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Lebensrettende Transplantation

Nach der üblen Nachrede über Mosche (Devarim/Deut. 24), dav´nete (betete) Mosche für das Leben der mit Lepra erkrankten, aussätzigen Miriam. Mosche rettet das Leben seiner Schwester Mirjam. Doch zu Beginn des zweiten Buches der Tora, Schemot, rettet Miriam Mosche das Leben, indem sie Batja, der Tochter des Pharaos, vorschlägt, dass Jocheved, Mosche säugt. Mosche gab uns später die Tora, die alle möglichen rechtlichen und ethischen Regeln enthält.

Durch die modernen medizinischen Möglichkeiten kann ein Bruder das Leben seiner Schwester durch Transplantation retten. Geht das nicht schon viel zu weit? Ist es ethisch zulässig, einen seiner oder ihrer Brüder zu verwenden, um sein künftiges Schwesterchen vor einem sicheren Tod zu retten? Ist das therapeutische Baby: der erste Schritt zum Kind vom Zeichenbrett?

Diese Frage wird mir schon seit einigen Jahren gestellt, und ich habe eine Reihe von Überlegungen angestellt. Die Frage ist, ob dies ethisch vertretbar ist. Ich habe noch keine Schlussfolgerungen gezogen. Hier sind einige Überlegungen.

ZAIN

Bis jetzt war das Leben von Zain ein einziger Alptraum. Und wenn er älter ist, dann wird er wissen, dass er bald sterben wird. Wie würde er darauf reagieren, wenn er erfährt, dass eine lebensrettende Maßnahme möglich gewesen wäre?“

Shahana Hashmi, Mutter des 3-jährigen Zain, an Thalassämie erkrankt Raj und Shahana Hashmi aus Leeds (GB) haben grünes Licht bekommen, um mittels einer In-Vitro-Befruchtung ein Baby zur Welt zu bringen, mit dessen Blut das Leben ihres 3-jährigen Sohnes gerettet werden kann. Ein Baby aus dem Reagenzglas wird erzeugt, um ein anderes Kind zu retten. Zain muss alle drei bis vier Wochen eine lebensverlängernde Bluttransfusionsbehandlung erleiden. Jeden zweiten Tag bekommt er Medikamente, die das Eisen aus seinem Körper ausleiten; nicht ohne erhebliche Nebenwirkungen wie Nachtblindheit, Muskelschmerzen, geschwollene Beine und Durchfall.

Sie spielen nicht G’tt, beschwört das Ehepaar. Ihre einzige Motivation, ein Baby mittels IVF in die Welt zu setzen, ist die Rettung ihres Kindes. „Hat Zain denn kein Recht auf ein Leben ohne Krankheiten?“

Die Familie Hashmi bekam Anfang Juni 2006 von der Britischen Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) die Erlaubnis, ein Reagenzglasembryo zu erzeugen, welches Knochenmarkspender für ihren kleinen Sohn Zain sein kann. Zain leidet nämlich an einer genetisch bedingten Bluterkrankung, die zu schwerer Blutarmut führt. Mit dem Knochenmark des Embryos kann das Leben des kleinen Jungen womöglich gerettet werden. Eine weltweite Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender mit übereinstimmendem genetischem Code verlief erfolglos.

 

Biotechnologische Revolution

Die HFEA erlaubte die Auswahl der Reagenzglasembryonen auf ihre genetische Eignung, bevor sie in die Gebärmutter der Mutter transferiert wurden. Aber, ist das nicht der erste Schritt auf dem Weg zu einem ‚Designer-Baby‘—sozusagen ein Kind auf Bestellung?

Konservative Gläubige leisten vehementen Widerstand. Auch in Amsterdam kochten die Emotionen hoch als der amerikanische Professor für Molekularbiologie an der Princeton University, Lee Silver, in seinem Vortrag auf dem Symposium ‚Zurück zur Zukunft‘ verkündete, keine Berührungsängste bei Kindern-auf-Bestellung zu haben. „Wir stehen am Beginn einer biotechnologischen Revolution, die vor gut fünfundzwanzig Jahren seinen Anfang nahm.“ Für therapeutische Zwecke birgt das eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive, aber Eltern werden unweigerlich mit Wunschlisten kommen: von blauen Augen über die Haarfarbe bis hin zur Intelligenz. Der große Nachteil wird sein, dass nur wohlhabende Eltern sich ein Zeichenbrett-Baby leisten können. Die Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich wird sich sogar auf genetischem Gebiet immer weiter fortsetzen.

Silver hält das Entstehen einer ‚genetischen Apartheid‘ in Zukunft für möglich: „Genetische Überflieger werden sich immer mehr von den ‚Normalos‘ unterscheiden. Nur nach wenigen Generationen werden die Genmanipulierten sich genauso stark zu den ‚Normalos‘ hingezogen fühlen, wie die Menschen zum Schimpansen. Viele Symposium-Teilnehmer waren zutiefst empört über diesen Angriff auf die Menschenwürde. „Vor fünfundzwanzig Jahren reagierten die Menschen ja auch mit Panik auf IVF, während heute weltweit schon eine Million Reagenzglasbabys herumlaufen“, so Silver.

Bislang ist das Zeichenbrett-Baby noch eine Zukunftsvision oder –Alptraum: „Wir wollen weder das Geschlecht noch die Augenfarbe oder die Hautfarbe des Kindes bestimmen. Wir zerstören nichts. Wir tun niemandem weh“, so die Mutter Shahana. Mittlerweile gingen schon sechs weitere Anträge bei der HFEA von Paaren ein, die ein Designer-Baby entwerfen lassen wollen. In allen Fällen war Lebensrettung der Grund für den Antrag.

 

ADAM UND MOLLY

Am 29. August im Jahr Zweitausend wurde Adam in Colorado geboren, um seine große Schwester Molly (sechs Jahre alt) zu retten. Molly litt an einer ernsthaften Blutkrankheit. Nur eine Transplantation konnte sie retten. Die Eltern entschieden, Molly zu helfen. Ein Embryo im Entstehungsprozess aus ihrem eigenen Körper wurde der Mutter eingepflanzt; so entstand Adam. Kaum auf die Welt gekommen, wurde Molly mit Blut aus seiner Nabeschnur behandelt. Die einfachen Zellen aus dieser Nabeschnur können zur Bildung von roten Blutkörperchen verwendet werden; Molly selber produzierte diese roten Blutkörperchen nicht mehr. Die Möglichkeit, dass diese Behandlung gelingen würde, wurde auf 85-90% Prozent geschätzt. Inzwischen geht es Molly und Adam gut.

Dieser und ähnlich gelagerte Fälle lösen heftige Kontroversen aus. Dürfen Eltern jede Möglichkeit nutzen, um ihr Kind zu retten? Darf man ein Kind dazu benutzen um ein anderes Kind zu retten? Wie wird Adam später, wenn er größer geworden ist und die Umstände und die Absicht seines Entstehens erfährt, reagieren?

 

TIERVERSUCHE DURCH KREUZUNGEN

Gegner dieser Vorgehensweisen zitieren oft Nachmanides (1194 -1270), der auf das Verbot eingeht, Tiere und Pflanzen zu kreuzen (Wayikra/Lev. 19:19): „Der, der zwei unterschiedliche Arten mischt oder kreuzt, verändert die Schöpfung. Er sagt somit durch seine Vorgehensweise aus, dass die Schöpfung unvollkommen sei“. War das Britische Ehepaar darauf aus, die Schöpfung zu verändern? Sicherlich nicht, außerdem hat G“tt die Welt absichtlich unvollkommen erschaffen, um den Menschen, als Partner G“ttes, die Möglichkeiten zu geben, die Welt zu vervollständigen. Medizinische Eingriffe tasten die Schöpfung nicht an, sie sind Tikkun Olam, Verbesserung der Welt. Medizinisches Eingreifen ist laut der Tora selbst eine Mitzwa (Erfüllung eines Gebots).

 

NIE UM LEBEN GEBETEN

Darf man ein Kind in die Welt setzen, nur mit dem einzigen Zweck, einem Brüderchen oder Schwesterchen zu helfen? Wie positiv die Gründe von Eltern auch sein mögen, um Kinder zu bekommen, ein Kind selber hat nie darum gebeten, auf die Welt zu kommen. Rabbenu Bachja ibn Pakuda (elftes Jahrhundert) besagt: „ Der Grad der Dankbarkeit, den wir unseren Wohltätern schuldig sind, ist diametral von der Absicht abhängig, uns zu helfen……wenn uns etwas Gutes zugeht, ohne dass der Wohltäter beabsichtigt, uns zu bevorzugen, schulden wir ihm keinen Dank.“

Rabbenu Bachja sagt mit dieser Stellungnahme aus, dass die Motive von Eltern bei der Schaffung von Nachwuchs oft egoistisch und egozentrisch sind. Selbst das Behüten und die Erziehung, die Eltern ihren Kindern zukommen lassen, sieht er als einen Ausdruck eines angeborenen Elterninstinktes, wobei Dankbarkeit nun nicht unbedingt am Platze ist.

Ich denke, dass „die Sozialisierung des Geboren-Werdens“ für das Brüderchen eine schöne Angelegenheit ist. Eltern haben eine biblische Verpflichtung, Kinder zur Welt zu bringen. Wenn das Kind dazu auch noch sein Brüderchen retten kann, ist das aus meiner Sicht selbst eine Mitzwa, wie schlimm es sich auch anhören mag.

 

KEIN RECHT AUF NON-EXISTENZ

Noch gar nicht so lange her war beim Hohen Rat der Niederlande (das höchste Gericht) die Angelegenheit der behindert zur Welt gekommenen Kelly anhängig. Ihre Eltern hatten zu Verstehen gegeben, dass sie dem künftigen Leid von Kelly eine größere Gewichtung zuschrieben als an ihrem Leben und wollten sie, aus diesem Grund, abtreiben lassen. Durch Nachlässigkeit der Entscheidungsbeauftragten konnten die Eltern von ihrem ‚Selbstentscheidungsrecht‘ keinen Gebrauch machen. Der Hohe Rat entschied, dass die Entscheidungsbeauftragte, den Eltern eine deftige Entschädigungssumme zu bezahlen hatte.

Müssen wir uns vor künftigen Ansprüchen von „therapeutischen Babys“ fürchten? Die Behauptung, „er sei nur in die Welt gesetzt worden, um mein Geschwisterchen zu retten, was mich – in einem extremen Fall – äußerst depressiv macht“ könnte entschädigungsbeanspruchend sein? Sicherlich nicht! Im Falle Kelly hat der Hohe Rat gerade KEIN „RECHT AUF NICHT-EXISTENZ“ anerkannt, da laut geltendem Recht für Eltern ein fundamentales Recht besteht, zu entscheiden, ob Kinder wohl oder nicht geboren werden sollen.

 

Autor: © Oberrabbiner Raphael Evers