Kippur.

An Sukkot (Laubhüttenfest) machen wir Teschuwa aus Liebe und Freude. Es ist eine aufsteigende Linie, durch die wir schließlich mit HaSchem und uns selbst ins Reine kommen. Die Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels markiert jedes Jahr den Beginn einer neuen Zeit der Inspiration und Hoffnung. Nach dieser Nacht, in der wir mit unseren niederen Instinkten kämpften, erhielten wir einen neuen Namen: Jisrael. Wir haben es endlich geschafft…

Zom mo‘il! Aus der Tiefe heraus scheint erhebt sich der Horizont einer glorreichen Zukunft!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin