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Jom HaSchoa

Lesezeit: 3 Minuten

„Heute ist Yom HaShoa, der Holocaustgedenktag.“

So fing die Nachricht eines Freundes, der Jude geworden ist, an, die er mir vor drei Jahren geschickt hat.

Drei Jahre und doch liegen Welten dazwischen.

Hier ist der Brief vom 02.05.2019

Heute ist Yom HaShoa, der Holocaustgedenktag.

Heute ist es das erste Mal wo ich diesen Tag als Jude erlebe. Mein Gefühl hat sich gewandelt von ,,wir taten es ihnen an ” zu ,,sie taten es uns an”.

Die Leute veröffentlichen nun viel auf Social Media zu den Thema. Wie schrecklich der Holocaust doch gewesen sei, dass wir uns erinnern müssen und wie traurig das doch alles sei.

Auf der anderen Seite müssen jüdischen Menschen noch allzu oft Angst haben zuzugeben, dass sie jüdisch sind. Es gab Menschen, die mir geraten haben meine Davidsternkette zu verstecken, weil ich (Chas VeShalom) angegriffen werden könne. Menschen fragen mich, warum ich mir angetan habe jüdisch zu werden.

Heute sollten wir dem Holocaust nicht nur gedenken.

Wir sollten uns darüber bewusstwerden, was damals passiert ist und wir sollten uns darüber bewusst werden in welcher Realität wir heute leben. Wir sollten nicht nur gedenken, wir sollten daraus lernen und etwas ändern.

Wir sollten uns bewusst darüber werden, dass es auch damals damit anzünden den Davidstern oder die Kippa verstecken zu müssen. Ich werde meinen Davidstern niemals verstecken, egal wo ich hingehen werde. Und ich ermutige jeden seine Jüdischkeit offen zu zeigen damit nicht noch einmal passiert , was damals passiert ist – dass wir verstecken müssen, dass wir jüdisch sind.

Lasst uns stolz sein und lasst uns unsere jüdischen Traditionen weiterleben und das jüdische Leben jetzt und in der Zukunft bewahren. “Sie haben uns spurlos zurückgelassen und wir sind ihre Spur” (Eli Wiesel)

Ich habe es mir nicht ausgesucht, Jude zu sein, ich habe es gewonnen!

Aber nun, nur drei Jahre später schreibt mir der selbe Freund:

„Heute trage ich keinen Magen David mehr draußen. Das ist die traurige Realität was Leben als Jude in Deutschland mit mir gemacht hat.

Erst vor wenigen Tagen wurde auf einer Demo in Berlin wieder auf offener Straße „Drecksjuden, Kindermörder“ geschrien und es reichte bis hin zu Morddrohungen. Die Demo wurde daraufhin nicht abgesagt oder unterbrochen.

Und so sehr ich damals idealistisch war und so sehr ich es unterstütze, dass man sein Judentum stolz nach außen zeigt, so sehr weiß ich auch welche Gefahren und Ängste damit verbunden sind.

Wie sollen wir unsere Kinder mit Tzizit und Kippa auf der selben offenen Straße laufen lassen, auf der wir zuvor als „Kindermörder“ und „Drecksjuden“ bezeichnet wurden sind?

Ja, es gab danach öffentliche Bekundungen dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz habe, aber wir haben gesehen, dass es doch einen Raum dafür gab. Die Anzahl antisemitischer Angriffe steigt von Jahr zu Jahr. Es ist kein Ende in Sicht.

Und es ist so traurig, dass das Leben hier in Deutschland meine Meinung so geprägt hat, dies ist für mich die traurige Wahrheit und nicht das, was in dem Artikel oben geschrieben steht.

Die Zeiten ändern sich, doch leider nicht zum Positiven. Das ist die Realität von heute. Wir sind zurück an dem Punkt, wo wir vor dem Holocaust auch schon mal standen, an dem Punkt wo viele es verstecken jüdisch zu sein. Und darüber sollten wir heute nachdenken und sprechen.

Ich wünsche Ihnen allen ein sinnvolles Gedenken an den Holocaust.

 

Autor: © Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: March of the Living © 2014 Piotr Drabik

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag