Diese Woche lesen wir in den Parschioth Wajakhel Pekudej, wie der Mischkan, das mitziehende Heiligtum in der Wüste, vorbereitet wird. Die Absicht, der Zweck dieses Heiligtums war, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde zu schaffen.

 

Spannung zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen

Die Spannung zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen ist eines der wichtigsten Merkmale von Religion. Wir befinden uns in der rumorenden, zeitlichen und materiellen Welt, aber richten uns aus auf das Unvergängliche und Erhabene, das in der Nähe, aber DOCH fast unerreichbar ist. Mit den Worten des zweiten Passuks von Bereschit: „Die Erde war wüst und chaotisch, eine Finsternis oberhalb eines Abgrundes, aber der Geist G“ttes schwebte über das Wasser“.

 

die Tora als die Brücke

In der Jüdischen Tradition wird die Tora als die Brücke zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen verstanden. Die Tora und die Mitzwot verschaffen uns eine Möglichkeit, um im Sinnbild des G“ttlichen zu leben – ohne, dass wir die Tiefe, den Kern des G“ttlichen erfassen. Die Gemara besagt hierüber (B.T. Schabbat 88b) am Fuße des Berges Sinai bei der Gesetzgebung der Tora und der Zehn Gebote: „Rabbi Jehoschu’a ben Levi sprach: bei jedem Wort, das G“tt sprach, verließ sie die Seele des Jüdischen Volkes“.

 

Was hat dieses Menschenkind in unserer Mitte zu suchen?

Genau so wenig, wie ein Mensch in die Sonne schauen kann, können wir die Präsenz G“ttes auf direktem Wege wahrnehmen. Unsere materielle Beschaffenheit und die Verwurzelung in der Zeit wehrt sich dagegen. Dieses wirft schon allein für sich die Frage auf, weshalb die Tora dann wohl zu uns passt.

Diese Frage kommt in der Fortsetzung der oben zitierten Gemara (B.T. Schabbat 88b) zur Sprache: „Rabbi Jehoschu’a ben Levi sagte: als Mosche nach oben kam, um die Tora entgegen zu nehmen, sprachen die diensthabenden Engel zu G“tt: Herr der Welt! Was hat dieses Menschenkind in unserer Mitte zu suchen? Darauf antwortete G“tt: er ist hier, um die Tora entgegen zu nehmen…

 

seid Ihr jemals nach Ägypten abgestiegen?

Die Engel setzen ihren Protest fort, worauf hin G“tt Mosche die Gelegenheit gab, sich zu wehren. Mosche machte das, indem er die Asseret HaDibrot (die Zehn Gebote) eine nach der anderen durchnahm und dabei zeigte, dass diese sich nicht auf die Engel beziehen konnten: „Mosche sprach zu IHM: Herr der Welt! Was steht in der Tora, die Du mir gibst? „ICH bin G“tt, Dein G“tt, ICH, De Dich aus Ägypten erlöste“ worauf er zu den Engeln sprach: seid Ihr jemals nach Ägypten abgestiegen, seid Ihr vielleicht als Sklaven erniedrigt worden? Weshalb hättet Ihr die Tora erhalten sollen?

 

Die Tora gehört zu uns, Menschen

Die Gemara zeigt hier, dass die Tora nicht etwas ist, das für zu uns zu erhaben sei, dass wir vielleicht erreichen können, wenn wir unser Bestes tun, aber, dass eher das Gegenteil der Fall sei. Die Tora gehört zu uns, Menschen. Anscheinend gibt es etwas an uns, was uns für die Tora einzigartig geeignet macht.

 

G“tt mit Deinen beiden Instinkten lieben

Eine Andeutung, um was es gehen könnte, kann in der Mischna (Berachot 9:5) gefunden werden: „Du sollst Deinen G“tt mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit allem, was Du besitzt, lieben“. Was wird mit „Deinem ganzen Herzen“ lewawecha mit einem zusätzlichen Bet, an Stelle von libecha gemeint? Damit wird gemeint und bezweckt, dass Du G“tt mit Deinen beiden Instinkten lieben sollst: Deinem Instinkt, Gutes zu tun und Deinem Instinkt, das Böse zu machen.

 

 das Niedrigere in das Höhere umwandeln

Der Mensch ist dazu geeignet, die Tora zu erhalten, gerade weil er nicht nur erhaben ist. Gerade unsere Beschaffenheit aus Materie und das Dasein auf Zeit ermöglichen es uns, das Niedrigere in das Höhere, um zu wandeln. Die Tora ist nicht an Engel gegeben, wie Chasal (unsere Weisen) sagen, sondern an uns. Es ist diese Welt, in der wir leben, die wir erhöhen können und sollen. Das ist die Gabe der Tora.

 

als Chametz gebacken

Diese Idee finden wir auch in eines der Opfer enthalten, die an Schawu’ot (Wochenfest, Gesetzgebung der Tora) erbracht werden – die zwei Brote aus der neuen Ernte des Getreides. Hierüber spricht der Passuk (Wajikra/Lev. 23:17): „Aus den Orten, wo ihr wohnt, sollt Ihr zwei Brote bringen, die hochgehoben werden sollen, sie sollten aus zwei Isaron feines Mehl gefertigt und als Chametz gebacken als Erstlinge für G“tt worden sein“.

 

Chametz wird verglichen mit der Jetzer Hara

Der unterstrichene Text ist hierbei auffallend. Alle Opfer im Tempel (mit Ausnahme des Dankopfers) durften gerade KEIN Chametz beinhalten. Der Kli Jakar (Schlomo Ephrajim Luntschitz, Luntschitz 1550 – Prag 1619), erklärt zu diesem Passuk, dass Chametz (siehe B.T. Berachot 17a) mit der Jetzer Hara – die angeborene Geneigtheit, das Böse zu tun, oder besser: mit unserem irdischen Instinkt (Geneigtheit), verglichen wird. Es ist gerade DIESE Geneigtheit oder Neigung zu, für die die Tora gegeben wurde. Am Tage, an dem wir die Entgegennahme der Tora feiern, steht es uns gut zu Gesicht, das ans Licht zu holen.

 

Die Tora ist sehr nahe bei Dir

Wir fühlen uns manchmal in der materiellen Welt gefangen und sehnen uns nach dem Höheren. Es ist gerade DANN gut, zu verstehen, dass die Bausteine zur Heiligkeit uns umgeben. Dass die Möglichkeit, unser Leben zu steigern, uns gerade in dieser Welt gegeben wurde. Mit dem Wort der Tora (Dewarim/Deut. 30:11-14): „Die Mitzwa, die ICH Dir gebe, ist nicht zu erstaunlich und nicht zu weit weg. Die Tora befindet sich nicht im Himmel, damit Du sagen würdest: wer geht für uns nach oben, in den Himmel, um sie zu holen und sie uns hören zu lassen, sodass wir uns daran halten können…Die Tora ist sehr nahe bei Dir, in Deinem Mund und in Deinem Herzen, damit Du Dich daranhalten kannst.“

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: 1728 Figures de la Bible, Gerard Hoet (1648–1733) and others, published by P. de Hondt in The Hague in 1728