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Trauerfeier für Malte C. in Hamburg

Lesezeit: 5 Minuten

Mit einer Schweigeminute wurde am vergangenen Samstag Malte C. gedacht, welcher brutal niedergeschlagen wurde, als er zwei lesbische Frauen verteidigte. Besonders bewegend waren dabei das Gedicht von Yannick-Maria, welches wir Ihnen einmal im Gesamten vorstellen möchten.

Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy
Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy
Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy
Trauerfeier für Malte C. Hamburg | Foto: © Armin Levy

 

Wir – Das Kind

von Kulturwissenschaftler*in und Kunst-Aktivist*in Yannick-Maria Reimers

 

Kulturwissenschaftler*in und Kunst-Aktivist*in Yannick-Maria Reimers | Foto: © Noah Elian Bartels
Kulturwissenschaftler*in und Kunst-Aktivist*in Yannick-Maria Reimers | Foto: © Noah Elian Bartels

 

Ich erfuhr von einem Menschen, der starb und dessen Geist oder Seele oder wie auch immer das bezeichnet werden kann, von einem mystischen Wesen erfuhr das Kind zu sein. Es würde wiedergeboren werden, in einer anderen Zeit, auf einem anderen Kontinent, es könne sich selbst dadurch sogar begegnen. Tatsächlich tat es dies auch immer wieder. Jedes Mal erfuhr es von Anderen und irgendwann begegnete es mir und auch ich erfuhr von den Anderen. An ein paar Dinge erinnere ich mich noch.

Ich erfuhr von einem Menschen, der auf dem CSD in Münster zwei Frauen verteidigte, vom Täter geschlagen wurde, zu Boden fiel, dessen Kopf auf dem Kantstein aufschlug und der einige Tage später an seinen Verletzungen verstarb. Am 02. September 2022, um genau zu sein. Malte.

Ich erfuhr von Menschen, die nicht wussten, dass der Kampf gegen toxische Männlichkeit kein Kampf gegen Männer ist, sondern für gesunde Männlichkeit. Manche erzählten, sie würden alle Frauen hassen.

Zwei von ihnen wurden Täter: einer, um nicht vor den anderen schwach zu wirken, der andere vergewaltigte, weil er nicht wusste, wie man sich gefühlvoll anderen annähert. Einer brachte sich um, weil es zu viel wahr mit den Emotionen und darüber zu reden, als Mann ja nicht gehe. Nur trainieren geht und große Gebärden, sich über Macht und Geld zu definieren.

Ich wünschte sie alle wären ein gesunder Mann oder werden es noch.

Ich erfuhr von Menschen, die erzählten, dass sie alle Männer hassen würden, aus eigenen Verletzungen heraus andere verletzen, über den Kamm scheren und einige so erst in den toxischen Kreislauf mit rein ziehen. Die sich durch toxische Weiblichkeit dazu gezwungen sehen, besonders empathisch, gefühlvoll, emotional intelligent sein zu müssen, am besten moralischer als alle anderen, sich übertrumpfen im Konkurrenzkampf und sich den Druck machen, besonders schön sein zu müssen, besonders glücklich zu wirken. Sucht nach Bewunderung, Erfolg und Vergleich. Neid, den man als Bewunderung inszeniert und hinter einem bezaubernden Lächeln möglichst authentisch versteckt.

Ich wünschte sie alle wären eine gesunde Frau oder werden es noch.

Ich erfuhr von Menschen, die innerhalb ihrer Community andere ausschlossen: weil sie nicht trans genug, nicht queer genug wären. Weil bi+-sexuelle Menschen ja nur nicht zu ihrer Homosexualität stehen würden.

Weil sie nicht Schwarz genug wären, ihre Kultur verleugnen würden, weil sie ja nur leicht und nicht sichtbar behindert wären, weil sie als jüdische Menschen trotz der Erlebnisse des Holocaust in Deutschland leben würden.

Ich erfuhr von einem Menschen, einem Vater, der seinen Sohn mit den Worten anschrie: „Du bist schwul?“ Und ihm ein Messer über den Hals zog, dass die Halsschlag-Ader knapp verfehlte. Das Kind überlebte. Seran, zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt. Sein Vater war ein gläubiger Moslem.

Ich erfuhr von einem Menschen, einem Christen, der diesen Vorfall missbrauchte, um Moslems, ja dem Islam Queerfeindlichkeit zu unterstellen, und der nicht wusste, dass erst durch das Männerbild christlicher Kolonialisten, den Briten, die Queerfeindlichkeit gegen Männer, sich über Indien und die islamische Welt ausbreitete. Der nicht auf die Missbrauchsfälle in der eigenen Glaubensgemeinschaft schaute, die Frauenfeindlichkeit in vielen Religionen übersah und nicht wusste, dass es in allen Religionen nicht die eine Religion gibt, sondern verschiedene Strömungen. Auch welche die queere Menschen begrüßen.

Ich erfuhr von Menschen, die verurteilt wurden und im Gefängnis erst richtig kriminell und extrem wurden. Weil das Justizsystem auf Bestrafung, auf Rache und nicht auf Resozialisierung und Versöhnung ausgerichtet ist. Menschen, die einander als Gruppen abwerten, die Schwuchteln, die Ausländer*innen, die Kriminellen, die Polizist*innen, die behinderten Menschen, die Täter*innen, die Pädophilen, die Opfer und sie alle würden es verdienen, als Verkörperung des Bösen ausgeschlachtet zu werden. Menschen, die übereinander herfallen. Die sich nicht auf die Struktur der Probleme fokussieren, um sie zu lösen, sondern einander in der Emotionalität nichts gönnen außer Gewalt und Tod.

Die sagen, wie leid ihnen die Sache mit was auch immer passiert ist, tut, wie wütend es sie macht, wie traurig und nicht ins handeln kommen. Mit wie vielen Institutionen und Menschen habe ich Kontakt, die denken, dass solche Aufklärung oder beispielsweise queere, antirassistische, antiableistische Kunst einfach nur ein Nice-To-Have wäre. Für das Image. Die von diesem Leid nichts wussten. So wie ich in Kindheit und Jugend nie die Chance bekam, meine queeren Seiten zu entdecken, vom Normdenken Selbsthass vermittelt bekam und diesen dann zunächst überwinden musste.

Ich erfuhr von Menschen, die all dies hörten und Angst bekamen. Weil sie nicht mit so viel Kritik, Negativität konfrontiert werden wollen oder Angst haben, ihr eigenes Anders-Sein zu erkennen und Ähnliches zu erleben.

Die all die schönen positiven Dinge nicht kennenlernen, frei von Erwartungen und Rollenbildern zu leben, keine Angst haben zu müssen, sich mal zu verändern, anders zu lieben oder zu leben, zu merken, wie viel Sicherheit, Hoffnung und Miteinander es in diesen Bereichen gibt. Dass diese Bereiche nicht auf einer anderen Seite sind, sondern wir alle als Menschen von etwas mehr Aufklärung zur Identität profitieren.

Weil Vielfalt nicht diese schrillen, bunten, nervigen Menschen sind, weil wir alle diese Vielfalt sind, ob rechts oder links, männlich oder weiblich oder divers, dass es nicht um diese Kategorien geht, sie nur Orientierung sind, weil wir alle einzigartig anders sind.

Ich erfuhr von einem Menschen, dass ich gestorben bin, es war eigentlich kein Mensch, sondern das mystische Wesen vom Anfang. Ich würde wiedergeboren werden.

In einer anderen Zeit, auf einem anderen Kontinent, ich könnte sogar mir selbst begegnen. So wie ich es jetzt tue. Es schockierte mich besonders, dass ich anscheinend auch Hitler war und alle jüdischen, Schwarzen, behinderten Menschen, alle, die er umbrachte. Alles, was ich anderen antat, tat ich mir selber an. Wenn ich wiedergeboren werde, würde ich all meine Erinnerungen an die anderen Leben wieder vergessen. Sonst würde dies mein Verstand nicht aushalten. Ich wäre ja noch ein Kind. Erst wenn ich alle leben zu jeder Zeit gelebt hätte, wäre ich erwachsen und so wie das mystische Wesen. Dieses Mal vergaß ich nicht alles.

Als ich das volle Ausmaß begriff, schrieb ich mir diese Geschichte.

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag