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Sieben Aspekte jüdischer Ethik

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Schuld, nicht Scham

Alle Gesellschaften, ob monotheistisch, heidnisch oder ohne Religion, haben einen Moralkodex. Der muss durch Erziehung weitergegeben werden, damit er bestehen bleibt. Die Anthropologin Ruth Benedict („The Chrysanthemum and the Sword: Patterns of Japanese Culture” 1946) unterscheidet zwischen Kulturen der Scham und Kulturen der Schuld. In Schamkulturen geht es darum, wie man gesehen wird, um die persönliche Ehre. Schuldkulturen – wie das Judentum – unterscheiden zwischen Tat und Täter: während die Tat falsch war, ist der Täter dennoch „rein“ geblieben, wie es in den Morgensegen heißt: „…die Seele, die Du in mich gegeben ist, sie ist rein…“  (Siddur Schma Kolenu, S. 24) Der Täter kann bereuen, wieder gut machen, sich entschuldigen und so seine Schuld tilgen. Das bedeutet: in Schamkulturen bleibt eine Schuld für immer haften, in Schuldkulturen – im Judentum – kann sie getilgt werden.

 

Treue und Liebe

Was unterschied die Familien unserer Stammeltern von den Kulturen, zwischen denen sie lebten? Wann immer die Familie mit anderen Kulturen zu tun hatte, drohte sexuelle Gewalt (Abraham und Yitzchak in Gerar, die Sodomiter und die Gäste Lots, Dina in Schechem, Joseph und Potiphar.) Da alle diese anderen Kulturen Götzendiener waren, sieht Rabbi Sacks hier einen Zusammenhang mit „sexueller Gesetzlosigkeit“.

Die jüdische Religion beruht auf Liebe: der Liebe Haschems zu den Menschen, insbesondere dem jüdischen Volk. Diese Liebe untersteht dem moralischen Gebot der Emuna, was eheliche (!)Treue bedeutet. Dieses Gebot der Liebe geht weit über das Prinzip von Gerechtigkeit oder gegenseitigem Altruismus hinaus, das allen moralischen Systemen zu eigen ist – es verlangt mehr.

Daher die Bedeutung der sexuellen Ethik im Judentum: die Heiligkeit der Ehe und der Familie als Grundstein unserer Gesellschaft, der Ort, an dem Kinder ihre moralische Erziehung bekommen. Wenn der sexuelle Trieb nicht eingegrenzt wird, ist er eine der Quellen, aus denen Gewalt entsteht. „Im Judentum geht es ebenso sehr um die Regelung (wörtlich: Moralisierung) der Sexualität, wie es um die Regelung (s.o.) von Gewalt geht – und beide sind verbunden.“ (S. xxviii, eÜ) (Ich fürchte, der Ukraine-Krieg zeigt uns gerade sehr deutlich, was geschieht, wenn die Regelung der Gewalt (Völkerrecht) und der Sexualität versagt!)

 

Die Ethik des Bundes

In „Zur Genealogie der Moral“ (1887) beschreibt Nietzsche als Grundlage aller Moral das Versprechen: Es versöhnt Freiheit und Verpflichtung, denn ich nehme freiwillig eine Verpflichtung auf mich und bin dann durch sie gebunden. Ein Bund wird geschlossen zwischen zwei oder mehr Parteien, die ein solches Versprechen auf sich nehmen.

Der Bund, den Haschem am Sinai mit dem Volk Israel schloss, ist genau solch ein Bund auf Gegenseitigkeit. Wir verpflichten uns, eine moralische Gesellschaft zu bilden in einer Ethik der Heiligkeit, die uns erinnert, dass wir in Haschems Anwesenheit leben. Für die Einhaltung dieses Bundes ist jeder Einzelne von uns verantwortlich. (Haschem verpflichtet sich im Gegenzug, uns nie zu verlassen, uns nach Israel zurückzubringen und uns zu erlösen. Das schreibt R. Sacks hier nicht.)

 

Der zweifache Bund

Haschem hat zwei Bünde geschlossen: den mit Noah – mit der ganzen Menschheit –, und den mit Awraham – mit dem jüdischen Volk.

Menschen brauchen eine Gruppenzugehörigkeit für ihre Identität. Rabbi Sacks: „Andererseits führt ein moralisches System, das die Pflichten gegenüber Fremden nicht anerkennt, zu ewig sich bekriegenden Stämmen.“ (S.xxx, eÜ) Denn wir sind altruistisch gegenüber den Mitgliedern unserer Gruppe (Familie, Gemeinde etc.), aber egoistisch gegenüber Menschen, die nicht unserer Gruppe angehören.

Durch seine beiden Bünde schafft Haschem ein Gleichgewicht: Der noachidische zu unserer Verpflichtung gegenüber allen Menschen, und der abrahamitische zu unseren Verpflichtungen untereinander als einer ausgedehnten Familie mit gemeinsamem Schicksal und Glauben.

Fortsetzung folgt.

 

Author: © Rabbiner Lord Jonathan Sacks | Übersetzung: Freyda Mensching

Fotos: © Büro von Lord Sacks

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag