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Zu Parscha Mischpatim gibt es zwei Haftarot, die erste gilt für Schabbat Mischpatim, an dem auch Parscha Schekalim gelesen wird (diese Schabbat).

 

HAFTARA (II Könige 12:1-17) und Parscha Schekalim

Die erste der Arba Paraschot ist Parscha Schekalim. Die Parscha Schekalim setzt sich aus den ersten sechs Psukim der Parascha Ki Tissa (Schmot/Exodus 30:11 – 30:16) zusammen, wo über die Mitzwa des halben Schekels, Machatsit HaSchekel, gesprochen wird.

 

einen halben Schekel zum Ankauf der Korbanot Tzibbur

Während der Existenz des Tempels war jeder Jüdischer Mann verpflichtet, einen halben Schekel zum Ankauf der Korbanot Tzibbur, der Gemeinde-Opfer, zu spenden. Der halbe Schekel wies ein Gewicht von 9,6 Gramm pures Silber auf. Am 1. Adar wurden die Menschen an diese Verpflichtung erinnert.

Man würde sich fragen können, weshalb der erste Adar gewählt wurde, um die Menschen an ihre Pflicht zu erinnern, den halben Schekel zu spenden. Die Begründung hierfür ist, dass dreißig Tage später – am 1. Nissan – die Tiere für Korbanot Tzibbur mit neuen Schekalim gekauft werden sollten. Ab diesem Datum durfte kein Korbanot Tzibbur, Gemeinde-Opfer, mehr mit Schekalim gekauft werden, die im Vorjahr gespendet wurden. Als Regel gilt durchwegs, dass man dreißig Tage vor dem Anfang eines besonderen Tages – wie in diesem Fall den 1. Nissan – über die Halachot (Vorschriften) für jenen besonderen Tag zu lernen anfängt.

 

am 15. Adar wurden spezielle Banken geöffnet

Rabbi Schimon ben Gamliejl meint jedoch im Talmud (B.T. Pessachim 6b), dass man lediglich zwei Wochen vor dem Anfang eines besonderen Tages über die diesbezüglichen Halachot zu lernen beginnt. Unabhängig davon sollte man laut Rabbi Schimon ben Gamliejl die Menschen bereits am 1. Adar an ihre Pflicht, einen halben Schel zu spenden, erinnern, da am 15. Adar spezielle Banken geöffnet wurden, wo man kleine Münzen gegen silberne Schekalim eintauschen konnte. Als Erinnerung an diese Mitzwa ist das Vorlesen der Parscha Schekalim vor oder am 1. Adar verpflichtend festgelegt worden.

 

Geldtransporte aus dem Exil her

Geschichtlich betrachtet, ist noch das nachstehende interessant: auch die Juden, die während des Bestehens des Tempels außerhalb von Israel – zum Beispiel in Rom – lebten, hatten alljährlich einen halben Schekel bei zu tragen. Jedes Jahr wurden aus der Gola (dem Exil) her Geldtransporte organisiert, um dieser Pflicht nachkommen zu können. Da es sich oft um große Geldbeträge handelte, wurden die Konvois durch Soldaten begleitet.

Anschließend an die zuletzt vor zu lesende Parscha, diese Woche also Schekalim, wird eine Haftara über den jungen König Jehoasch, der vor 2900 Jahre, mehr als 40 Jahre König von Jerusalem war, gelesen, der die gemeinschaftlichen Finanzfonds zum Erhalt des ersten Tempels in Jerusalem bestimmte. Jehoasch, der Sohn von König Achazja, wurde als Baby durch den Hohepriester Jehojada versteckt, der eine Aufstand gegen Königin Atalja, der Götzendienst förderte, begann. Jehoasch finanzierte die Kohanim, damit sie den Tempel in Stand halten und restaurieren sollten. Als dieses System sich nicht als geeignet erwies, flossen die Gelder auf direktem Wege zu den Instandhaltungsgliedern.

Die nachfolgende Haftara wird gelesen, wenn die Parscha Schekalim nicht nach Parscha Mischpatim gelesen wird.

 

HAFTARA: Jeremias 34: 8-22, 33: 25&26

„HaSchem wandte sich an Jeremias, nachdem König Tzidkjahu mit den Bewohnern von Jerusalem vereinbart hatte, dass eine komplette Freilassung verkündet werden sollte. Alle Hebräischen Sklaven und Sklavinnen sollten frei gelassen werden, so dass kein Judäer noch einen Volksgenossen als Sklave in seinen Diensten haben würde“.

Die Bnej Jisraejl hatten in Ägypten als Sklaven gelitten. In Mischpatim steht eine gute Regelung. Das Erste, was der zivile Teil der Thora abhandelt, ist die Stelle des Underdogs. Die Sklavenregelung aus der Thora ist keine Ausbeutung, sondern viel mehr eine Wiedereingliederung. Der Dieb hatte gestohlen.

 

Die Jüdische Sklaverei ist Wiedereingliederung

Er wird nicht ins Gefängnis gesteckt, da dieses ihn durch Verbindung zu anderen Kriminellen nur noch schlechter machen würde. Er wurde nicht von seiner Frau und von seinen Kindern getrennt, da dieses allerhand Unschuldige ins Unglück stürzen würde. Die Jüdische Sklaverei ist Wiedereingliederung. Er konnte nicht mit Geld umgehen. Er wurde zwecks Umerziehung in eine reiche Familie untergebracht. Seine Frau und die Kinder gehen mit und werden durch den Herrn ebenfalls versorgt. So gelangen wir nicht ins Risiko, dass eine gesamte Familie durch einen Fehltritt EINER Person komplett aus dem Gleichgewicht gerät.

 

Der Bund ist die Thora

Die Haftara schließt mit einem prachtvollen Zitat. Jeremias 33:25 und weiter: Aber dieses spricht HaSchem: „Wenn MEIN Bund nicht Tag und Nacht gilt, hätte ICH den Himmel und die Erde nicht feststehenden Gesetzen unterworfen“.

Der Bund ist die Thora. Die Thora besteht aus zwei Teilen, der Schriftlichen und der Mündlichen Lehre. Die Mündliche Lehre zeigt auf, wie die Thora oder die Schriftliche Lehre für die Gestaltung des täglichen Lebens interpretiert wird.

 

mündlich vom Vater auf den Sohn übertragen

Während 35 Generationen wird diese Lehre mündlich vom Vater auf den Sohn und vom Lehrer auf den Schüler übertragen.

Erst zu Zeiten von Rabbi Jehuda Hannassi (200) wurde die Mündliche Lehre in die Mischna niedergeschrieben. Im Talmud (500) werden die Hintergründe der Regeln zur Anwendung der Mischna besprochen.

Vertrauen und Tradition

Der Talmud ist für einen Laien schwer zugänglich. Für die Auslegung der Mündlichen Lehre werden große Fachleute benötigt, die eine Gesamtübersicht vom Stoff haben. Und hierbei ist die Autorität der Rabbiner ein äußerst sensibler Gegenstand.

Die Thora wird durch Jeremias mit den Naturgesetzen von Himmel und Erde verglichen. Zur Erläuterung der Naturgesetze sind viel Wissen, Erfahrung und Expertise erforderlich. Das Gleiche gilt für die beiden Teile der Thora. Die Interpretation der Thora gemäß den erworbenen praktischen Kenntnissen kann nur in einer Sphäre von Vertrauen und Tradition erfolgen.

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin