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„Zion spricht: G“tt hat mich verlassen und mein Meister hat mich vergessen“ (Jes. 49:14). Etwas weiter steht da (50:1): „So spricht HaSchem (zu den Juden): wo ist der Ehescheidungsbrief Euerer Mutter, die Ich weg geschickt habe? Oder: an welche Meiner Gläubiger habe ich Euch verkauft? Ihr wurdet wegen Euerer Sünden verkauft und Euere Mutter wurde wegen Eueres Fehlverhalten weg geschickt“.

Die Beziehung zwischen G“tt und dem Jüdischen Volk wird hier skizziert in Erwähnungen von Ehe/Hochzeit, Untreue, Ehescheidung und Entfernung. G“tt besagt, dass es keine ernst zu nehmende Rede von einem vollständige Bruch sei.

 

Untreue durch Götzenanbetung

Das sich entfernen zwischen G“tt und Seinem Volk ist eine Folge von Untreue des Jüdischen Volkes, wenn es sein Heil bei Götzen oder bei anderen dem Judentum fremden Tätigkeiten (z.B. ein aufgeblasenes Ego) sucht. Verdeckt erfolgt eine andauernde Diskussion zwischen G“tt und dem Jüdischen Volk. HaSchem sagt durchgehend zu Seinen Untertanen: „Sondere Dich nicht mit Götzen oder mit anderen Un-Jüdischen Aktivitäten ab“.

EINER der wichtigsten Götzen ist unser aufgepustetes Ego. Wenn es in uns keinen Platz für HaSchem gibt, sind wir verkehrt tätig. Unser zu starkes Selbstbild hindert uns manchmal daran, ein wahrer Jude zu sein. Dieses ist eigentlich die größte Untreue, die man innerhalb des Judentums begehen kann.

 

Hochmut und Widerspenstigkeit

Die Welt ist von G“ttes Gloria erfüllt. Wie ist es dann möglich, dass jemand sich von IHM entfernt und sich an zweiträngige Mächte und Kräfte, die „Abgötter“ genannt werden, fest macht? Dieses geht eigentlich auch nicht, mit Ausnahme beim hochmütigen und widerspenstigen Menschen. Dieser schafft in seinem Inneren eine Stelle, die von Eigenwahn erfüllt ist und keinen Spielraum für G“ttliche Einmischung und Einflussnahme belässt.

 

Ambivalenz

In den Worten des Propheten Jirmijahu (3:8) ist jedoch wohl die Rede einer deutlichen (Ehe-)Scheidung zwischen HaSchem und dem Jüdischen Volk: „ICH habe sie weg geschickt und einen Ehescheidungsbrief gegeben“. Ist hier die Rede von gegensätzlichen Prophezeiungen?

Nein! Diese anscheinende Gegensätzlichkeit widerspiegelt die Ambivalenz des Jüdischen Volkes im Bezug zum Allmächtigen und – als eine Spiegelreaktion – auch die ambivalente Haltung von G“tt in Bezug zu Am Jisraejl.

 

Keine beneidenswerte Position

Beide Prophezeiungen sind zwei Seiten einer drohenden Scheidungssituation. Es sieht aus wie eine Ehescheidung, aber wenn das Jüdische Volk dann auf einen vollständigen Bruch zusteuert, besagt G“tt „wo ist der Ehescheidungsbrief Euerer Mutter, die ICH weggeschickt habe?“. Andererseits ist es jedoch sicherlich die Rede von einer Entfernung in dem Sinne, dass G“tt nicht mehr bereit ist, sehr deutliche Wunder zu erzeugen, um für das Jüdische Volk zu retten. In der Kürze zusammengefasst, befinden wir uns nicht in einer beneidenswerten Situation…

 

Der Vergleich mit der Sota-Situation

In symbolischer Sprache spricht die Thora bereits früher über dieses sich Entfernungsgeschehen. Dieses erfolgt im Kontext zur Sota, der Frau, die der Unzucht verdächtigt wird. Wenn das Jüdische Volk sich durch und von allerhand Judentumsfremde Kräfte verführen lässt, dann heißt das in der Thora-Sprache in Bezug zum Allmächtigen „Unzucht“ im geistigen Sinn.

Bei der Sota versucht der Kohen, die Beziehung durch verschiedene Tätigkeiten wieder her zu stellen, die auch im Kontext eines möglichen Bruches zwischen dem Jüdischen Volk und G“tt eine Bedeutung haben. Der Kohen hat Flüche (Warnungen) in ein Buch zu schreiben und diese zu löschen (Bamidbar/Numeri 5:23). Tinte und Pergament sind zu trennen. Dieses symbolisiert die Möglichkeit der Scheidung. Dieses ist der Unterscheid zwischen einer geschriebenen Thora-Rolle und den Steinernen Tafeln.

 

Eingemeißelt und geschrieben

Die Zehn Gebote sind in die Steinernen Tafeln eingemeißelt worden und bilden mit ihnen eine unzerbrechbare Einheit. Das Löschen der Flüche des Pergamentes ist ein Symbol dafür, dass wenn Du Dich mit dem Judentum, als integraler Bestandteil Deiner Seele, beschäftigst, es möglich ist, dass obwohl ab und zu eine Entfernung zwischen G“tt und dem Menschen entsteht, eine Streichung dieses Abstandes möglich bleibt.

 

Tierfutter und Armut

Wenn diese ungenügend sein sollte und man vom Eigenwahn sehr durchdrungen ist, zeigt das Sota-Opfer die letzte Lektion auf. Das Opfer der Sota war aus Gerstemehl, was Tierfutter ist und aus einem 1/10 Efa bestand, was auf große Armut deutete. Erst wenn wir begreifen, dass wir G“tt gegenüber mit unserem Eigenwahn auf der niedrigsten Stufe gelandet sind, besteht Hoffnung auf Besserung.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: Postkarte zum Thema Scheidung, Jüdisches Museum der Schweiz