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Parscha Zaw: Partikularität und Universalität im Judentum

Lesezeit: 3 Minuten
Man spricht von der “Partikularität des Judentums”. Wir stellen das Besondere über das Allgemeine und betrachten jeden in seiner eigenen Situation. Dies könnte im Widerspruch zur Universalität stehen, die laut Wörterbuch “Allgemeinheit, Allumfassenheit” bedeutet. Im Judentum ist dies jedoch nicht der Fall.

Wenn wir versuchen, die Jüdische Religion mit Philosophie zu erklären, dann tun wir das vor allem, indem wir die Verheißung der Erlösung für alle Menschen betonen. In der Tat tut die Philosophie dem Judentum Unrecht. Der Philosoph schert sich nicht um besondere und sehr spezifische Riten und Symbole.

Können der Philosoph und der orthodoxe Jude jemals miteinander auskommen? Ein orthodoxer Jude ist jemand, der die praktischen Tora-Vorschriften mit besonderen Handlungen und spezifischen Absichten erfüllt. Er muss kaum Philosophie oder ein transzendentales philosophisches System kennen. Selbst wenn der orthodoxe Jude die Universalität des Judentums ignoriert, bleibt er ein orthodoxer Jude. Wie kann man als Philosoph den philosophischen, universellen Anspruch und die bis ins kleinste Detail geregelten Rituale, die privaten Gebote, vereinen?

 

Universell

Das Judentum hat viele moralische Aspekte. Aber sein Wesen wird durch formalisierte rituelle Handlungen, religiöse Taten, geprägt. Das Judentum ist tatsächlich eine Weltreligion. Das Schema Jisrael besagt, dass der G’tt, der jetzt nur unser G’tt ist, in Messianischer Zeit der G’tt aller Bewohner der Welt sein wird: Denn mein Haus des Gebets wird zu einer Pilgerstätte für alle Völker werden” (Jesaja 56,7). 

Aber das Judentum auf diese allgemeinen Aussagen und Zukunftsversprechen zu reduzieren, ist falsch. Das Judentum ist mehr als Messianismus, Monotheismus, ein Leben nach dem Tod und die Auferstehung der Toten. Im Judentum gibt es viele moralische Aspekte. Sein Wesen besteht jedoch in religiösen Handlungen, die wenig mit hochtrabenden Überlegungen über die Nützlichkeit des Lebens oder die Linderung menschlicher Bedürfnisse zu tun haben.

Philosophen halten Riten für nutzlos. Sie lenken vom Hauptthema ab:Tikkun – die Vervollkommnung der Welt. Die Betonung auf religiöse Rituale, so mehrere Philosophen, lenkt von den eigentlichen Problemen ab und ist daher kontraproduktiv. So wird die Stimme des Gefühls und des Gewissens als Gegensatz zum Gehorsam gegenüber dem Ritus gesehen. Letzteres ist in den Augen der Philosophen ein sklavischer Konformismus. Die Treue zu Geboten und Regeln wird verachtet – der spontane Jubel der Seele hingegen wird gepriesen.

 

Ohne Vorbereitung?

Philosophen glauben allzu leicht, dass das große Geheimnis des Lebens – G’tt – mit wenig oder gar keiner Vorbereitung zugänglich und wohlwollend ist. Nirgendwo wird teschuwa – Selbstanalyse und Reue, Läuterung – kapara – oder Verbesserung des Handelns oder Denkens gefordert. Das zeugt von wenig Zurückhaltung und Bescheidenheit. Ich finde diese Haltung sogar ziemlich arrogant. Es ist auch heuchlerisch. Scheinheiligkeit ist keine Heiligkeit.

Zu sagen, dass der Heilige Zugang zu mir hat, ohne zu fragen, oder dass ich das Heilige immer betreten kann, ohne anzuklopfen, ist ein Ausdruck unvorstellbarer Selbstverherrlichung. Als exklusives – ausschliesslich Andere – Individuum bin ich nicht nur ein ohne weitere Anstrengung ein Vehikel des Unendlichen. Das Universelle ist dem Privaten, das ich als unbedeutendes menschliches Wesen vertrete, unendlich überlegen.

Wir gehen davon aus, dass der Allmächtige inmitten der Menschen leben kann: “Macht Mir ein Heiligtum, damit Ich in eurer Mitte wohne” (Exodus 25,8).

 

Kraftvolles Ritual

Trotz unseres vergänglichen Wesens aus Staub und Asche – der Spitze des Partikularismus – kann das Universelle in uns wohnen. Nach der Tora erfordert dies ein präzises, fast starres Ritual, das die Menschen in der Gemeinschaft miteinander und G’tt mit uns verbindet. Vorbild dafür sind der Bau des Tabernakels in der Wüste, der strengen Anforderungen genügen musste, und der Tempeldienst, wie er im dritten Buch der Tora Wajikra beschrieben wird. 

Der Tempelbau und -dienst entsprechen in vielen Aspekten – wenn auch auf einer anderen Ebene – den täglichen Ritualen. Auch dies sind Formen eines geschlossenen Systems fester Riten, die bis ins kleinste Detail unveränderlich geregelt sind. In dieser Tun-Realität gibt es wenig Raum für Selbstüberschätzung, Arroganz oder Scheinheiligkeit.

Der Philosoph sieht das nicht. Aber das macht nichts, solange wir sehen, dass auch der Mensch in seinen kleinsten Details tikkun-Verbesserung benötigt.verbessert werden muss. Nur dann kann das globale Tikkun verankert und realisiert werden…

 

Autor: © Oberrabbiner Raphael Evers

 

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag