Kurz vor Matan Thora (der Übergabe der Tora) beschreibt die Thora, wie Jitro, der Schwiegervater von Mosche Rabbejnu, ihn berät, wie er die Organisation der richterlichen Gesetzesausübungsgremien, der Batej Din, vornehmen sollte. Mosche sollte nicht alles selber machen. Mosche sollte nur die allerschwierigsten Fragen selber beantworten. Den Rest sollte er an nachrangige Dajanim (Richter) delegieren: „Höre mir zu, ich rate Dir, aus dem Volk rechtschaffene Männer heraus zu suchen, G“ttesfürchtige und wahrheitsliebende Männer, die nichts an diesem Auftrag verdienen möchten. Setze sie ein als Häupter über tausend, hundert, fünfzig und zehn Familien“.

 

der Rechtsprechung wird viel Wert beigemessen

Jitro sah, dass es Mosche zu viel wurde. Jitro kam mit einer Lösung, die als Grundlage einer komplett neuen Organisation des gesamten richterlichen Sagens dienen sollte, wo fast 80.000 Menschen einbezogen waren. Vergleiche das mal damit, wie viele Richter in Deutschland, pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, im Dienst sind. Dann werdet Ihr sehen, wie viel Wert im Judentum der Rechtsprechung und dem Recht beigemessen wird. Wirklich bemerkenswert.

 

Keiner der jüdischen Anführer wurde wegen seines IQ ausgewählt

Noch bemerkenswerter ist, dass wir als Jüdisches Volk nicht auserwählt wurden, da wir so zahlreich wären oder da wir so schlimm seien. Keiner der jüdischen Anführer wurde wegen seines oder ihrer IQ ausgewählt. Das Judentum achtet auf gute Eigenschaften, auf G“ttliebendes, Menschen beachtendes und menschenwürdiges Verhalten. Das sind die Charaktereigenschaften, die zählen.

 

Weisheit können wir auch von anderen hören

 Was tatsächlich der Matan Thora die Krone aufsetzt ist, dass der Übergabe der Thora eine Episode vorher gegangen war, in der wir Ratschläge von einem totalen Außenstehenden erhalten. Es zeigt, dass wir bereit sind, die Wahrheit zu akzeptieren, von der Frage abgesehen, wer diese Weisheiten verkündigt. Ramban, Nachmanides (1194-1270) erzählt uns bereits, dass wir uns immer für die Wahrheit offen verhalten sollten. Wir sollten diese „von jedem, der diese verkündet“ akzeptieren. Ich finde das einen „eyeopener“, zu Deutsch Erweiterung des Blickfeldes. Wir sind nicht eigensinnig und lassen uns von den Weisen und Gelehrten mit unterschiedlichen Sicht- und Bildungswegen beraten. Integrität und Geradlinigkeit sollten wir selber verwirklichen. Weisheit können wir auch von anderen hören.

 

Nationale Ehescheidungen

Die Grundlage des Jüdischen Volkes wurde auch durch einen jüdischen Anführer gebildet, der bereit war, einem kleinen Kind zu zu hören. Ganz am Anfang unserer Volkswerdung in Ägypten entschied der Pharao, alle jüdische männliche Kleinkinder zu ermorden, indem man sie in den Nil warf. Der Vater von Mosche Rabbejnu, Amram, war mit Jochewed verheiratet. Durch das harte Dekret des Pharao bedingt entschieden sie, sich scheiden zu lassen und keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Da Amram in Ägypten der geistige jüdische Anführer war, folgten alle jüdische Männer seinem Beispiel und gingen von ihren Frauen weg, sodass keine Kinder mehr geboren werden sollten.

 

Deine Entscheidung ist härter als das Dekret vom Pharao

Mirjam, Amram’s Tochter und die ältere Schwester von Mosche, die damals fünf Jahre alt war, beschwerte sich bei ihrem Vater, dass seine Entscheidung härter und zerstörerischer sei als das Dekret vom Pharao: „Der Pharao hat lediglich entschieden, die Jungens zu töten, aber durch Deine Entscheidung kommen auch keine Mädchen mehr zur Welt. Nicht nur das: Pharao’s Dekret betrifft nur die Jungens, die auf dieser Welt geboren wurden/werden. Aber durch Deine Entscheidung sind/werden alle ungeborene Neschommes (Seelen) betroffen, aus dieser und aus der künftigen Welt!“.

 

Wir wuchsen und blühten, aller Unterdrückung zum Trotz

Amram nahm die Worte seiner jungen Tochter zu Herzen und heiratete Jochewed erneut. Auch alle anderen Männer nahmen ihre Frauen wieder zurück. Kurz danach wurde Mosche Rabbejnu geboren, der das Jüdische Volk aus Mitzrajim (Ägypten) erlösen würde. Das Jüdische Volk wuchs und blühte, aller Unterdrückung zum Trotz.

Bescheidenheit, Integrität und Aufrichtigkeit

Diese finde ich erstaunlich. Der kluge Leiter der damaligen Generation ließ sich durch ein kleines fünfjähriges Mädchen zu Recht weisen, die ausgerechnet auch noch seine Tochter war. Hierdurch wurde der Grundstein zur Volkswerdung von Am Jisraejl gelegt. Glücklich sind diejenigen, die nicht eigensinnig sind und den guten Rat von Anderen annehmen, wer diese auch sein mögen. Bescheidenheit, Integrität und Aufrichtigkeit bleiben unsere richtungweisenden Anfänge.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin