Vor einhundert Jahren wurde Leo Lippmann 1920 als erster Jude zum Senatssekretär (Staatsrat) und zum Leiter der gesamten Vermögens-und Finanzverwaltung Hamburgs gewählt. Mit Inkrafttreten der neuen (demokratischen) Verfassung im Januar 1921 trat der Jurist Dr. Leo Lippmann sein Amt an.

Leo Lippmann wurde am 26. Mai 1881 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Hamburg geboren. Seine Eltern sind Joseph Bär Lippmann (1851-1928) und Antonie (Toni) Ranette, geb.Lazarus-Kyk (1855-1930). Er ist der älteste von zwei weiteren Brüdern. 

Der Vater, der aus Franken stammt, schließt sich dem liberalen Israelitischen Tempelverband an, wo er 1909 zum Vorsitzenden des Vorstandes gewählt wird.

Leo und auch seine Brüder erhalten Religionsunterricht von Rabbiner Dr. David Leimdörfer. Dort in der Synagoge Poolstraße haben sie auch Bar Mizwa.

Die Kinder erhalten selbstverständlich die beste Schulausbildung. Leo macht auf der Gelehrtenschule des Johanneums sein Abitur und studiert später an verschiedenen Universitäten, neben den juristischen hörte er kunstgeschichtliche und volkswirtschaftliche Vorlesungen, die sein späteres Leben und Interesse prägen sollten.

1903 promoviert er an der Universität Jena in Rechtswissenschaften mit „magna cum laude“, damit war sein Weg, seine Karriere,  vorgezeichnet. 

1906 heiratet er Anna Josefine von der Porten (geb. 1881), die Tochter des Arztes und Geburtshelfers Maximilian von der Porten. Die Hochzeitsreise des jungen Paares ging standesgemäß nach Venedig.

Das kinderlose Ehepaar widmete sich in seiner Freizeit dem Theater, der bildenden Kunst und der Musik, sie waren gern gesehene Gäste in der Hamburger Gesellschaft. 

Leo Lippmann liebte Hamburg, er war ein patriotischer Deutscher. Wie die meisten Juden der Hansestadt, glaubte er, unangefochten als Deutscher jüdischen Glaubens leben zu können. Wie sehr sollte er sich irren. 

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler und keine zwei Monate später, am 5. März 1933 besetzen Angehörige der SA und der SS das Hamburger Rathaus. Am 14. März 1933 musste er nach 26 Jahren im Hamburger Staatsdienst aufgeben, weil es untragbar sei, dass „ein Jude ein so hohes Staatsamt innehat“, ließ der damalige Bürgermeister Carl Krogmann (1889-1978) durch Senator Matthaei mitteilen. Für Lippmann ein unvorstellbarer, dramatischer Vorgang.

„Nach langen Jahren rastloser Arbeit und des Bemühens, das Beste für meine geliebte Vaterstadt und mein geliebtes Vaterland zu leisten und zu erreichen, habe ich eine bittere schwere Enttäuschung erlebt“, notiert er.

Dennoch fragt er im September 1934 beim Senat der Stadt an, ob gegen einen Eintritt in den Vorstand der jüdischen Gemeinde Bedenken bestünden. Das wird verneint.  1935 erklärt er seine Bereitschaft, in den Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde einzutreten, für die kommenden siebeneinhalb Jahre übernimmt er zentrale Funktionen in der Gemeinde. Am 25. November 1935 wählt das Repräsentanten-Kollegium Lippmann in den neunköpfigen Vorstand, kurze Zeit später wird er ihr zweiter Vorsitzender.

Aufopferungsvoll, korrekt, ja, hingebungsvoll widmet er sich der Gemeindearbeit, insbesondere der Finanzen.

 Das Jahr 1938 ist eine weitere grausame Zäsur im Leben Lippmanns, aller Juden – nicht nur in Hamburg. Der 9. November 1938 als die Synagogen brannten und die jüdischen Geschäfte geplündert wurden, ist für viele Juden das letzte Signal für eine Auswanderung, sofern das möglich war. Leo Lippmanns Brüder Artur und Franz emigrierten 1938 mit ihren Familien nach Australien. 

Leo Lippmann, der miterlebte, wie täglich Juden deportiert wurden, versuchte zu helfen, wo es möglich war. Er und seine Frau aber wollten ihre Heimatstadt nicht verlassen. 

Am 10. Juni 1943 besetzte die Gestapo das Büro der Jüdischen Gemeinde. Die noch in Hamburg verbliebenen jüdischen Bewohner von den ehemals 20.000 Hamburger Juden sollten nach Theresienstadt deportiert werden. 

Leo Lippmann und seine Frau Anna Josephine wollten dem entgehen, sie setzten in der Nacht vom 10. auf den 11.Juni 1943 ihrem Leben ein Ende.

Bestattet wurden sie im Familiengrab von der Porten auf dem Ohlsdorfer Zentralfriedhof. Im Jahr 1984 wurden die Urnen von Anna und Leo Lippmann auf den jüdischen Friedhof Ilandkoppel umgebettet. 

Über Leo Lippmann gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und wissenschaftliche Beiträge, auch von der Historikerin Prof. Ina Lorenz. Sie hat jetzt aber einer breiten Leserschaft in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ das Leben und Wirken eines der bedeutendsten hamburgischen Beamten eindrucksvoll und empathisch geschildert.

Author: © Gabriela Fenyes

 

Hentrich&Hentrich Der Verlag für jüdische Kultur und Zeitgescichte Author: Ina Lorenz | Sprache Deutsch 108 Seiten, Broschur | 8 Abbildungen ISBN: 978-3-95565-416-0 | Erschienen: 2020

 

 

 

Der Grabstein von Anna und Leo Lippmann auf dem jüdischen Friedhof Ilandkoppel | Foto: Wikipedia

 

 

 

 

Stolpersteine für Anna und Leo Lippmann vor ihrem Wohnhaus in der Böttgerstraße 5 | Foto: Wikipedia