Wenn wir geboren werden, fangen wir sofort mit dem (Entgegen)nehmen an. Wir erhalten alles von unseren Eltern, von Nahrung bis Kleidung. Als Baby’s denken wir nur an uns selbst. Nach und nach lernen wir jedoch auch zu geben und an andere zu denken.

Das ist ein äußerst wichtiger Bestandteil der Erziehung: das Geben lernen, mit den Gefühlen von anderen, um zu gehen und auch an ihre Zukunft zu denken.

 

ein Leben in totalem Egoismus

Dieses kostet viel Mühe und Einsatz, aber bestimmt wohl die Qualität unseres Gemeinwesens: inwieweit gelingt es uns, eine sorgfältige und sich kümmernde Umwelt zu schaffen? In Sodom und Gamorra ist dieses jedenfalls nicht gelungen. Laut unseren Propheten war dieses die Hauptsünde von Sodom und Gamorra: dass sie nicht im Stande waren Fremde, Arme und Bedürftige zu unterstützen. Sie dachten nur an sich selbst und führten ein Leben in totalem Egoismus. Auf die Hilfe an andere stand die Todesstrafe.

 

MIR eine Spende schenken oder nehmen

Am Anfang der Parscha Teruma steht beim Spenden für Baumaterialien für das Mischkan, dem Tabernakel, das mobile Heiligtum in der Wüste: „wejikchu li teruma – die Bnej Jisraejl sollten eine Spende für MICH nehmen. Dieses ist eine schwer verständliche Aussage. Es hätte eigentlich stehen sollen „wejitnu li teruma“ – die Bnej Jisraejl sollten MIR eine Spende schenken!

 

Die Spiritualität übertrifft die materielle Minderung

Die alte Jüdische Tradition lehrt uns, dass indem wir zum Guten bei tragen, wir die wohlgefälligen Ziele G“ttes mehr beanspruchen und mehr für uns selbst nehmen, als dass wir geben. Selbstverständlich mindern wir unser physisches Haben – wenn wir unseren Saldo betrachten – aber in geistiger Hinsicht steigen wir die Leiter des geistigen Gewinnes sehr nach oben. Die Spiritualität übertrifft die mögliche materielle Minderung bei weitem.

auch in physischer Hinsicht nur reicher werden

 

auch in physischer Hinsicht reicher werden

Aber selbst dieses letztere ist nicht richtig. Unsere Weisen erklären ohne Umschweife „assejr bischwil schetitaschejr“ – gib (mindestens) ein Zehntel Deines Einkommens ab, damit Du reich wirst. Hiermit meinen oder besser gesagt, bezwecken unsere Chachamim wortwörtlich, dass wir durch das Spenden für gute Zwecke, auch in physischer Hinsicht nur reicher werden. Und es uns erlaubt, das auch noch aus zu probieren. Obwohl wir im allgemeinen G“tt nicht auf die Probe stellen dürfen, darf das wohl bei Tzeddaka (Wohltätigkeit). Deshalb steht hier überdeutlich: spenden bedeutet, mehr zurück zu erhalten, als man gibt.

 

Nehmen anstatt Geben

Aber es gibt auch andere Wege, um diese Aussage von „Nehmen anstatt Geben“ bei Tzeddaka zu verstehen. Wenn ich einem Armen oder einer Arme etwas Körperliches wie Geld gebe, wird er oder sie im physischen Sinn besser gestellt, aber im Grunde genommen werde ich als Spender im physischen und religiösen Sinn besser. Ich werde ein besserer Mensch. Ich werde zu einem Geber aus der Position eines Nehmers. Und das ist lauterer Gewinn, ohne dass ich mich hierfür zu schämen brauch. Ich sehe hier ein Gewinnmodell, eine Win-Win-Situation. Der Arme gelangt in Gaschmiut, finanziell nach vorne, der Reiche steigert sich meilenweit nach oben in Ruchnijut, im Sinn des Erwerbes von Verdiensten.

 

geistliche Verdienst kann nie mehr weggenommen werden

Ein hinzukommender Vorteil bei der Steigerung meines Habens bei der Himmlischen Kreditbank ist, dass dieser geistliche Verdienst mir nie mehr weggenommen werden kann. Die Tzeddaka, die ich geleistet habe, nehme ich geradeaus über 120 Jahre mit nach Oben, während der arme Mann sich über die Frage Gedanken machen muss, wie er die Paar Euro’s, die er von mir erhalten hat, aufheben soll, bis er zum Bäcker oder zum Metzger kommt.

 

auch die Quantität an guten Taten zählt

Maimonides (1135-1240) schreibt, dass neben der Qualität auch die Quantität an guten Taten zur spirituellen Aufwertung beiträgt. Der Sinn oder das Ziel vom täglichen Tzeddaka-Geben ist nicht „mehr zu geben, als man kann“, sondern der Versuch, unsere Einstellung gegenüber andere zu verbessern.

 

viele kleine Spenden wirken zielgerechter

Mit dem Augenmerk hierauf wirken viele kleine Spenden zielgerechter, als einzelne große Schenkungen. Gerade hierdurch wird man ein echter Geber anstatt eines Nehmers. Durch ein Paar große Spenden kann man viele Menschen aus der Not retten, aber man ändert seine egoistische Persönlichkeit nicht.

Durch dauerhaftes Geben – auch wenn es nur kleine Beträge sind –  wird man zu einem Geber. Dauerhaftes geben ändert unsere Lebensansicht.

 

die Freude, mit der jeder Arme empfangen wird

Eine andere psychologische Folge des in eigener Verwahrung befindlichen Tzeddaka-Mittel ist die Freude, mit der jeder Arme empfangen wird. Der Verwalter versteht, dass die ihm anvertrauten Gelder dem Kollektiv der Armen und Thora-Gelehrten zu stehen. Er gibt dem notleidenden Teil der Menschheit nur das, was ihm bereits zugebilligt wurde. Klopft ein Vertreter dieser Gruppe Anspruchsberechtigter an die Türe des privaten Verwalters, darf er mit einem freundlichen Empfang rechnen, denn der Verwalter möchte den tatsächlichen Eigentümern das ihnen Zustehende so schnell wie möglich zukommen lassen.

 

Bekräftigung der individuellen Verantwortung

Ein letzter psychologischer Aspekt des unter eigener Verwaltung halten ist die Bekräftigung der individuellen Verantwortung für die Linderung der Not in der Welt. Würden die Gelder einem anonymen Fond oder Verwaltung übertragen werden, dann hätte der großzügige Geber keinen Überblick mehr darüber, was den Armen und ihrem Elend zugeht. Persönliche oder private Verwaltung oder Aufbewahrung macht uns klar, dass jeder und jede Einzelne/r seinen/ihren Anteil zur Vervollständigung der uns umgebenden Umwelt bei zu tragen hat.

 

Sorge von allen für alle

Das Judentum wendet sich gegen eine allgemeine Übertragung dieser Privat-Verantwortung an eine anonyme Institution wie den Staat. Die soziale Sorge (Aufgabe) ist eine Sorge (Aufgabe) von allen für alle!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin