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Am Ende des ersten Buches der Tora wird klar, dass die Juden noch lange Zeit in Ägypten verbleiben würden. Der Erzvater Ja’akov wusste, dass Unterdrückung und Sklaverei folgen würden und dass viele Juden in der verlockenden ägyptischen Kultur verschwinden, bezw. sich assimilieren würden.

Die ägyptische Verbannung steht für alle späteren Verbannungen oder Exile als Modell dafür, die das Jüdische Volk, auf seiner Reise durch die Menschheitsgeschichte in Richtung der Zeit des Maschiach, zu durchlaufen hätte.

Kurz vor der Sklaverei war geistige Hilfe erforderlich und Ja’akov sagte hoffnungsvoll, dass G“tt mit seinen, also Ja’akovs Kindern, sein würde und sie nach Israel zurückführen würde. Der Erlöser, der letztendlich Mosche heißen würde, würde den Ausspruch „G“tt wird Euer gedenken“ bei der Befreiung verwenden und würde die großen Thora-Gelehrten als die richtungweisenden Personen einsetzen.

Ja’akov erteilte jedem der zwölf Stammesvätern einen Segen. Jeder Stammesvater wurde mit und wegen seiner besonderen Fähigkeiten gesegnet. Einige erhielten eine Moralpredigt wegen ungehörigem Verhalten, aber Jossejf erhielt einen ganz besonderen Segen. Er wurde mit einem fruchtbaren Zweig an einem Springbrunnen verglichen. Obwohl diejenigen, die sich auf ihn eingeschossen hatten (seine Brüder) ihm viel Böses angetan hatten, ihn mit Steinen beworfen und ihn gehasst hatten, blieb Jossejf in seiner jüdischen Identität standhaft, selbst am pompösen und verführerischen ägyptischen Hof. Er ließ sich nicht durch Sulaika, der Frau von Potifar, verführen.

Letztendlich spricht Ja’akov zu Jossejf: „die Segnungen Deines Vaters übertreffen die Segnungen meiner Vorfahren (Avraham und Jitzchak)… die werden auf Jossejfs Haupt niedergehen“!

Ja’akov wollte eigentlich das Datum des Eintreffens des Maschiach offenbaren. Aber da verließ ihn die Schechina, die G“ttliche Gegenwart. G“tt wollte nicht, dass die Kinder von Ja’akov das Datum der Erlösung erfahren sollten. G“tt befürchtete, dass sie über die endlose Reihenfolge der Exile in Hoffnungslosigkeit versinken könnten.

 

Jossef, der Thoragelehrte

Aber Ja’akov konnte seinen Kindern, den Stammesvätern, wohl die spirituellen „Werkzeuge“ mit auf den Weg geben, um die langen Unterdrückungen und Verfolgungen zu überstehen. Ja’akov behauptet, dass alle Segnungen der Erzväter sich schließlich letztendlich auf das Haupt von Jossef ergießen werden.

Jossef war der herausragende Thorahgelehrte der Familie. Dieses war auch einer der Gründe, weshalb Ja’akov den Jossef seinen Brüdern gegenüber, bevorzugte. Ja’akov brachte Jossef alles bei, was er von seinen Lehrern Schejm (Sem) und Ewer gelernt hatte. Dieses führte zu einer enormen Eifersucht, die wieder im Verkauf von Jossejf nach Ägypten mündete. Letztendlich kamen die Brüder und Ja’akovs gesamte Familie, der Hungersnot wegen, nach Ägypten und es begann das ägyptische Exil.

Unsere Weisen nehmen uns mit, zurück in die Geschichte. Kain fühlte sich schwermütig, da G“tt das Opfer von Abel wohl angenommen hatte, aber nicht sein Opfer. Das endete mit dem ersten Brudermord in der Menschheitsgeschichte. G“tt sprach zu Kain: „Weshalb bist Du so böse und schwermütig? Ist es keine Genugtuung, wenn Du Gutes tust? Wenn Du Schlechtes tust, liegt die Sünde vor der Türe“ (Genesis 4, frei übersetzt). G“tt erwähnt, dass wenn Kain sich selber läutert, es Hoffnung und Rettung gäbe, aber wenn er das verweigert und im Bösen beharrt, es nur eine sich nach unten gerichteter Spirale geben kann.

