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AWIMELECH UND SARAH, BUCHSTABE UND GEIST DES GESETZES

Awraham sagte über seine Frau Sarah, dass sie seine Schwester sei. Awimelech, der Philisterische König von Gerar, ließ daraufhin Sarah zu ihm bringen. G“tt erschien anschließend Awimelech in einem nächtlichen Traum und sprach zu ihm: „Schau, Du wirst aus dem Grund sterben, da Du eine Frau geschändet hast, während sie mit einem Mann verheiratet war“. Awimelech reklamierte, dass er vollkommen unschuldig sei: „Hat er mir nicht gesagt, sie sei seine Schwester? Und auch sie hatte mir gesagt, dass er ihr Bruder sei. In der Unschuld meines Herzens und mit der Reinheit meiner Hände habe ich das getan“.

 

Awimelech scheint von G“tt Recht zu bekommen 

  • Awimelech scheint von G“tt Recht zu bekommen. War er aber wirklich so unschuldig? Im Talmud (B.T. Makkot 9a) entwickelt sich eine Diskussion über die Frage, ob jemand wirklich unschuldig ist, wenn er etwas macht, von dem er meint, dass es erlaubt sei. Die Diskussion spitzt sich auf jemanden zu, der auf ein Tier schießt, aber es scheint ein Mensch zu sein oder auf jemanden, der mit einer anscheinend unverheirateten Frau zusammen lebt, die jedoch verheiratet zu sein scheint. Hätte der Täter besser erforschen sollen?
  • Rawa erklärt für schuldig. Der Täter hätte besser aufpassen sollen. Es sieht so aus, als ob er gerade, also bewusst, so handelt. Rav Chisda spricht den Täter frei: er handelt so, da er sich nicht im Griff hat und ist für das, was geschieht, nicht verantwortlich.

 

War Awimelech schuldig?

Der Talmud zitiert: G“tt erschien Awimelech und sagte ihm, dass er wegen der Schändung sterben würde (20:3). Also war er schuldig, wie Rawa das darstellt. Nein, sagt der Talmud, diese Schändung sei nur eine Sünde zwischen Mensch und G“tt. Keine irdische Verfehlung, für die Du durch ein Gericht verurteilt werden könntest. So sprach G“tt zu Awimelech: „ICH habe Dich davon abgehalten, gegen MICH zu sündigen“ (20:6). Awimelech hatte nur gegen G“tt gesündigt, aber keine strafbare Handlung begangen.

Der Talmud sagt, dass dieses doch nicht stimmt. Auch bei Josejf steht geschrieben, dass er nicht gegen G“tt sündigen wollte, als er durch Suleika verführt wurde: „und ich würde gegenüber G“tt sündigen“. Josejf wusste, dass sie mit seinem Chef Potifar verheiratet war. Also ist die Bezeichnung „gegen G“tt sündigen“ kein Freibrief für eine Verurteilung durch einen irdischen Richter.

*Hiernach kommt Awimelech wieder zu Wort: „Möchtest Du, G“tt, mich sterben lassen, obwohl ich gerecht gehandelt habe?“ (20:4). Hatte Awimelech recht? Nein, denn G“tt antwortete ihm: „Gib die verheiratete Frau zurück, denn er ist ein Prophet“. Der Talmud fragt verwundert: „Muss man nur eine Frau eines Propheten zurück geben, aber eine normal verheiratete Frau nicht? Dieses kann doch nicht der Fall sein!“

 

Die Philister fragten ihn nur nach seiner Beziehung zu Sarah

G“tt gab Awimelech eigentlich zwei Antworten: „Gib die verheiratete Frau zurück, da die Ehe heilig ist. Zudem bist Du nicht ganz unschuldig. Awraham ist ein Prophet und er verstand aus Deinen eigenen Wörtern, was er eventuell zu erwarten hätte. Awraham befürchtete, wegen Sarah getötet zu werden.“. Awraham entnahm das aus einer gebräuchlichen Redeweise bei den Philistern: „Wenn ein Gast irgendwo eintrifft, fragt man ihn, ob er genug zu essen und zu trinken hat. Aber man fragt ihn nicht geradewegs: „Ist dieses Deine Frau oder Deine Schwester“. Die Philister fragten ihn nur nach seiner Beziehung zu Sarah. Da begann es bei Awraham zu klingeln.

*Was der Talmud eigentlich sagen möchte ist, dass Awimelech vielleicht nach dem BUCHSTABEN des Gesetzes wohl genug informiert gewesen sei, jedoch nicht nach dem GEIST des Gesetzes gelebt hatte. Vorsicht und ungutes Gefühl bezüglich der Gewohnheiten gaben Awraham zu denken. Bekanntlich gab es genug Anlass, um sein Leben zu fürchten. Deshalb ließ er die Vermutung zu, dass Sarah seine Schwester sei.

 

Hat Awraham seine Frau ausgehändigt?

Nachmanides (dreizehntes Jahrhundert) wirft Awraham vor, seine Frau ausgehändigt zu haben, aber laut Raschi (elftes Jahrhundert) sei das nicht so gewesen. Sie hätten zusammen abgesprochen, dass Awraham der Bruder von Sarah sei, aber das würde dann bedeuten können, dass Sarah mit jemandem anderen verheiratet sei, nach dem sie jetzt im Land der Philister auf der Suche seien. Awraham wollte seine Haut nicht auf Kosten der Sarah retten. Er wollte auch sie beschützen. Sonst wäre Awraham nie zum Erzvater geworden.

 

MISSGUNST WIRD BESTRAFT  

Ein wichtiges Prinzip der Thora ist MIDDA KENEGED MIDDA: für alles gibt es eine Aufrechnung. Bist Du gierig, dann ist man seitens des Himmels auch gierig nach Dir.

Bist Du zu Deinen Mitmenschen gut, dann ist man von Oben auch freundlich zu Dir. Dieses Prinzip zeigt, dass es in dieser Welt keine Zufälle gibt. Wenn jemand belohnt wird, beruht das auf den guten oder weniger guten Taten des Menschen selber.

Im Geschehen um die Zerstörung von Sodom kommt dieses Prinzip regelmäßig zurück:

  • bei der Zerstörung von Sodom
  • bei der Frau von Lot, die zu einer Salzsäule erstarrt und
  • bei Lot, der seine Töchter schwängert.

Sodom und seine Umgebung waren so unmenschlich, dass sie das Leben nicht verdienten.

Da war einmal ein Mädchen freundlich zu einem armen Fremden, der großen Durst hatte. Sie gab ihm etwas zu essen und zu trinken. Sie wurde vor das Gericht gebracht.

Sie verdiente laut dem Gesetz von Sodom die Todesstrafe, da sie einem Fremden zu essen und zu trinken gegeben hatte. Die Sodomiten beschmierten sie mit Honig und legten sie vor einem Bienenkorb. Sie wurde zu Tode gestochen. Gerade weil sie so reich waren, vergaßen sie G“tt.

Sie waren so gierig, dass sie es selbst den Vögeln nicht gönnten, dass diese ihre Nester auf den Zweigen der Bäume bauten. Alle Zweige wurden abgehackt.

 

das Einladen von Fremden wurde schwer bestraft 

Auch das Einladen von Fremden zu einem Abendessen oder generell zu einem Essen wurde schwer bestraft. Eines Tages traf wieder ein Reisender ein. Er bekam nirgendwo etwas zu essen und wusste sich keinen Rat. Schließlich schloss er sich einer Hochzeitsgesellschaft an und setzte sich zu Tisch. Sein Tischnachbar fragte ihn, wer ihn eingeladen hätte. Aus Angst sagte der Gast: „Du hast mich doch eingeladen?“ Sein Tischnachbar geriet in Panik: „Niemand darf das hören. Sonst bekomme ich eine ganz schwere Strafe!“.

Er hatte solch eine Angst, dass er weg rannte. Daraufhin setzte sich der Reisende neben jemand anderem und sagte das gleiche. Auch der zweite Tischnachbar rannte weg. Das ging so weiter und der Reisende konnte das ganze Diner selber aufessen.

 

Sodom verdiente sein Ende.

Lot und seine Töchter wurden durch einen Engel gerettet. Die Frau von Lot durfte sich nicht umdrehen und nach hinten sehen. Da sie es doch tat, erstarrte sie zu einer Salzsäule. Sie hatte mit Salz gesündigt und wurde mit Salz bestraft.

 

Frau Lot hatte mit Salz gesündigt

Als die Engel in das Haus von Lot zu Besuch kamen, passte das seiner Frau überhaupt nicht. Sie versuchte auf verräterische Weise, ihren Mann bei der Obrigkeit zu denunzieren. Sie ging zu ihrer Nachbarin und sagte: „ Es sind Gäste in unser Haus gekommen. Leihe mir etwas Salz“. Auf diese Weise versuchte sie bekannt zu geben, dass ihr Mann, trotz des gesetzlichen Verbotes, Gäste eingeladen hatte.

 

Allein auf der Welt, dachten sie

Lot wohnte mit seinen Töchtern in einer Spelunke, nachdem sie Sodom verlassen hatten. Lots Töchter befürchteten, dass sie kinderlos sterben würden. Sie dachten, dass niemand die Katastrophe der Zerstörung von Sodom überlebt hatte, bis auf sie und ihren Vater. Deshalb verführten sie ihren Vater. Lot wurde vollkommen betrunken gemacht und schwängerte dabei seine Töchter.

 

Moav, Amnon und David

Von der Älteren stammt Mo’av ab und von der Jüngeren Ammon. Sie waren die Vorläufer des Maschiach.  König David, Großvater von Maschiach, war ein Urenkelsohn der Moabiterin Ruth. Rechave’am, Sohn von König Salomo und Enkelsohn von David, war ein Sohn von Na’ama, einer Ammonitischen Kriegsgefangene. Von ihnen stammt Maschiach ab.

 

lautere Absichten

Obwohl sie Unzucht betrieben, hatten die Töchter von Lot mit diesem Inzestvorgang lautere Absichten. Sie wollten die Erde wieder bevölkern.

G“tt beurteilte Lots Töchter nach ihren Absichten. Ihre Taten waren jedoch zu verurteilen. Deshalb durften die Kinder und Enkelkinder aus dieser Inzest-Beziehung nicht innerhalb des Jüdischen Volkes heiraten (Dewarim/Deut. 23:4). „Kein Ammonit oder Mo’avit darf je in die Gemeinschaft aufgenommen werden (das heißt einheiraten)“.

 

Lot hatte seine Töchter der Menge angeboten

Aber weshalb war Lot letztendlich Opfer dieser Inzest-Beziehungen? In der Vorgeschichte hatte Lot seine Töchter der Menge angeboten, als diese auf sexuelle Beziehungen mit Lot`s Gästen drängte. G“ttes Reaktion war: „Undenkbar! Normalerweise unternimmt ein Vater alles, um die Ehre seiner Töchter zu schützen. Lot bot sie der Menge an. Ich schwöre, dass Du durch sie irgendwann straucheln wirst“.

 

Über und zwischen den Engel

Avraham hatte sich soeben beschnitten. Er bemühte sich jedoch enorm, es den drei Engeln: Raphael, Michael und Gavriel, die ihm durch ihren Besuch beehrten, bestens ergehen zu lassen.

Eine alte Überlieferung, der Midrasch, vermerkt, dass die Urenkelkinder die Thora erhielten, da Avraham sich so ins Zeug gelegt hatte, die Engel zu bewirten und zu betreuen.

 

Die Engel protestierten

Als Mosche den Berg Sinai bestieg, um die Thora zu erhalten, protestierten die Engel. Sie fragten G“tt: „Was macht so ein Sterblicher zwischen uns? Welches Recht hat er, die Thora zu empfangen?“.

Da ließ G“tt Mosche dem Avraham ähneln und konfrontierte die Engel damit: „Ist das nicht dieser Mann, in dessen Haus Ihr gegessen habet?“. G“tt sprach zu Mosche, dass er die Thora nur wegen der uneingeschränkten Gastfreundschaft von Avraham empfangen hätte.

Als die Engel Avraham besuchten, berichtet die Tora, dass „sie über ihm standen“ (Gen. 18:2). Sie befanden sich in der Tat auf einer höheren Ebene. Aber etwas weiter steht in der Tora, dass „Avraham über ihnen stand“ (Gen. 18:8).

 

Wer stand nun über wem?

Avraham war in ihren Augen anfänglich klein. Die Engel meinten, dass Avraham lediglich ein geringwertiges menschliches Wesen sei.

Aber nachdem sie sahen, wie gastfreundlich er war, schien er doch höher als sie zu stehen. Avraham machte auf die Engel einen tiefen Eindruck.

Was erzeugte bei den Engeln die geänderte Sichtweise? Avraham war 100 Jahre alt, krank durch die Beschneidung und schwach. Es war die heißeste Zeit des Tages und doch saß er am Eingang seines Zeltes und wartete auf Gäste.

