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Diese sind die Namen der Kinder Israels, die mit Ja’akov nach Ägypten kamen“

– (Schmot 1:1)

 

Schmot bedeutet Namen und erinnert uns daran, dass unsere Identität in Ägypten – und auch alle Jahrhunderte danach – dadurch erhalten geblieben ist, dass wir an unserer Sprache, Kleidung und Namen festgehalten haben. Das Judentum legt besonders viel Wert auf Namen. Der Talmud (B.T. Joma 83b) erzählt, wie Rabbi Meir (2. Jahrhundert) den Charakter von Menschen aus ihrem Namen analysierte.

Rabbi Elijahu Dessler (20. Jahrhundert) besagt, dass ein gerade geborenes Kind nicht rein zufällig einen Namen erhält. Der Name, die Eltern in ihrem Kopf haben, gilt als eine newu’a ketana – eine kleine Prophezeiung – da im Namen das Wesen des neuen Menschleins zum Ausdruck kommt. Deshalb gelten so außerordentlich viele Minhagim – Usancen – bei der Namensgebung, die überwiegend alle von mystischen Prinzipien herstammen. Laut dem Midrasch hat jeder Mensch drei Namen:

–        den Namen, den er von seinen Eltern mit bekommt,

–        den Namen, unter dem er bei Dritten bekannt ist und als am wichtigsten

–        den Namen, den er sich durch gute oder weniger gute Taten erworben hat.

Ganz besonders hierfür gilt die Aussage von König Salomo (Sprüche 7:1) „Besser einen guten Namen als gutes Öl (irdische Besitztümer)“.

Unser Volksname deutet auf unseren Charakter: Juden werden Iwrim oder Hebräer genannt, nach Awraham, dem Iwri. Die Sprache heißt Iwrith. Der Stamm dieser Wörter ist IWR, was „andere Seite“ bedeutet. Awraham stand „an der anderen Seite der Welt“, in Opposition gegen(über) der Götzenkultur seiner Zeit. Er proklamierte als Erster den uneingeschränkten, unverfälschten Monotheismus in einer ihm gegenüber feindlich gesonnener Welt.

 

„Und da die Frauen G“tt fürchteten, machte ER für sie Häuser“ (1:21)

Laut Raschi wurde mit „Häusern“ auf „Häuser von Kehuna, Lewija und Malchut“ Bezug genommen. Von Jochewed und Mirjam würden Priester, Leviten und Könige abstammen. Weshalb war das die passende Belohnung?

Der Pharao wollte nicht das gesamte Volk ausrotten. Selbst wenn er im Nil alle Jungs getötet hätte, würden noch immer die Mädchen übrigbleiben. Wenn die Frauen von ägyptischen Männern Kinder bekommen sollten, würden die Kinder noch immer jüdisch bleiben. Der Status des Kohen und der des Levi (Kehuna und Levija) sind jedoch vom Vater abhängig. Da Jochewed und Mirjam durch ihre Mesirut Nefesch (Aufopferungsbereitschaft) die Kehuna und Lewija für Am Jisraejl aufbewahrt hatten, gab G“tt ihnen Nachkommen mit Kohen- und Lewistatus. Denn Kohanim und Lewi’im waren Menschen mit Mesirut Nefesch. Als Diener des Bejt HaMikdasch (Tempel) hatten sie keinen irdischen Anteil und erhielten nicht, wie die anderen Stämme, Grundbesitz zugeteilt: G“tt war ihr Erbteil.

Mida keneched mida – so, wie sie Gutes taten, erhielten Jochewed und Mirjam, was ihnen zu stand. Da sie sich um jedes Kind kümmerten und jedes Neugeborene herzten, stammten von ihnen auch Könige ab. Ein König hat sich für jeden Bürger ein zu setzen und darf sich nicht über seine Untergebenen erhaben fühlen.

 

„Werfet alle Jungs, die geboren werden, in den Nil“ (1:22)

Verschiedene Erklärer geben dem Dekret des Pharaos, dass alle Jungens in den Nil geworfen werden sollen, eine tiefere Dimension. Der Nil verkörperte die ägyptische Wirtschaft, da der Wohlstand des Landes vom über das Ufer treten des Flusses abhing. Symbolisch rief der Pharao dem Jüdischen Volk zu: „Werfet Euere Kinder in die schnell fließende wirtschaftliche Entwicklung der ägyptischen Ökonomie! Anstatt Euch der Religion zu widmen, sollte Ihr wirtschaftlich glänzen!“. In moderne Sprache umgesetzt ist das das Bedürfnis, das viele verspüren, sich vornämlich in materiellem Sinne zu entfalten: noch größer, noch besser, noch schöner…Aber dieses ist nicht das Judentum. Um uns dieser irdischen Neigung zu entziehen, ist Führungsstärke erforderlich – extern und intern. Wir sollten in spiritueller Hinsicht am Aufsteigen bleiben: aber das erfordert Standfestigkeit, um unserer Tradition und Ursprung nicht untreu zu werden! Wir sollten uns selbst in erster Linie leiten. Die persönliche Geschichte von Mosche Rabbejnu ist hierfür ein Beispiel…

 

„Dieses ist ein Hebräisches Kind“ (2:6)

Ab Schmot steht Mosche Rabbejnu im Mittelpunkt der Thora. Nach seiner Geburt hielt ihn seine Mutter drei Monate lang versteckt, war aber danach gezwungen, ihn ins Schilfgras des Nilufers zu legen. Der Pharao hatte angeordnet, dass alle Jüdische Jungens in den Nil geworfen werden sollten, da seine Astrologen ihm erzählt hätten, dass der Jüdische Anführer mit Wasser gestraft würde. Während der Pharao versuchte, Mosche’s Leben auf alle möglichen Arten unmöglich zu machen, gab G“tt trotzdem den Ereignissen eine solche Wendung, dass Mosche letztendlich am Hof von Pharao aufwuchs, unter der beseelten Leitung von Pharao’s Tochter Batja. Der Mensch denkt und G“tt lenkt.

 

„Dann sah er, wie ein Ägypter einen Hebräischen Mann, jemand von seinen Brüdern, schlug“ (2:11)

Ein Leiter oder Anführer sollte wissen, sowohl die große Linie wie kleine Einzelheiten im Blickfeld zu behalten. Schon am Anfang von Mosche’s Wirken wurde diese, seine Qualität – ein Auge für das Einzelteil, aber gleichzeitig einen „Helicopterview“ – deutlich sichtbar. Am ersten Mal, als er das Elend seiner Brüder bemerkte, sah er, dass ein Ägypter einen Juden schlug und griff sofort ein. Aber beim zweiten Mal, als er sich auf den Weg machte, sah er zwei Juden miteinander streiten und er erteilte dem Aggressor eine ordentliche Standpauke. Normalerweise sollten wir erwartet haben, dass wenn es einen gemeinsamen Feind gibt, wir kein Interesse mehr an internen Ungereimtheiten und „inländischen“ Problemen haben.

ein wahrer Anführer

Aber Mosche Rabbejnu war im Stande, zu erkennen, dass beide Bedrohungen auf zu greifen seien, sowohl von draußen wie von innen kommend. Mosche Rabbejnu sagte nicht, dass, da wir nun so furchtbar von den Ägyptern verfolgt wurden, wir dem internen Gezänke kein Interesse bei zu messen hätten. Nein! Er begriff, dass die Einheitsfront nach außen nicht bedeutet, dass wir intern unsere Streitigkeiten nicht zu lösen hätten oder unsere Fehltritte nicht zu berichtigen hätten. Jemand mit diesen Qualitäten, der ist ein wahrer Anführer oder Leiter!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin