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AWINU MALKEJNU – UNSER VATER – UNSER KÖNIG

Für Viele ist Jom Kippur das wichtigste Ergebnis ihrer religiösen Wahrnehmung. Deshalb betrachten Viele G“tt als eine strenge, fordernde Macht, da wir den ganzen Tag fasten müssen.

Natürlich stimmt das nicht. Purim wird sehr fröhlich gefeiert, Simchat Thora ist beinahe extatisch. Freude und Simcha sind die wichtigsten Zutaten zum TAAM, zum Geschmack der Jüdischen Feiertage. Jom Kippur ist ein Tag, an dem Recht und Liebe im Gleichgewicht sind.

Wir schränken uns ein: wir fasten, wir tragen kein ledernes Schuhwerk. Es scheint ein schwerer Tag zu sein. Aber gleichzeitig bilden Liebe und die Bereitschaft zu verzeihen, den Sinn, den Inhalt aller Gebete.

Mosche fragte einst nach G“ttes wirklicher Art. Wir würden es modern formulieren: WIE G“TT WIRKLICH TICKT.

Die Antwort ist eine Beschreibung von Güte und aufrichtiger Liebe: „HASCHEM, HASCHEM, KEJL CHANUN WERACHUM – Ewiger G“tt, Ewiger G“tt barmherzig und gnädig, schwer zu erzürnen und groß in der Liebe und in der Wahrheit“.

 

Weshalb erschein den Name G“ttes am Anfang dieses Verses zwei Mal?

Unsere Weisen geben als Antwort, dass G“tt uns sowohl VOR der Sünde, wie NACH der Sünde, genau so sehr liebt.

Wir kennen unterschiedliche Arten von Liebe. Aber die einzige wahre Liebe die Zeit, Rasse, Kultur und Sprache übertrifft, ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Ein Vater geht mit seinen Kindern anders um, als eine Mutter.

 

LIEBE UND EHRFURCHT

Wenn wir über Respekt, Ehre-Erweisung und Liebe sprechen, kommt der Vater an erster Stelle, da das Kind von Natur aus seine Mutter lieb hat.

Aber wenn es um Ehrfurcht und Angst geht, fürchtet man eher seinen Vater, als seine Mutter. Man bevorzugt deshalb die Mutter, um diese natürliche Neigung aus zu gleichen.

Zwei Eltern, zwei Kräfte, zwei Modelle für Beziehungen. Die eine zeigt selbstlose, aufopfernde Liebe – immer schlichtend und tolerierend – und die andere wird durch Erwartung und Verantwortlichkeit gekennzeichnet, Faktore, die Wachstum und Gehorsamkeit, Einschränkung und Disziplin beflügeln.

Kinder werden mit Liebe und Einschränkung, mit uneigennützlicher Liebe und mit konsequenten Forderungen erzogen. Wenn wir von unseren Kindern nie etwas verlangen, wachsen sie als verwöhnte Egoisten heran, die glauben, dass ihnen alles zu steht und sie auf alles ein Recht haben.

Außerdem entwickelt sich das Kind mit einem Gefühl von: Ich kann nichst allein. Alles wird für ihn getan, denn er kann es selber nicht. Das Ergebnis ist eine Person, die selber nichts für sich verrichten kann. Wenn wir etwas verlangen, zeigt das Elternteil, dass das Kind die Herausforderung angehen kann. So entwickelt man innerliche Kraft und Selbstvertrauen.

Ein kluges Elternteil weiß, dass es das Kind immer mehr herausfordern oder anspornen muss, um eine stetige Entwickelung zu fördern, aber dass es nie zuviel draufpacken darf, denn dann fühlt  das Kind sich frustriert.

 

AWINU UND MALKEJNU

Auf niedrigerer Ebene ist dieses das Modell, das G“tt uns mitgegeben hat, als ER sowohl AWINU wie MALKEJNU genannt wird, unser Vater als unser König.

Einerseits verlangt G“tt viel von uns: sechshundertunddreizehn Ge- und Verbote. Die Thora ist nicht einfach, aber ER weiß, dass wir selber unsere Verfehlungen zurechtrücken können. Wir bitten weder um Gnade noch um eine Zwischenlösung.

Wenn es uns gelingt, unser Bedürfnis an Essen und Trinken und an andere irdische Dinge für EINEN Tag auszusetzen, empfinden wir das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

 

SCHECHINA, EIN WEIBLICHES WORT

Genau so wie bei den Eltern, begleitet uns G“ttes uneigennützliche Liebe überall hin, obwohl ER viel von uns fordert.

Dieser pflegende, Himmlische Aspekt heißt SCHECHINA, ein weibliches Wort, das Teil von G“ttes Art, von G“ttes Eigenschaften ist, in denen er uns immer liebevoll betreut, egal, wie wir auch geistig drauf sind.

Einer unserer größten Gelehrten, der Kotzker, hat einst gesagt, dass die Schechina mit einer liebenden Mutter verglichen werden kann, die ihr Kind MIT vollen Windeln annimmt und es selbst beim Wickeln küsst.

Jom Kippur ist das sauberste Gleichgewicht von Liebe und Recht. Jom Kippur führt uns zu den äußersten Grenzen. Es gibt im Jüdischen Jahr keinen anderen Tag, der so viel fordert.

Aber in Bereichen von Liebe gibt er uns AUCH das Maximum. G“ttes rechte Hand ist immer ausgestreckt, um den schuldbewussten, zurückkehrenden Menschen zu empfangen.

 

Gibt es eine größere Freude, als die Gewissheit dieser G“ttlichen Nahe, der Bereitschaft zu verzeihen und zur Läuterung?

Auch wenn wir abgewichen sind, das Schofar holt uns immer zurück. Der Monat Elul begann mit dem Schofar und Jom Kippur endet mit dem Schofar. Das Schofar symbolisiert einen „cris de coeur“, einen Schrei aus dem Herzen, für den es keine Worte gibt, denn unsere Verteiltheit unter uns, unser Aufstand gegen G“tt sitzen oft so tief, dass diese nicht in Worte gefasst werden können.

Aber es bleibt immer ein Funke in unseren Herzen brennen, wie kaum glimmend das auch scheinen mag. Wenn dieser jedoch wieder angefacht wird, kann er wieder zu brennen beginnen und die Menschen in Feuer und Flammen versetzen. Das Schofar symbolisiert diese spirituelle Hilfestellung, beweist die Vitalität, die noch immer in unseren Herzen schlummert, selbst wenn keine Hoffnung mehr zu bestehen scheint. Echte G“ttesfrucht äusserst sich in offener und herzlichen Einstellung unserem Mitmenschen gegenüber. In letzter Zeit gibt es eine deutliche Tendenz, den Menschen in unserer religiösen Eile zu vergessen. Rabbi Akiwa benennt die Nächstenliebe als ein alles überragendes Hauptprinzip.

Durch die ausdrückliche Betonung von „dieses darf  wohl und dieses darf nicht“ entfremden wir uns von uns selber.

Eine alte Talmudische Weisheit besagt, dass „wer den Vater liebt, auch seine Kinder liebt“. Die moralische Basis der Nächstenliebe befindet sich in unserer Gleichheit vor G“tt.

Berühmt ist die Geschichte eines Rabbis, der im Sterben lag. Seine Chassidim (religiöse Schüler, Anhänger) fragten ihn, was seine letzte Botschaft an sie sei. Der Rabbi antwortete:“ Fühle Dich beschämt Deinem Mitmenschen gegenüber“ Die Anhänger fragten verwundert: „Rabbi, müssen wir uns nicht MEHR vor G“tt schämen?“ Der Rabbi antwortete: „Wenn Du ein Schamgefühl den Menschen gegenüber hast, wirst Du auch G“ttesfürchtig sein“.

Der Mensch ist ein einmaliges Geschöpf. Anders als Tiere, haben wir die Möglichkeit, um unser Leben zu ändern. Wir können uns selber hoch Programmieren.

Der Mensch ist im Stande, aus seiner eigenen Haut zu schlüpfen und sein Denken und Tun wie ein objektiver Zuschauer zu beurteilen. Das ist die Größe des Menschen.

Deshalb ist Jom Kippur der heiligste Tag des Jahres, da dieser Vorgang von Selbstbetrachtung und Veränderung gerade an diesem Tag erfolgen muss.

Niemand, selbst der stärkste fanatische Atheist, kann glauben, dass er ohne tägliches Wachstum auskommen kann. Stillstand ist Rückschritt.

Wachstum setzt Harmonie mit uns selbst voraus und das bedeutet, dass wir unsere spirituelle Schuldenlast versuchen, von uns ab zu wälzen. Wenn wir sündigen, werden wir automatisch zu einer gespaltenen Persönlichkeit, da wir immer etwas zu verbergen haben.

Das Gefühl, etwas verschuldet zu haben, zerstört unser Bewusstsein von innerlicher Verbindung und Harmonie, ob das nun in der Ehe oder in den Beziehungen zu unseren Mitmenschen erfolgt.

Wir bleiben Kinder, Kinder G“ttes, wie weit sich das Kind auch von seinem Vater entfernt hat. Einmal jährlich wäscht der liebende Vater seine widerspenstigen Söhne und Töchter sauber. Lasse diesen Tag nicht vorbeihuschen.

Es gibt einen bekannten Vers, der besagt: „G“tt ist Dein Schatten“. Genau so, wie ein Schatten die Tätigkeiten des Menschen begleitet, begleitet auch G“tt unsere Taten. Wenn wir uns zu G“tt wenden, wendet auch G“tt sich uns zu.

Die Thora verlangt Bescheidenheit und Schuldeingeständnis, wenn wir um Vergebung bitten. Zu große Egos stehen dieser Erfüllung im Wege.

Wir müssen uns nach Jom Kippur gerade in die Augen schauen können. Erst dann ist unsere Gemeinde eine wahrhafte Gemeinde im Sinne von Gemeinschaft. Es geht an Jom Kippur nicht um uns. Wir haben uns nicht selber gemacht und wir leben nicht nur für uns selber.

Wir leben für unsere Ideale: für unser Judentum und versuchen, das an unsere Kinder weiter zu geben, aber dann muss es auch Beispiele und Vorbilder hierfür geben. Sonst können wir nichts weiter geben. Unsere Kehila ist gleichzeitig ein Verbund von Zusammengehörigkeit, aber auch eine fordernde Institution.

Wir benötigen Sie. Mehr Engagement und Einsatz, mehr Aufopferungsbereitschaft für unsere wunderbare Gemeinde in diesem Himmlischen G“tteshaus auf Erden, der Synagoge.

G`mar Chatima Towa, eine gute Unterschrift und Besiegelung.. Chasak Baruch!

Oberrabbiner Raphael Evers