Was tut ein normaler Mensch unter diesen Umständen? Die meisten Menschen würden sich aufs Bett legen und jedenfalls nicht auf die Suche nach potenziellen Gästen gegangen sein.

 

Er stellte die Bedürfnisse anderer über sein eigenes Interesse

Aber Avraham „schärfte seinen Blick und sah die Engel oberhalb von sich stehen“ (18:2). Er stellte die Bedürfnisse anderer über sein eigenes Interesse. Gäste zu empfangen war in seinen Augen so wichtig, dass alle menschlichen Schwächen hierfür zurückzustehen hätten.

Nach seiner Beschneidung hatte Avraham alle seine zweihundertachtundvierzig Körperteile vollständig unter Kontrolle. Avraham entstieg seinen menschlichen Einschränkungen. Alle seine eigenen Begehrlichkeiten waren einem höheren Ziel untergeordnet.

Dieses verwunderte die Engel. Sie glaubten, über Avraham zu stehen, aber als sie von ihm fort gingen, wurden sie sich bewusst, dass Avraham höher als sie stand.

Avraham war ein sehr besonderer Mensch. Er bleibt – selbst gegenwärtig – noch ein leuchtendes Beispiel für seine Urenkelkinder!

 

SUBJEKTIVE UND OBJEKTIVE EMPFEHLUNG

„G“tt erschien Avraham in den Feldern von Mamrej“ (18:1)

G“tt besuchte Avraham und heilte ihn von seinen Beschneidungsschmerzen in den Feldern, also auf dem Gebiet von Mamrej. Mamrej, Anejr und Eschkol waren Avrahams Bundesgenossen.

Laut der Midrasch (Erklärung) hatte Avraham seine drei Bundesgenossen um ihren Rat gebeten, ob er die Brit Mila (die Beschneidung) durchführen solle:

 

  • Anejr sagte ihm, dass er durch die Beschneidung geschwächt würde. Avraham hatte, nach seinem Sieg über die vier Könige, noch allerhand Feinde (Genesis 14) und musste das  berücksichtigen.
  • Eschkol sagte, dass so eine Operation lebensgefährlich sein könnte.
  • Nur Mamrej sagte zu Avraham, er solle auf G“tt vertrauen. Deshalb erschien G“tt  Avraham auf dem Territorium von Mamrej.

 

Warum Beratung?

Aber weshalb benötigte Avraham Beratung, wo G“tt selber ihm die Brit Mila anordnete?

Unsere Weisen erzählen uns dass G“tt, bevor ER den Menschen erschuf, bei den Engeln Rat einholte. Obwohl die Engel, als Geschöpfe G“ttes, niedriger als der Allmächtige stehen, bat G“tt trotzdem um ihren Rat. Wieso? Als Beispiel für den Menschen. Weshalb ist einen Rat einholen immer gut? Da jeder subjektiv urteilt und reagiert.

 

wie Andere diese Situation beurteilen

Es gibt zwei Arten, einem Anderen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen:

–       Derjenige, der den Rat erteilt, kann seine eigenen Ansichten oder Empfindungen zur Problematik erläutern. Dann wissen wir, wie Andere diese Situation beurteilen. Ich nenne diesen einen subjektiven Ratschlag.

–       Dieser kann sicherlich wichtig sein, aber die höchste Art der Beratung ist, Dich als Ratgeber in die Lebenswelt des Fragestellers einzufühlen und aus seiner Perspektive die Problematik zu beurteilen. Diese kann man als objektiven Ratschlag bezeichnen.

 

Beim objektiven Ratschlag ist das Wichtigste, dass der Ratgeber „außenvorbleibt“ und nicht seine eigenen Gefühle oder Empfindungen auf die vorliegende Situation projiziert… Er sollte sich selber „zurücknehmen“ oder „lösen“ und sich eigentlich nur fragen, was die Lebensperspektive des Fragestellers sei.

 

Avraham zweifelte überhaupt nicht an der Anweisung G“ttes, sich zu beschneiden. Anejr und Eschkol rieten Avraham nicht ab, die Brit Mila durchzuführen. Aber ihr Rat erfolgte aus Sicht ihrer eigenen Ängste. Sie meinten, dass Avraham negative Nebeneffekte der Brit Mila berücksichtigen und Vorsorgemaßnahmen treffen sollte.

Mamrej gelang es jedoch, sich total in Avrahams Perspektive hineinzuversetzen. Er kannte Avrahams G“ttvertrauen und riet Avraham, diese einschneidende Operation aus einem Empfinden der vollständigen Sicherheit des G“ttlichen Beistandes vorzunehmen.

 

psychologische Höchstleistung

Dies war eine psychologische Höchstleistung und wird deshalb in der Thora erwähnt. Mamrej wurde belohnt, da er es verstand, sich von seinen eigenen Empfindungen zu lösen. Er ließ sich nicht von seinen eigenen Gefühlen leiten, sondern war im Stande, komplett aus der Sichtweise und dem Seelenzustand von Avraham zu entscheiden und ihn zu beraten. Möchte man sich der Wahrheit annähern, dann sollte man versuchen, die Situation so objektiv wie möglich zu analysieren.

Ein wahrhaftiger Freund kann darüber hinaus aus Deiner eigenen Sichtweise denken und seine eigenen Empfindungen auch mal ausschalten. Und das kann manchmal entscheidend sein.

 

GASTFREUNDSCHAFT IST DER EINZIGE WEG

 

Dem Judentum näherbringen

Avraham hatte verstanden, dass Gastfreundschaft der einzige Weg sei, um Menschen näher an die Religion heranzuführen (so ist es auch noch immer). Sein Zelt war zu allen Seiten geöffnet. Jeder konnte sofort eintreten und erhielt Speisen und Getränke umsonst. Avraham bot auch Logis an, also Aufenthalt. Er selbst hatte ein Gericht eingesetzt, um alle Konflikte sofort zu lösen. Das einzige, um was Avraham die Menschen bat, war, G“tt nach der Mahlzeit zu danken. Wenn Gäste das verweigerten, mussten sie bezahlen.

Avraham berechnete die Preise in übertriebener Höhe. Seine Gäste beschwerten sich, er sei viel zu teuer. Avraham verwies seine Gäste darauf, dass man mitten in der Wüste nicht so ohne Weiteres ein herrliches Fleischgericht erhalten könne. Die Menschen erkannten, dass Avraham recht hatte und dankten G“tt für seine überreichliche Gaben. So wurde die Religion verbreitet.

 

Selbst Heiden

Avraham erhielt zur heißesten Tageszeit Besuch von Männern, die später anscheinend drei Engel gewesen seien. Avraham meinte zuerst, dass sie Heiden seien, die sich vor dem Staub an ihren Füssen beugten. Der Staub an ihren Füssen war zu einer Art von Götzendienst geworden. Avraham wollte, als Vorreiter des Monotheismus, keinen Götzendienst in seinem Hause gestatten. Deshalb ließ er sie sich zuerst ihre Füße waschen.

Es ist jedoch schwierig zu verstehen, dass G“tt ihm nun ausgerechnet Gäste sandte, die „wie Heiden aussahen“? Dieses Detail ist trotzdem wichtig. Es lehrt uns viel über die Vorschriften der Gastfreundschaft. Es darf sich erst wirkliche, echte Gastfreundschaft nennen, wenn das Haus jedem offen steht, der hungrig ist: nicht nur für wichtige Gäste, sondern auch  für einfache, hungrige Seelen.

 

nicht wählerisch auf die Gäste herabschauen

Rabbi Chaim Brisker meinte auch, dass echte Gastfreundschaft bedeutet, dass JEDER willkommen sei. Deshalb hatte G“tt auch Gäste zu Avraham gesandt, die in seinen Augen nicht so wichtig waren. Das lehrt uns, dass wir nicht wählerisch auf die Gäste herabschauen dürfen. Maimonides (1135-1204) vermerkt das auch klar: „Wenn man eine Mitzwa macht, sollte man diese so schön wie möglich machen. Baut man eine Synagoge, dann sollte diese schöner als das eigene Haus sein. Gibt man Armen zu essen, dann sollte sich das Beste und Schönste auf dem Tisch befinden“.

Wenn wir armen Menschen das geben, was sie benötigen, erfüllen wir die Mitzwa, das Gebot der Zedaka (der Nächstenliebe). Aber einem Armen vom Besten und Schönsten zu geben, ist eine Hidur Mitzwa (die Mitzwa auf eine sehr schöne Art erfüllen).

 

Hidur Mitzwa der Gastfreundschaft

Das ist auch, was Avraham machte. Er bot seinen Gästen die besten und herrlichsten Gerichte an. Ein anderer Aspekt von Hidur Mitzwa der Gastfreundschaft wird im Vers angedeutet: “und Avraham stand bei ihnen unter dem Baum, als sie assen“ (Gen. 18:8). Gäste empfinden es als angenehm, wenn der „Ba’al Habajes“ – der Gastgeber – bei ihnen bleibt, während sie ihre Mahlzeit zu sich nehmen.