 

Kain war nur auf Wertschätzung und Applaus aus

Kain besaß einen schlechten Charakterzug. Er war nur auf Wertschätzung und Applaus aus. Er hatte keinen innerlichen Wertekanon, er konnte in den guten Taten selber keine Erfüllung finden. Deshalb war er bei seinem Opfer an G“tt ungenügend. Kain war nicht bereit, G“tt vom Besten, was er besaß, zu geben. Als G“tt sich von Kains Opfer abwendete, hatte Kain nichts Besseres zu tun, als hin zu sehen, wie G“tt das Opfer von Abel wohl annahm. Kain wurde auf Abel „stinkeifersüchtig“, da er weiterhin wenig innere Richtung hatte, um sein eigenes Leben zu steuern und in seinem eigenen Empfinden, durch seine guten Taten, durch sein eigenes Gewissen, Qualitäten und Eigenschaften Befriedigung zu erreichen.

 

Kain konnte nur zu den Anderen hinschauen

Kain konnte nur zu den Anderen hinschauen. Er dachte, dass G“tt nur an seinen Bruder Abel interessiert sei und nicht an ihn. G“tt antwortete Kain, dass er nicht für das Gutheißen und Würdigung seines guten Charakters nur zu den Anderen hinüberschauen sollte. Kain sollte lernen, in sich selber hinein zu schauen und nicht auf den Erfolg und den grünen Rasen der Nachbarn zu starren: „wenn Du an Dir selbst arbeitest und Dich selber besserst, gibt es Hoffnung und Rettung. Aber wenn Du das verweigerst und Du in der schlechten Eigenschaft des nur das Hinüberschauen verharrst, dann sind bereits die Sünde, der Mangel und das Elend greifbar nahe“.

G“tt nahm Kains Opfer nicht entgegen, da ER über Kains Taten und Haltung unzufrieden war. G“tt verwirft einen Menschen nicht in Gänze. G“tt lässt uns Unzufriedenheit erkennen, wenn unsere Taten nicht optimal sind und es uns an unserer Verbindung mit dem Allmächtigen fehlt.

Wir können hieraus viel lernen. Wir sehen uns andauernd um, ob es für unsere Taten wohl Unterstützung gibt. Was werden die Nachbarn sagen, was werden die Anderen denken, wie werden meine Freunde mich beurteilen? Wir fühlen uns niedergeschlagen und enttäuscht, wenn der Andere mehr Lob zugesprochen bekommt als wir selber.

Erst wenn wir mit unserem Anteil zufrieden sind, sind wir „realisierte Persönlichkeiten“, sind wir nicht andauernd über die Meinung der Menschen um uns herum, was uns betrifft, abhängig, verfügen wir über einen innerlichen Kompass, mit dem wir uns ausrichten und unser Gewissen befolgen können.

Wenn wir mit unserer Thora zufrieden sind, unsere Bibel und uns selbst nicht andauernd befragen, was die „große säkulare Welt“ um uns herum von uns hält, ruhen die Segnungen unserer Erzväter Avraham, Jitzchak und Ja’akov auf unseren Häuptern.

Dieses wollte Ja’akov seinem gelehrten Sohn Jossejf mit geben. Lasse diesen Segen der Tora, für den Deine Vorfahren gelebt haben, Dir genügen. Die Tora ist die Lehre G“ttes. Lasse das genügen. Wir benötigen nicht immer den Applaus der Umgebung, um unseren Segen zu erhalten. Dieser Segen, der kommt direkt von G“tt durch unsere Verbundenheit mit unserer Tora, der Tora, für die unsere Erzväter gelebt haben.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: Jacob, Ephraim, and Manasseh | © 17th-century Guercino