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Dewarim/Deuteronomium 14:1 und weiter: „Ihr seid Kinder von HaSchem, (oder ist gemeint: Ihr werdet Kinder von HaSchem sein?), deshalb dürft Ihr nichts in Euerem Körper eingreifen, indem Ihr dort Einkerbungen macht“…

Wir dürfen in unserem Körper, als Zeichen der Trauer, keine Einkerbungen vornehmen. Wir dürfen keine heidnischen Trauerrituale übernehmen: „Da wir (die) Kinder von HaSchem genannt werden, und also schön oder gut aussehend sein sollten, dürfen wir aus Trauergründen keine Einschnitte oder kahle Stellen erzeugen“, so laut Raschi (Dewarim/Deut. 14:1).

Jedoch zerreißen wir oder reißen nach einem Versterben ein: vor der Beisetzung machen wir eine Keria in unsere Kleidung.

Dieser Brauch besteht seit sehr langer Zeit, weist also ein sehr hohes Alter auf. Schon im ersten Buch der Thora – Bereschit – wird dieser erwähnt.

Maimonides (1140-1205) vermerkt, dass das Einreißen den emotionalen Bedürfnissen des Trauernden in dem Augenblick entgegen kommt und ihm einige Erleichterung verschafft, obwohl das Einreißen von Kleidung anderweitig als sinnlose Vernichtung verboten ist.

 

Wut

Die Wut ist eine Komponente jeder Art von Trauer. Eine der wichtigsten Funktionen des Trauerverarbeitungsvorganges ist die Verarbeitung dieser Gefühle von Wut auf eine symbolische und größtenteils unbewusste Weise.

 

Gelegenheit für Erleichterung

Die Keria, das Einschneiden oder Einreißen, ist eine Gelegenheit für Erleichterung. Sie versetzt den Trauernden /die Trauernde in die Möglichkeit, seiner/ihrer aufgestauten Wut und Schmerz freien Lauf zu lassen über eine kontrollierte, religiös bestätigte Tat der Zerstörung.

 

eine einleitende Wirkung

Aber die Keria hat auch einen einleitenden Effekt. Der Schock über den Verlust eines geliebten Menschen ist noch zu groß, um sich davon bewusst zu werden. Um jetzt den Trauervorgang ein zu leiten, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf einen kleineren, leichter zu erfassenden Verlust. Wir reißen Kleidung ein. Wir identifizieren uns mit dem „zerrissenen Körper“ des oder der Verstorbenen. So wird der große Verlust wenn möglich mitgezogen und ein Anfang mit der inneren Trauerverarbeitung gemacht.

 

von oben nach unter

Das Einschneiden oder Einreißen soll von oben nach unter erfolgen, an zu fangen ist an der Oberseite des Kleidungsstückes beim Hals.

Die Keria dient dazu, Verdruss oder Schmerz zu erwecken oder zu erzeugen, denn ohne bestimmte Schmerzgefühle ist ein Trauervorgang unmöglich. Innerhalb dieses Zusammenspieles ist eine Keria um den Hals herum und die Bestimmung, dass diese von oben nach unten zu erfolgen hat, verständlich.

 

der Kopf als der Sitz des Intellektes

In der Kabbalistischen Literatur wird der Kopf als der Sitz des Intellektes betrachtet, der Hals als den schmalen, verbindenden Wirbel zwischen dem Intellekt und dem Sitz der Gefühle, der im Herzen ansässig ist.

 

Kluft zwischen dem Intellekt und den Gefühlen

Die psychische Verarbeitung der Trauer beginnt, sobald die wahrnehmbare Verarbeitung der Todesnachricht zum emotionalen Teil des Menschen durchdringt. Hierfür soll eine „enge Brücke“ – der Hals – dienen. Der Hals Diese dient als Brücke, Erst nachdem diese Kluft zwischen dem Intellekt und den Gefühlen überwunden ist, ist die Rede von einem Anfang des Trauervorganges.

 

Widerstand gegen die Akzeptanz von Elend

Der Mensch hat einen natürlichen Widerstand gegen die Akzeptanz und der Einordnung von Elend. Für unsere psychische Hygiene ist es jedoch erforderlich, dass der Verlust zum Gefühlsleben durchdringt, um verarbeitet zu werden.

das emotionale Leben wird „aufgeschnitten“

Auf symbolische Art wird mit der Trauerverarbeitung ein Anfang gemacht: der Widerstand dagegen wird gebrochen und das emotionale Leben wird „aufgeschnitten“ und für die Trauerakzeptanz zugänglich gemacht.

der Hals als Trennungsmauer

Deshalb erfolgt die Keria rund um den Hals, da der Hals als Trennungsmauer zwischen dem Intellekt und dem Gefühl angesehen wird. Der Hals bildet die Barriere gegen den ungehinderten Durchfluss von dem, was der Intellekt zum Reich der Gefühle wahr nimmt.

Trauerverarbeitung ist ein absteigender Vorgang

Die Keria überwindet diese Barriere auf symbolische Art und beginnt den Trauervorgang. Die Keria hat von oben nach unten zu erfolgen, um auf zu zeigen, dass die Trauerverarbeitung ein absteigender Vorgang ist, der den „gesamten Menschen“ umfassen sollte, ab den höchsten und meist „internen“, nicht aussprechbaren Arten von Gefühlen, bis zu den „niedrigsten“, für ausgesprochen verbalen Ausdruck erfassbaren Gefühlen. Danach ist ein gesunder Trauervorgang möglich.

 

Author: © Oberrabbiner Evers | Raawi Jüdisches Magazin