Die drei langen Leben der Ingeborg Syllm-Rapoport

Ingeborg Syllm-Rapoport Foto © Bodo Marks
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Vor 110 Jahren wurde Ingeborg Syllm am 02. September 1912 als Tochter eines Kaufmanns und der jüdischen Pianistin Maria Feibes in Kirbi, Kamerun geboren.. Sie verbrachte jedoch Kindheit und Jugend in Hamburg. Sie erregte im Mai 2015 großes Aufsehen, als sie im Alter von 102 hier ihre Doktorarbeit mit „magna cum laude“ verteidigte. Unsere Universität wollte ein Unrecht wiedergutmachen, dass die Nazis 77 Jahre zuvor begingen, als sie ihr diese Verteidigung aus rassistischen Gründen verboten. Frau Syllm- Rapoport bestand 2015 darauf, das Prüfungsgespräch zu ihrer  Promotionsschrift zur gesamten Geschichte der Diphtherieforschung bis zur Gegenwart zu halten. Mit 102 Jahren ist sie der älteste Mensch, der ein Promotionsverfahren abgeschlossen hat. „Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant. Wir waren enorm beeindruckt von ihrer intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen. Auch im Bereich moderner Medizin. Das war einfach unglaublich“, kommentierte der Medizin- Dekan Uwe Koch-Gromus die Prüfungsleistung.

Als “Mischling ersten Grades“, die zudem bei der jüdischen Mutter lebte, bestand für Ingeborg im NS-Staat keine Aussicht auf Arbeit. Nachdem auch eine Bewerbung bei Albert Schweitzer in Lambarene scheiterte, wanderte sie in die USA aus, wo sie, als zunächst unbezahlte Ärztin, ihr zweites Leben in Brooklyn begann. Für ihr weiteres Fortkommen studierte sie im Women´s Medical College in Pennsylvania ab 1942 ein weiteres Mal Medizin mit dem Schwerpunkt Pädiatrie. Als jüdische Migrantin erlebte sie eine neue Form der Rassentrennung. Bei der Geburtshilfe in den Slums von Philadelphia solidarisierte sie sich mit den schwarzen Frauen und wurde in ihren Worten von einer gläubigen Christin mit jüdischen Wurzeln zur Kommunistin. Nach einem Jahr als Kinderärztin am Johns Hopkins Hospital lernte Ingeborg Syllm 1944 am berühmten Children Hospital Cincinnati Samuel Mitja Rapoport kennen, ihren zukünftigen Mann. Mitja aus Wien hatte Medizin und Chemie studiert. Ihm gelang u.a. durch Einführung der ACD-Lösung für Spenderblut, dessen Verwendbarkeit zu verlängern, was vielen alliierten Soldaten das Leben rettete. Dafür wurde er mit dem höchsten Orden für Zivilisten in den USA geehrt, ungewöhnlich für einen bekannten Gewerkschafter und Linken. Beide wurden US-Bürger, heirateten 1946, bekamen vier Kinder, darunter die gehandicapte Tochter Lisa.

Nach Kriegsende änderte sich die politische Atmosphäre in den USA. Der „Kalte Krieg“ begann. Den Rapoports wurden subversive Aktivitäten unterstellt. So sollte Mitja Anschläge auf die Wasserversorgung geplant haben. Das Ehepaar verweigerte die Aussage zu ihrer Zugehörigkeit zur KPUSA, die die Klinik verlangte, sondern unterschrieben den „Stockholmer Appell zur Ächtung von Atomwaffen“, gemeinsam mit jüdisch-amerikanischen Wissenschaftlern wie Robert Oppenheimer, Isidor Isaac Rabi, und Albert Einstein.  Im Juni 1950, Mitja war auf einem Ärztekongress in Zürich, erhielt Ingeborg ein Telegramm: Vorladung beider zum Verhör vor Senator McCarthys „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, Gefängnis drohte. Ein neuer Abschied wurde nötig. Mitja Rapoport blieb in Zürich, die hochschwangere Ingeborg reiste mit ihren drei Kindern nach.

In Österreich, der Heimat Mitja Rapoports, zog die Uni Wien ein geplantes Lehrstuhl-Angebot auf Druck der CIA  zurück. Israel schien zu weit weg und die Nachkriegs-Bundesrepublik war unattraktiv. Die DDR schien damals vielen Juden als das bessere Deutschland. Ingeborg Rapoport jedoch blieb auch immer kritisch. Sie berichtet in ihrer Autobiografie von Antisemitismus unter ärztlichen Kollegen.1952 berief die Humboldt- Universität Mitja Rapoport zum Lehrstuhl für Biologie. Nach einer Kinderpause arbeitete Ingeborg im Hufeland- Krankenhaus als Kinderärztin, bevor sie 1959 habilitierte und fortan bis zu ihrer Emeritierung 1973 Dozentin an der Humboldt-Universität und Professorin der Neonatologie(Neugeborenen- Medizin) an der Charité war. Sie hatte hier den ersten Lehrstuhl dieser Disziplin in Europa inne. Auch nach 1973 blieb sie aktiv. Anlässlich ihres 100. Geburtstags berichtete ihr in den USA forschender Sohn Tom: „ Meine Mutter ist die personifizierte Neugier. Jede Woche fragt sie nach Fortschritten im Labor. Trotz der Distanz kennt sie bis heute meine Mitarbeiter beim Namen und weiß, was jeder tut. Wenn ich nach Berlin komme, muss ich ausführlich Bericht erstatten, muss ich im Detail die Projekte erklären“.

Ingeborg Rapoport starb am 23. März 2017 im Alter von 104 Jahren in Berlin.

 

© Michael Nüssen

Foto: Die Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport hat in Hamburg den Doktortitel verliehen bekommen – im Alter von 102 Jahren. | © Bodo Marks