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DIE STÄMME RUBEN, GAD UND HALB MENASCHE BLEIBEN IM LAND VON SICHON UND OG ZURÜCK, AUF DER GEGENÜBER LIEGENDEN SEITE DES JORDAN

„Sie näherten sich bis zu ihm (Mosche) und sie sagten: „Wir werden hier verbleiben, für unser Vieh  Behausungen und Städte für unsere kleinen Kinder errichten“ (32:16).

 

die wichtigsten Angelegenheiten in den Vordergrund

Raschi erklärt hier, dass der zwei und ein halber Stamm, der Mosche bedrängte, um an der gegenüber liegenden Seite des Jordans verbleiben zu dürfen, sich mehr Sorge um deren Besitz, als um ihre/seine Kinder machte. Sie zogen nämlich die Unterstände oder Verschläge ihres Viehs vor den Häusern für ihre Kinder vor. Mosche hielt ihnen eine Moralpredigt: „Das ist nicht gut. Stellet die wichtigsten Angelegenheiten in den Vordergrund und die weniger wichtigen Dinge im Anschluss daran. Zuerst solltet Ihr Städte für Euere Kinder errichten und danach Schafställe für Euer Kleinvieh“.

 

sie haben die Reihenfolge indertat auch eingehalten

Raschi schließt hier an eine verkehrte Bevorzugung des zwei und einen halben Stammes an: Gad, Ruben und halb Menasche. Im Grunde genommen zitiert Raschi die Antwort von Mosche im Satz 32:24. Dort sagt Mosche wortwörtlich: „Errichte Städte für die selber und für Deine Kinder und Schafställe für Euere Schäflein“.

Raschi achtete auf diese Antwort von Mosche sorgfältig. Raschi sagt sehr deutlich, dass sie zuerst Städte für ihre Kinder hätten bauen sollen und danach erst Aufenthalte für die Tiere. Die Wortfolge ist nicht zufällig. Als die zweiundeinhalb Stämme dem Mosche antworten, zeigten sie ganz deutlich, dass sie seine eingehende Lektion verstanden hätten. Sie sagen wortwörtlich: „Deine Diener werden das tun, was unser Meister uns beauftragt. Unsere Kinder, Frauen und Kleinvieh werden in den Städten von Gilad bleiben“. Weiter (32:34-36) im Text steht auch klar, dass sie die Reihenfolge auch eingehalten haben, als sie ihre Pläne in die Tat umsetzten.

 

der Erbteil auf der anderen Seite des Jordan

„Denn wir werden mit denen an der anderen Seite des Jordan nicht mit erben und weiter, denn unser Erbanteil ist im Osten an der anderen Seite des Jordan bereits zu uns gelangt“(32:19).

Raschi erläutert hier, dass mit dem ersten Ausspruch „an oder auf der anderen Seite des Jordan“ die Westbank gemeint sei. Während „die zweite Seite des Jordan“ bedeutet: „der Erbteil, den wir bereits auf der Ostseite des Jordan eingenommen haben“.

 

Transjordanien oder die Westbank

Raschi wird hierzu gezwungen, denn „an oder auf der Überseite des Jordan“ kann Zweierlei bedeuten: das heutige Transjordanien oder die heutige Westbank. Es hängt davon ab, wo wir uns befinden, also aus welcher Richtung wir das alles betrachten. Als der zwei und ein halber Stamm beabsichtigte, um bewaffnet vor den Bnej Jisra’ejl aus zu ziehen, die in das Land hinein ziehen würden, meinten sie, dass sie an der Westseite des Jordan nicht Teil haben würden. Ihren Anteil an der Ostseite des Jordan hatten sie bereits in Besitz genommen.

 

Erbanteil an der Ostseite des Jordan bereits erhalten

Raschi wird zu dieser Erläuterung gezwungen, da es an erster Stelle verwirrend ist, dass der Begriff „an der Überseite des Jordan“ hier in zwei unterschiedliche geographische Bedeutungen verwendet wird. Außerdem kann „an der Überseite des Jordan“ im Hebräischen auch ein Name eines Ortes sein, wie in Deutsch: das gegenwärtige Transjordanien. Mit Transjordanien wird das andere Ufer, die andere Gegend des Jordan gemeint, von aus dem Westen betrachtet. Es würde der heutige Staat Jordanien sein. Um klar zu stellen, dass hier kein Ortsname gemeint sei, fügt Raschi hinzu, dass er meint, dass die „Überseite des Jordan“ ein relativer Name sei, von der Stelle aus abhängig, wo sich der Zuschauer befände. Das zweite Mal sollte „die Überseite des Jordan“ bedeuten, dass sie ihren Erbanteil an der Ostseite des Jordan bereits erhalten hätten, da unterhalb des Buchstabens „Bejt“ des Wörtchens „ba’a“ (kam) ein Klemmzeichen steht. Das macht es zur Vergangenheit.

 

mit dem Blick in die Zukunft

Der zwei und ein halber Stamm spricht mit dem Blick in die Zukunft: wenn wir auf der anderen Seite des Jordan mitkämpfen sollen, um Israel zu erobern, haben wir die Ostseite des Jordan bereits als Erbschaft bekommen.

 

Novachs Name hat nicht lange fortbestanden

„Novach ging und eroberte Kenat und ihre umgebenden Städte. Er nannte es („la“ im Hebräischen) Novach, nach seinem Namen“ (32:42).

 

wie können wir dasselbe Wort auf verschiedene Arten erklären?

*Raschi fragt sich, weshalb das Wort „la“ (es, die Stadt) keinen Punkt im „Hej“ aufweist. Raschi zitiert den Kommentar von Rabbi Mosche Hadarsjan: das „la“ ohne Punkt im „Hej“ sollte verstanden werden als „lo“ (Lammed alef, „nein“ oder „nicht“). Das bedeutet, dass sein Name nicht lange fortbestanden hat. Raschi deutet anschließend auf zwei andere Stellen im Tenach hin, wo „la“ ohne Punkt im Hej geschrieben wird. Unter anderem steht in der Rolle von Ruth (2:14): „Dann sprach Boas zu ihr“. Das gleiche steht beim Prophet Secharia (5:11): „Um ihr ein Haus zu bauen“. Laut Raschi kann „la“ an diesen zwei Stellen nicht als „lo“ verstanden werden. Raschi wundert sich hierüber, dann wie können wir dasselbe Wort auf verschiedene Arten erklären?

 

Nein! Du bist nicht eine unserer Dienerinnen, sondern eine unserer Erzmütter

*Nachmanides (Ramban) erläutert jedoch, dass der Midrasch diese zwei Sätze ohne Punkt im „Hej“ beim Wort „la“ wohl erklärt. In Ruth (2:14) zum Beispiel wird das Wort „la“ tatsächlich als „lo“ gedeutet. Ruth sprach nämlich zu Boas: „Möge ich andauernd Gunst in Ihren Augen begegnen, mein Herr, da Sie mich getröstet haben und da Sie zum Herzen Ihrer Dienerin gesprochen haben, auch wenn ich selber nicht eine Ihrer Dienerinnen bin. Boas sprach dann zu ihr („la“)“. Unsere Weisen erklären, dass Boas zu Ruth sagte: „Nein! G“tt bewahre! Du bist nicht eine unserer Dienerinnen, sondern Du bist eine unserer Erzmütter“.

Ramban lobt Raschi’s enzyklopädischen Kenntnisse sehr und versteht nicht, dass Raschi diesen Midrasch nicht kannte. Obwohl es nicht mit Sicherheit nach zu weisen ist, ist es möglich, dass Raschi diesen Midrasch tatsächlich nicht „gespeichert“ hatte und deshalb, bei seiner Erklärung zum Tenach, deshalb hiervon keinen Gebrauch hatte machen können.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers (Basierend auf „What’s bothering Rashi?“ von Rabbi A. Boncheck)