Im zweiten Buch der Tora, Exodus, entsteht das Jüdische Volk. Was ist der Zweck oder der Sinn des Jüdischen Volkes?

Vieles von dem, was G“tt mit der Welt und mit der Menschheit bezweckte, können wir aus unserer „Neschomme“ (Seele) verstehen oder ihr entnehmen. Das Problem ist jedoch, dass noch nie jemand eine Neschomme gesehen hat.

G“tt hinter der Welt ist der große Unbekannte

Im Talmud steht eine Vergleichung mit einer oder einem Unbekannten(n): „Genauso, wie die Seele sich hinter dem Körper verbirgt, verbirgt sich G“tt hinter der Welt“. G“tt hinter der Welt ist der große Unbekannte, da wir den Allmächtigen nicht so ohne weiteres wahrnehmen können (um davon einen minimalen Einblick erhalten zu können, sind viel Gefühl, guter Wille, Spiritualität und Vorbereitung erforderlich).

die Innenseite des Menschen uns gegenüber bleibt verborgen

Vertiefen wir dieses mal: wenn wir Menschen uns gegenseitig ansehen, sehen wir nur die Außenseite unseres Mitmenschen, aber nicht seine Neschomme. Wir sehen einen Körper mit Trilliarden von Zellen und Molekülen, aber die Innenseite des Menschen uns gegenüber bleibt verborgen.

ein Teil der Himmlischen G“ttlichkeit

Wenn wir miteinander kommunizieren, sprechen unsere Neschommes (Seelen) miteinander. Indem wir miteinander sprechen, entdecken wir die Hintergründe und den Tiefgang der Menschen uns gegenüber. Die Neschomme wird als ein „Chelek Eloka Mima’al – ein Teil der Himmlischen G“ttlichkeit“ – bezeichnet. Der Körper ist, was Ort und Zeit betrifft, äußerst eingeschränkt. Nur die Neschomme ist nicht durch Ort und Zeit eingeschränkt. Wenn ich „Höre Israel, Schema Jisraejl“ spreche, sage ich HaSchem Echad, G“tt ist EINS oder EINZIG.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle gleichzeitig vorhanden

HaSchem ist der aus vier Buchstaben bestehende Name G“ttes und bedeutet: ER war, ER ist und ER wird sein. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Einem und das noch alles zur gleichen Zeit. Mit dem Wort „Ewig“ entspreche ich nicht dem Sinn, was G“tt ist: ewig bedeutet, dass es eine Vergangenheit gab, eine Gegenwart gibt und eine Zukunft geben wird. Bei G“tt sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle gleichzeitig vorhanden, etwas, was wir uns nicht vorstellen können.

nicht an Ort gebunden

Durch Seine Erhabenheit über die Zeit, also Zeitlosigkeit, ist G“tt auch nicht an Ort oder Orte gebunden. Dasselbe gilt auch ein Wenig für unsere Neschomme. Wenn man jemanden fragt, wo sich seine Neschomme befindet, ist eine Lokalisierung unmöglich. Obwohl die Neschomme sich wahrscheinlich irgendwo im Gehirn mit dem Körper vereint oder zusammentrifft, fühlt die Neschomme wie eine Einheit, die den ganzen Körper erfüllt.

Die Neschomme hält den Körper zusammen

Die Neschomme ist auch die Instanz, die den Körper zusammenhält. Die Neschomme ist die Kraft, die dem Körper seine Einheit gibt. Sobald die Neschomme und der Körper voneinander Abschied nehmen, fällt der Körper auseinander und die Seele entweicht aus dem Körper.

keine Übersicht über unseren „Gesamtkörper“

Wenn eine Larve über unserem Körper kriechen würde, würde sie nicht erfassen, dass sich hinter unserem Körper eine Seele befindet. Da sie über unseren „Gesamtkörper“ keine Übersicht hat, glaubt sie, dass sie über einen großen Brocken Fleisch kriecht, in dem sich vielleicht etwas bewegt, aber hinter dem sich sicherlich keine Seele befindet. Die Larve hat keinen „Helicopter-View“ und verfehlt somit die Essenz unseres Menschseins, unsere Neschomme, da ihr durch die große Menge irdischer Elemente unseres Körpers das dahinter befindliche, Einheitsbildende Prinzip, dass unsere Essenz bildet, fremd ist.

Einheitsbildende Prinzip

Das Gleiche können wir vom Allmächtigen sagen. G“tt verbirgt sich hinter der Welt (das Hebräische Wort für die Welt, „Olam“, bedeutet Verborgenheit). Durch die enorme Ausdehnung des Alls ist es für uns „Larven“ fast unmöglich, die große Seele, die Enorme Neschomme hinter dieser Welt, zu sehen. Wir verfehlen die Übersicht. Unsere körperliche Eingeschränktheit verhindert unsere Sicht, unseren Blick aus das Große Ganze, dass alles zusammenhält, Leben gibt, bestehen lässt und dem Ganzen Sinn und Richtung erteilt.

Zweck und der Sinn des Jüdischen Volkes

Die Geschichte der Neschomme und des Allmächtigen der gesamten Welt zu erzählen, das ist der Zweck und der Sinn des Jüdischen Volkes.

 

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin