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Ne’ila bedeutet Schließung.

Die Scha’arej Schamajim, die Himmelspforten, fangen an, sich zu schließen, nach und nach.

Dieses ist unsere letzte Möglichkeit, zur inneren Einkehr zu gelangen, bevor das Urteil für das kommende Jahr gefällt wird.

 

Was können wir aus dem Namen dieses heutigen G“ttesdienstes lernen?

Ne’ila ist nicht das Wort, das wir üblicherweise für „Schließung“ verwenden. Das ist „SEGIRA“.

 

Weshalb dieses unbekannte Wort?

Wir sollten mal an ein ganz gewöhnliches Wort denken, mit demselben Stamm: NA’ALEJIM, SCHUHE.

Wenn diese auf dem Boden stehen und niemand sie trägt, sind Schuhe meistens offen. Sie werden nur geschlossen, wenn jemand sie anzieht oder mit nimmt.

Das Gleiche gilt eigentlich für den Ne’ila- G“ttesdienst.

Die Scha’arej Schamajim, die Pforte des Himmels, schließen sich in der Tat schon nach und nach. Die Zeit zur innerlichen Einkehr und Reue-Bekundung scheint beinahe vorbei zu sein.

Wenn dann aber der Jom-Kippur-G“ttesdienst vorbei ist, können wir das Buch nicht schließen und unsere guten Vorsätze nicht bis zum kommenden Jahr auf Eis legen.

Nein, wir tragen unsere innere Einkehr, unsere Zusage an uns selber, es nächstes Jahr besser zu machen, mit uns auch morgen, übermorgen und ins kommende Jahr.

Nur dann haben TSCHUWA (EINKEHR), TEFILLA (GEBET) und TSEDAKA (WOHLTÄTIGKEIT) auf unser Leben wirklichen Einfluss. Nur dann hat der JOM-KIPPUR-G“TTESDIENST wirklich etwas bedeutet.

Deshalb ist es wichtig, am Ende von Ne’ila, nach einem Tag des Fastens, der Gebete und der Einkehr, auch nachdem die Himmelspforten geschlossen sind, einige Zeit den Aspekten der Tschuwa zu widmen, die wir ins kommende Jahr mit uns mitnehmen können.

 

CHAWERIM WE CHAWEROT,

Wir haben eine schwierige Zeit hinter uns.

Selbst die kleinsten Unfälle oder Besorgnis erregende Ereignisse in Tausenden von Kilometern Entfernung, beunruhigen uns.

Eine beachtliche Menge an wüsten Medien-anschuldigungen wurde über uns ausgeschüttet.

Und doch müssen wir dieses weiterhin als einen nächsten Schritt bei der Konsolidierung unseres Jüdischen  Staates betrachten.

Nicht jeder Schritt ist gerade einfach.

Es bedarf ein Tal, um wieder zu großen Höhen aufsteigen zu können.

Was Israel durchlitten hat, gilt für uns alle. Wir sind bereits vierzig Tage mit Selichot, Schofar und Tschuwa beschäftigt.

Wir sind in die tiefsten Täler unseres eigenen ICHs herabgestiegen, mit der Absicht, letztendlich doch wieder ein Wenig zu wachsen.

Es erfordert Mut, um den Status Quo in uns selber ändern zu wollen. G“tt erwartet nichts anderes von uns.

Wir dürfen nicht über uns selber zufrieden sein, wie wir jetzt sind. Vierzig ist die Zahl der Veränderung.

Zu Noah’s Zeiten, als die Welt verbessert werden musste, dauerte die Sintflut vierzig Tage und vierzig Nächte.

Eine MIKWE, ein rituelles Bad, in dem wir von unrein rein werden können muss mindestens vierzig Maß Wasser enthalten.

Ein Fötus wird erst nach vierzig Tagen ab der Empfängnis zum Anfang eines Menschen. Mosche erhielt die Thora erst nach vierzig Tagen auf dem Berg Sinai.

Das Jüdische Volk wanderte vierzig Jahre durch die Wüste und wurde erst dann zu einem echten Jüdischen Volk.

Rabbi Akiva änderte sich erst, als er vierzig Jahre alt war.

Vierzig ist die Zahl der Veränderung. Mit vierzig Jahren befinden wir uns mitten in einer Mid-Life-Krise und fragen uns, was wir mit unserem Leben anfangen sollen.

Wir müssen von dieser gesättigten Mittelmäßigkeit weg kommen. Wir müssen lernen, uns nicht mit zu wenigen Leistungen auf religiösem Gebiet zu begnügen.

Jeder enthält in sich ungeahnte Möglichkeiten.

Jeder kann viel für seinen Ehepartner, für seine Familie, für die Kehila, für das Jüdische Volk, für das Jüdische Land und eigentlich für die ganze Welt, leisten.

 

DER NETSIEV

Vor zweihundert Jahren gab es mal einen 9-jährigen Jungen, der nicht wirklich in der Jeschiwa, in der Schule, die er besuchte, sehr fleißig war.

Man erwartete somit also nicht all zu viel von ihm.

Eines Abends hörte er seine Eltern im Zimmer neben an, über seine Zukunft sprechen.

Sein verzweifelter Vater beklagte, dass er alles versucht hatte, von Motivationsgeschenken bis zu Privat-Lehrern, aber es hätte alles nichts gefruchtet.

Seine Eltern kamen letztendlich zur Entscheidung, dass sie keine andere Wahl mehr hatten.

Sie müssten ihn aus der Jeschiwa, aus der Schule nehmen und er sollte zu einem Schuhmacher oder Schneider in die Lehre gehen.

Das Jüngelchen schlief depressiv ein. Es hatte einen Traum und in seinem Traum sah es einen wunderbaren Bücherschrank voller schönster jüdischer Bücher.

Da gab es einen Kommentar zum Chumasch, Ha-Amejk Dawar.

Es gab auch einen dreiteiligen Kommentar auf die Sche’iltot, Ha-amejk Schela genannt.

Es gab eine Anzahl Responsa, also Antworten, Meschiew Dawar und einen Kommentar auf die Gemara, Merome Hassade.

In seinem Traum blätterte das Jüngelchen in den Büchern und er fragte sich, wer diese wunderbaren Werke, die so tiefgehende Gedanken enthielten, wohl geschrieben haben könnte.

In seinem Traum hörte er, dass ER diese Bücher schreiben würde.

Das Jüngelchen erwachte und versprach sich selber, sich ab diesem Augenblick für seine jüdischen Studien ein zu setzen.

Das Jüngelchen wuchs heran zum berühmten NETSIV, Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin, dem Rosch Jeschiwa von Wolozin und Verfasser der genannten großen Abhandlungen.

Als er sein Ha’mejk Sche’ela beendet hatte, veranstaltete er eine Dank Mahlzeit bei der er diese Geschichte erzählte und seinem Auditorium zurief: „stellt Euch vor, was hätte geschehen können, wenn ich unter meinem (jetzigen) Niveau geblieben wäre!“

Tschuwa bedeutet nicht, uns selber in Sack und Asche zu versetzen: die Tschuwa bedeutet, uns selber zu erhöhen, also nach oben zu steigern und uns potentiell zu verwirklichen.

Nicht jeder ist dazu spontan im Stande. Zu allererst müssen wir sehen, bis wohin wir fähig sind.

 

REB SUSCHJE

Als Rebbe Suschje auf seinem Sterbebett lag, fing er an zu lachen.

Seine Chassidim fragten ihn, weshalb er lachen würde.

Er sagte: wenn ich vor dem Himmlischen Gericht stehen werde, werden die mich fragen: „Suschje, weshalb bist Du nicht wie Awraham Awinu geworden?“ und ich werde antworten: „da Ihr mich nicht wie Awraham gemacht habt“.

Er lachte wieder. Er sagte: „wenn man mich fragen sollte, weshalb ich nicht wie Mosche Rabejnu bin, werde ich antworten: „weil ich nicht wie Mosche Rabejnu geschaffen wurde“. Und da fing der Rebbe an zu weinen.

„Weshalb weinst Du?“ fragten die Chassidim. Suschje antwortete: „da ich jetzt sehe, dass sie mich fragen werden: „Suschje, weshalb bist Du nicht Suschje, weshalb bist Du nicht sichselbst geworden?“  Warum hast Du sich selbst nicht für 100% realisiert?

Die Gemara (Bawa Metzia 85a) erzählt, dass Rabbi Jossi Ben Rabbi Elijeser das Judentum verlassen hatte.

Rabbi Jehuda ha-Nasi brachte ihn auf eine briljante Weise zur Tschuwa zurück.

Er erniedrigte ihn nicht, denn er wollte ihn gerade erheben.

Und was tat Rabbi Jehuda ha-Nasi? Jossi wurde zum Rabbiner ernannt! (Also der Abtrünnige wurde aufgewertet!!)

Er verlieh Jossi die Smicha und den offiziellen Titel „Rabbiner“.

Es war die Absicht, ihn zu ermutigen, aber wie konnte Jehuda ha-Nasi ihm eine Smicha, also ein Rabbinerdiplom, erteilen, während er nicht ein wirklicher Rabbiner war?

Rabbi Tsadok ha-Cohen schreibt (Tsidkos Hatsaddik 113) „es war keine Lüge, ihn Rabbi zu nennen.

Als RABBI Jossi wirklich zu großen Höhen aufgestiegen war, erst dann stellte sich heraus, dass das Niveau schon immer wirklich vorhanden gewesen war“. Seit dem Anfang.

Es war da, aber immer verborgen geblieben.

Lassen wir die kommende Tage dazu nutzen, um unser verstecktes Potenzial auf zu spüren, uns Mut zu zu sprechen, es zu erkennen und es um zu setzen.

Lass uns Tschuwa, also UMKEHR, machen. Wir haben noch gerade die Möglichkeit hierzu!! In kurzer Zeit kann sich Vieles ändern!!

Nicht, um uns selber in etwas Neuem zu verändern, sondern schlichtweg um dahin zurück zu kehren, was unsere Neschama Tehora war, ist und schon immer in unserem Innersten vorhanden war.

 

Liebe Freunde

Ich wünsche Ihnen eine gute Tefila, ein ernsthaftes Beten, mit innigster Kawwana,

AMEEN!

Oberrabbiner Raphael Evers