 

Akedat Jitzchak (das Fesseln von Jitzchak)

Die Thora zu interpretieren ist nicht Jedermann Sache. Das Verständnis hierzu erfordert:

  • Empfinden für Aktualität – die Thora ist in jeder Generation aufs Neue relevant,
  • in die Tiefe gehend – jeder Buchstabe zählt mit, den Kontext – es geschah viel mehr, als dasteht, und
  • ein Zukunftsempfinden – die Thora ist auch in die Zukunft schauend und symbolischen Einblick.

 

Alter

Nehmen wir als Beispiel die Akedat Jitzchak (die Fesselung von Jitzchak), die zehnte Herausforderung für Avraham. Avraham war zum Zeitpunkt der Herausforderung hundertsiebenunddreißig Jahre alt und Jitzchak siebenunddreißig.

 

Absicht

Die Absicht der Prüfung war, Avraham und Jitzchak – als Vorläufer des Jüdischen Volkes – auf eine höhere Ebene gelangen zu lassen, ihnen dabei behilflich zu sein. Die Herausforderung holte das Unterste aus dem Bereich ihres Seelenlebens heraus. Selbst nach den vorausgegangenen neun Herausforderungen klagten die Völker noch immer, laut Raschi (elftes/zwölftes Jahrhundert). Weshalb musste G“tt Avraham allen anderen Menschen bevorzugen?

Die aktuelle Frage nach der bevorzugten Position des „erwählten Volkes“ bildet hiervon ein Echo.

 

Kommentar über die Privilegien Avrahams

Dass seine Nachbarn auf Avraham eifersüchtig waren, wird aus dem Eröffnungstext des Hauptteiles 22 von Bereschit (Genesis) abgeleitet. Dort steht, dass G“tt Avraham auf die Probe stellte „nach diesen Worten“. Das steht da nicht so ohne Grund. Nach diesen Worten bedeutet: dem Kommentar der Völker und von Anderen über die Privilegien von Avraham. Nicht nur die Völker um Avraham herum, sondern auch der Satan (der Himmlische Kläger) hatte mit der bevorzugten Stellung von Avraham Probleme: „Du hast diesem Mann ein Kind gegeben, als er hundert Jahre alt war. Aber Avraham hat noch nicht einmal vom großen Bankett, das er für seinen Sohn veranstaltet hat, eine Taube geopfert!“

G“tt parierte Satans Bemerkung mit der Aussage, dass wenn Avraham gefragt werden sollte, seinen eigenen Sohn zu opfern, er dieses auch machen würde.

 

Diskussion zwischen Jischmaejl und Jitzchak 

Nach diesen Worten verweist weiterhin auf eine Diskussion zwischen Jischmaejl und Jitzchak. Jischmaejl rühmte sich mit der Tatsache, dass er sich an seinem dreizehnten Jahr, ohne zu protestieren, hatte beschneiden lassen.

Jitzchak war da nicht besonders von beeindruckt: „Auch wenn G“tt meinen gesamten Körper verlangen würde, wäre ich bereit, mich selbst zu opfern“. Erst nach der eigenen Erklärung der Aufopferungsbereitschaft konnte der große Test seinen Lauf nehmen. Selbst überflüssig erscheinende Worte in der Thora haben eine wichtige Auswirkung.

 

 Satan beschuldigte Avraham

Alles stand für die schwerste Herausforderung aus der Geschichte bereit. Aus dem Thora-Text geht nicht hervor, dass es unterwegs viele Hindernisse gab. Jedoch fanden viele Diskussionen oder Gespräche statt. Satan beschuldigte Avraham, dass der verrückt geworden sei und an der Anweisung von OBEN anfangen sollte, zu zweifeln: „Du gehst Deinen einzigen Sohn schlachten, den Du an Deinem Hundertjährigen erhalten hast?“.

 

G“tt verweigerte dieses Kinderopfer

Avraham setzt jedoch fort. Er war von der Wahrheit seiner Visionen dermaßen überzeugt, dass er sich durch nichts zurück halten ließ. Letztendlich erschien Satan ihm in der Form eines Flusses, den er kaum durchdringen konnte. Avraham hatte genug Entschuldigungen, um seine Reise nicht fort zu setzen. Er ging jedoch weiter voran. Der Rest dieser dramatischen Episode ist bekannt. G“tt verweigerte dieses „Kinderopfer“, besser zu bezeichnen mit „der Opferung eines Kindes“, auch wenn dieses „Kind“ schon erwachsen war. Anstelle hiervon erfolgte und entstand dann ein Tieropfer.

 

Gola und Exil 

Avraham schaute nach hinten und sah dort einen Widder, der sich die ganze Zeit im Gestrüpp verhadert hatte. G“tt erklärte Avraham, dass dieses ein Symbol für die Zukunft des Jüdischen Volkes sei: dass es durch seine Abtrünnigkeit immer wieder oder nach und nach in der Golah, im Exil, wieder in Gefangenschaft geraten würde – in Babylon, in Medien und Persien, in Griechenland und in Rom, von wo aus der westlichen Verbannung entstand.

 

Der Widder: multi Mizwot 

Wie würde es letztendlich befreit werden? Durch den Klang und die Töne des Schofar! Der Widder, den Avraham opferte, war einzigartig, da damit viele Mitzwot erfüllt wurden: die Hörner konnten als Schofar benutzt werden. Die Knochen der Oberschenkel dienten als Flöten im Tempel, die Haut des Tieres wurde als Bezüge der Trommeln im Tempel verwendet und die Eingeweide wurden als Saiten der Harfen im Heiligtum genutzt.

 

Tempelberg 

Avraham wusste, dass der Berg, auf dem Jitzchak beinahe geopfert wurde, irgendwann in der Heiligen Stadt zum Tempelberg werden würde. Er nannte den Ort „HaSchem Jire“: G“tt wird von hier aus der Welt wohlwollend betrachten und von Jerusalem ausgehend der Menschheit Beracha – Segnung – schenken. Sem, der Sohn von Noah, hatte den Ort früher „Schalejm“ genannt, VOLLKOMMEN. G“tt kombinierte beide Namen zu Jerusalem, JERUSCHALEJM oder JERUSCHALAJIM.

 

Drehpunkt der alten Kulturen

Jeruschalajim, als die Hauptstadt von Israel, bildete den Drehpunkt der alten Kulturen, die sich in Europa, in Asien und in Afrika befanden. Alle großen Mächte, die sich außerhalb der Grenzen ihres Kontinentes begaben, zogen an Israels Hauptstadt entlang und kamen mit dem Judentum in Berührung.

 

Nabel der Welt 

Pesikta Rabbati (10:2) bezeichnet Jerusalem nicht so ohne Weiteres als den „Nabel“ der Welt. Ihre zentrale Lage und ihre spirituelle Ausstrahlung sorgten dafür, dass das Judentum die Basis vieler Weltreligionen werden sollte.

Die Aufopferungsbereitschaft von Avraham bildete die Basis der drei großen Weltreligionen. Um Jerusalem wird –leider! – noch immer gekämpft und gestritten. Aktueller kann es nicht sein!

 

SODOM, JUDENTUM UND DIE TODESSTRAFE

Die Thora widmet dem schlechten Verhalten der Menschen aus Sodom viel Aufmerksamkeit. Avraham hält eine flammende Fürsprache, um die Stadt und ihr Umfeld zu erhalten. Letztendlich gelingt das nicht. G“tt vernichtet Sodom und Gomorra total.

Dieses lässt die Frage nach der Todesstrafe höchst aktuell werden. Die Welt hat sehr unterschiedlich auf die Todesstrafe reagiert, die Saddam Hussein auferlegt wurde. Die Vereinten Nationen waren dafür, die Europäische Union gegen ihre Vollstreckung.

 

Kompromisslosigkeit

Jeder erinnert sich noch an die Kompromisslosigkeit, mit der zum Beispiel die Regierung von Singapur alle Bittschriften, das Leben eines wegen Drogenhandels beschuldigten Mannes zu schonen, unberührt ließen.

Informelle Gespräche, diplomatische Schriftsätze, Briefe von Menschenrechtsorganisationen und ein Appell der Niederländischen Königin konnten die Offiziellen des Asiatischen Stadtstaates nicht erweichen.

 

Wie steht das Judentum zur Todesstrafe?

Die Todesstrafe bleibt ein Drama. Dürfen wir über Tod oder Leben eines Anderen entscheiden und ihn oder ihr dann das Leben nehmen?

*Ein Mörder erhielt die Todesstrafe. Vor nicht allzu langer Zeit lasen wir: „Wer das Blut von Menschen vergießt, soll auch sein Blut durch Menschen vergossen werden. Denn G“tt hat den Menschen nach SEINEM Ebenbild geschaffen“ (Genesis 9:6). Hier scheint die Todesstrafe  eine zwingende Notwendigkeit zu sein.

Jemand, der das Leben einem Anderen kaltblütig nimmt, verliert selber das Recht, weiter zu leben. Befürworter der Todesstrafe argumentieren, dass die Achtung vor dem menschlichen Leben mit sich bringt, dass der Mensch nicht ungestraft getötet werden darf. Jedoch werden in der Thora nicht alle Fälle von Totschlag mit der Todesstrafe beschieden.

Kain, David und Achab wurden wohl bestraft, aber nicht mit der Todesstrafe. Im Jahr tausendachthundertundsiebzig wurde die Todesstrafe in den Niederlanden abgeschafft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Todesstrafe jedoch wieder eingeführt.

 

Seit 30 ndZ keine Todesstrafe mehr

Der Sanhedrin zu Jerusalem hatte  bereits vierzig Jahre vor der Zerstörung des (zweiten) Tempels im Jahr dreißig nach der Zeitrechnung, also vor tausendneunhunderteinundneunzig Jahre, mit der Durchführung der Todesstrafe aufgehört.

 

Sehr zurückhaltend 

*Im Talmud wird mit der Todesstrafe sehr zurückhaltend umgegangen. So wird das Gesetz des „widerspenstigen Sohnes“ vier Seiten lang im Talmud besprochen (B.T. Sanhedrin 68b-72a), aber danach wurde entschieden, dass der Fall des „widerspenstigen Sohnes“ nie eingetreten sei und auch nie eintreten würde.  Dieses Gesetz wurde nur zu Studienzwecken, aber nicht für die Praxis erlassen. Rabbi Jonatan jedoch protestiert und besagt: „Ich habe einen widerspenstigen Sohn gesehen und auf seinem Grab gesessen“.

In B.T. Sanhedrin 51b wird das Studium der Todesstrafen mit dem Studium der Opfer verglichen, die auch nicht mehr Gang und Gebe sind.

 

nie ein Todesurteil kontraproduktiv

In der Mischna Makkot (1:10) wird vermerkt, dass ein Sanhedrin, der jemand EIN Mal in sieben Jahren zum Tode verurteilt, als eine Schlachtbank betrachtet wird. Rabbi Elasar ben Asarja meint, dass selbst EIN Mal in 70 Jahren schon viel zu viel sei. Rabbi Tarfon und Rabbi Akiva schreiben, dass, hätten sie im Sanhedrin gesessen, nie ein Todesurteil erfolgt wäre. Aber Rabbi Schimon ben Gamli’ejl behauptet, dass dieses kontraproduktiv gewirkt hätte: „Mit so einer Einstellung würde es unter den Menschen in Israel viele Mörder gegeben haben“.

 

Bedrohung für die Gemeinschaft

*Die Todesstrafe wurde jedoch gegen lebensgefährliche Kriminelle, manchmal selbst bis ins Mittelalter, noch ausgesprochen. Wo die Jüdischen Gerichte mit diesen juristischen Befugnissen betraut waren, wie in Spanien unter der Herrschaft der Muslime, wurden manchmal Todesurteile vollstreckt, wenn bestimmte Individuen eine Bedrohung für die Gemeinschaft bedeuteten.

 

Nur Selbstverteidigung 

In der Responsa (Kapitel 138) von Maharam Lublin (1558-1616, Polen) steht beschrieben, dass diese Jüdischen Gerichte lieber nicht eine der vier Biblischen Todesstrafen anordneten, um nicht den Anschein zu erwecken, sie würden sich Sanhedriale Befugnisse anmaßen. Es war nur Selbstverteidigung.

Als sie erste Angelegenheit wegen Mordes im Staate Israel verhandelt wurde, telegrafierten beide Israelische Oberrabbiner dem Justizminister, die Todesstrafe sofort ab zu schaffen. Ein Todesurteil betrachteten sie als Widerspruch zum Jüdischen Gesetz unter den heutigen Umständen.

Eichmann wurde jedoch wegen Genozid zum Tode verurteilt. Manchmal kann man nicht anders handeln.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: Isaac embraces his father Abraham after the Binding of Isaac. Early 1900s Bible illustration.