Ein Brief, ein Lied, die Erinnerungen eines jungen Menschen: Manchmal braucht es nur wenige Zeilen, damit eine vergangene Welt wieder nahekommt. Hinter den Worten erscheinen Menschen, die Pläne hatten, sich verliebten, mit ihren Eltern stritten und über ihre Zukunft nachdachten. Menschen, deren Leben wir heute oft nur noch von seinem gewaltsamen Ende her betrachten.
Das YIVO-Institut bewahrt die Spuren dieser Leben. Seine Geschichte führt vom jüdischen Wilna nach New York, durch Verfolgung und Vernichtung hindurch bis zu der Frage, wie eine Kultur weitergegeben werden kann, wenn so viele ihrer Träger ermordet wurden. Der Historiker Kalman Weiser zeichnet diesen Weg in seinem neuen Buch „Yiddish Scholarship Comes to America: The YIVO Institute at 100“ nach. Es erschien am 24. September 2026 und widmet sich besonders den entscheidenden Jahrzehnten zwischen 1940 und 1970.
Am Anfang stand der Glaube an eine Zukunft
Als YIVO 1925 in Wilna gegründet wurde, dem heutigen Vilnius, blickten seine Gründer nach vorn. Die Stadt gehörte damals zu Polen und war ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur. Das Institut sollte jüdisches Leben erforschen und Menschen dabei helfen, ihren Platz in einer sich verändernden Gesellschaft zu finden.
Der Name stand für „Yidisher Visnshaftlekher Institut“, das Jiddische Wissenschaftliche Institut. Seine Forscher beschäftigten sich mit Sprache und Literatur, mit Geschichte, Wirtschaft, Psychologie und Erziehung. Jiddisch sollte dabei auch eine Sprache wissenschaftlicher Arbeit sein: eine Sprache, in der sich die moderne Welt beschreiben, untersuchen und gestalten ließ.
Bemerkenswert war, wer an dieser Arbeit mitwirkte. Neben Wissenschaftlern sammelten gewöhnliche Menschen in ihren Gemeinden Dokumente und Informationen für das Institut. Unter diesen „Zamlern“, den Sammlern, waren auch Arbeiter mit wenig Geld und geringer formaler Bildung. Ihr Alltag, ihre Erfahrungen und die Zeugnisse ihrer Umgebung gehörten ebenso zur jüdischen Geschichte wie die Werke bekannter Schriftsteller.
Darin lag ein Versprechen: Das eigene Leben war es wert, festgehalten zu werden.
Die Menschen, die Papier unter Lebensgefahr retteten
Mit der nationalsozialistischen Besatzung wurde auch das kulturelle Gedächtnis der jüdischen Bevölkerung zum Angriffsziel. In Wilna mussten jüdische Zwangsarbeiter Bücher, Manuskripte und andere Kulturgüter für die deutschen Besatzer sortieren. Ausgewählte Bestände sollten nach Deutschland gebracht werden; vieles andere war zur Vernichtung bestimmt.
Einige der Männer und Frauen widersetzten sich. Die später als „Papierbrigade“ bekannte Gruppe um die Dichter Abraham Sutzkever und Schmerke Kaczerginski versteckte Dokumente und schmuggelte sie ins Wilnaer Ghetto. Dort verbargen sie die geretteten Materialien, auch in unterirdischen Verstecken. Mehr als 10.000 Manuskripte, Bücher und Gegenstände wurden auf diese Weise ins Ghetto gebracht.
Wer sich diese Arbeit vorstellt, begreift etwas von ihrer Verzweiflung und ihrer Entschlossenheit. Menschen, deren eigenes Überleben jeden Tag bedroht war, sorgten dafür, dass die Worte anderer eine Zukunft behielten.
Auch nach dem Krieg mussten gerettete Bestände erneut vor Zerstörung geschützt werden. Sutzkever und Kaczerginski brachten Materialien außer Landes; über Umwege gelangten sie schließlich zum YIVO-Institut in New York. Die Rettung endete nicht mit der Befreiung.
In New York musste YIVO seinen Platz neu finden
1940 verlegte das Institut seinen Hauptsitz nach New York. Doch ein Ortswechsel allein konnte die erschütterten Grundlagen seiner Arbeit nicht wiederherstellen. YIVO musste Bestände zurückgewinnen, Überlebende und ihre Erfahrungen einbeziehen und einer neuen Generation vermitteln, warum die Geschichte des osteuropäischen Judentums zu ihrem eigenen Leben gehörte.
Weisers Buch untersucht diesen schwierigen Neubeginn. In einer zunehmend englischsprachigen amerikanisch-jüdischen Gesellschaft musste sich das Institut behaupten, während Hebräisch in jüdischen Gemeinschaften an Bedeutung gewann. Forschung, Sprachunterricht und öffentliche Bildungsarbeit wurden zu Wegen, die Verbindung zur jiddischen Kultur weiterzutragen.
Die Frage dahinter reicht weit über eine einzelne Institution hinaus: Wie gibt man etwas weiter, das für die Eltern selbstverständlich war, für ihre Kinder aber bereits Erklärung braucht?
Millionen Seiten werden wieder zugänglich
Heute lassen sich Teile dieser Geschichte von überall auf der Welt entdecken. In einem siebenjährigen Projekt führte YIVO gemeinsam mit litauischen Partnerinstitutionen seine durch Krieg und Verfolgung getrennten Vorkriegsbestände digital zusammen. Rund 4,1 Millionen Seiten aus Büchern und Archivmaterialien wurden über ein gemeinsames Portal zugänglich gemacht.
Sie erzählen davon, wie jüdische Menschen ihre Familien gründeten, Kinder erzogen, Kunst schufen und politische Vorstellungen entwickelten. Auch das Zusammenleben mit nichtjüdischen Nachbarn und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderungen werden darin sichtbar.
So kann aus einer historischen Sammlung eine persönliche Begegnung werden. Wer einen Brief liest oder ein altes Dokument betrachtet, begegnet einem Menschen, dessen Gegenwart einmal so offen war wie unsere eigene.
Jüdische Geschichte hat ein Leben vor der Katastrophe
Gerade darin liegt die Bedeutung von YIVO. Die Schoa hat Millionen Menschen ermordet und ganze Lebenswelten zerstört. Doch wer jüdische Geschichte ausschließlich durch die Vernichtung betrachtet, erfährt zu wenig über das Leben, das ihr vorausging: über Ideen und Widersprüche, über Humor, Ehrgeiz, Zuneigung und alltägliche Sorgen.
Die geretteten Worte geben diesem Leben Raum. Sie erlauben uns, Menschen kennenzulernen, bevor wir von ihrem Schicksal erfahren.
Und sie erinnern an jene, die unter Lebensgefahr dafür sorgten, dass diese Begegnung heute noch möglich ist.
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