Vor der Corona-Krise kam ich privat und auf Social Media nicht häufig in Berührung mit Fake News und Verschwörungstheorien. Danke, meine liebe Social Bubble! Niemand aus meinem Umfeld hat mir je Fake News geschickt. Ach, die gute Vor-Corona Zeit.

Doch schon am ersten Tag des Lockdowns bekam ich eine Whatsapp von einer Bekannten, die diese Nachricht wohl auch nur weitergeleitet hat, mit einer der ersten Fake News im Zusammenhang mit Corona. Es fing eher harmlos an: Der Feind hieß Ibuprofen. Das würde Corona angeblich fördern, behauptete die Freundin der Freundin, die eine Ärztin sei. Ich nahm diese Information nicht ernst und legte das Handy wieder auf den Tisch. Für mich als Bloggerin sind Fake News, vor allem gegen Juden, ein alter Bekannter, so dass ich dagegen sensibilisiert bin.

Doch auch diese auf den ersten Blick harmlose falsche Nachricht hat mich damals erschreckt, so dass ich den ganzen Tag daran denken musste. Wie kann es sein, dass gebildete und intelligente Menschen Fake News glauben und weiter verbreiten? Böse Absicht war es sicher nicht. Wir waren alle sehr irritiert und eingeschüchtert von diesem unsichtbaren Feind. Als ich am Abend Mitte März in den israelischen Nachrichten hörte, dass ab dem nächsten Morgen das ganze Land dicht gemacht werden soll, war ich so schockiert, dass ich mir einen Glas Wein und meine Not-Zigarette schnappte und auf den Balkon ging, um mich zu beruhigen.

Nach meinem Gefühl sind seit der Corona-Krise so viele Fake News und Verschwörungstheorien auf Social Media unterwegs wie noch nie. Doch die Erkenntnis war schwierig. Unsere liebevoll gepflegte Social Bubble sorgt dafür, dass wir nicht wahrnehmen, wieviele Menschen an solche Theorien und Mythen glauben und wir begreifen nicht immer, wie gefährlich diese Posts sind. Ich beobachte, dass die Menschen aus meiner Bubble diese Inhalte mit einem Kommentar teilen wie etwa: „Ihr werdet nicht glauben, was dieser Vegan-Koch von sich gibt!“. Ich halte dieses Nicht-Ernstnehmen und ironisch Weiterverbreiten von Fake News für sehr problematisch. Zum einen werden sie nicht nur von Extremisten geschrieben und geteilt, sondern eben auch von ganz normalen Menschen. Außerdem sehen sie dann noch mehr Menschen, die sich möglicherweise davon beeinflußen lassen. Denn psychologisch beurteilen wir den Wahrheitsgehalt einer Nachricht auch danach, wie oft wir sie von verschiedenen Seiten hören.

Diese Dinge sind mir nochmal klar geworden, als eine Verwandte von mir, die relativ viele Follower auf Instagram hat, neulich dort Bilder in den Stories zum Thema Rassismus und George Floyd gepostet hat. Die Bilder berichteten, wieviele Straftaten George Floyd begangen hat und fragt, warum jetzt so viele über den Tod eines Kriminellen trauern. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben einige Zuschauer dieser Stories, die sich mit diesem Thema nicht ausführlich auseinander gesetzt haben, gedacht: „Stimmt eigentlich. Wenn er so ein Krimineller war, war es vielleicht kein Fehler, ihn zu töten.“
Ich widersprach ihr in einer Privatnachricht und schrieb sinngemäß: „Was soll das? Hast du diese Fakten überprüft? Vielleicht sind es Fake News. Außerdem gibt es den Polizisten kein Recht, ihn zu töten.“ Ihre Antwort lautete: „Ich finde schon.“ „Nicht in einem demokratischen Staat“, war meine Antwort. Ihr könnt euch vielleicht denken, wie traurig und schockiert ich darüber war. Menschenrechte sind universell und nicht an richtiges Benehmen geknüpft. Dieser Vorgang zeigte mir, dass die weltweite Verunsicherung auch gebildete Menschen empfänglich für extremistischen Meinungen werden lässt.

Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Das beantworten Pia Lamberty und Katharina Nocun in ihrem gerade erschienen Buch „Fake Facts“, ein Buch, das ich Ihnen wärmstens empfehlen kann.

Sehr viele Fake News sind eindeutig antisemitisch oder befeuern Antisemitismus. Natürlich ist das kein wirklich neues Phänomen. Als prominentes Beispiel seinen die „Protokolle der Weisen von Zion“ genannt, ein antisemitischer Fake News Bestseller. Vieles aus diesem Buch ist die Grundlage für die heutigen Fake News, vor allem die Behauptung, Juden würden die neue Weltordnung etablieren wollen, ein Grundton vieler Fake News im Umlauf.

Aber heute dienen die sozialen Netzwerke als Katalysator für die Verbreitung von Fake News. Dabei machen mir zwei Tatsachen Sorgen: Zum einen können Menschen, die keine extremistischen Einstellungen haben, jedoch für das Thema Antisemitismus nicht sensibilisiert sind, diesen Fake News Glauben schenken. Zum anderen haben Fake News im Gegensatz zu Hate Speech eine extrem große juristische Hürde. Es ist fast unmöglich Fake News zur Anzeige zu bringen. Ein Gesetz, sie zu verbieten ist kaum machbar, denn dann bräuchte man ein „Wahrheitsministerium“, das entscheidet, was Fake ist und was nicht. Das macht es wiederum für extremistische, nichtdemokratische Parteien so einfach, legal Fake News zu verbreiten, die ihre politische Agenda stützen.

Aber es gibt eine Ausnahme: In Deutschland und ein paar anderen Ländern ist die Leugnung des Holocaust verboten und kann juristisch verfolgt werden. Nur ist hier die Faktenlage so eindeutig klar, dass ein Wahrheitsministerium nicht nötig ist.

Ein Problem mit der Verfolgung von Antisemitismus online in Sozialen Netzwerken gibt es schon länger. Doch es gibt ein vergleichsweise neues Problem, das immer größer wird und immer schwerer zu verfolgen. Dieses Problem heisst Chatgruppen. Chats-Apps wie Whatsapp und Telegram sind quasi geschlossene soziale Netzwerke, wo Fake News massenhaft verbreitet und geteilt werden. Diese sind teilweise einsehbar, wie etwa im Fall von Attila Hildmann. Es gibt aber auch viele geschlossene Chatgruppen, die verschlüsselt sind und somit keiner außerhalb der Chatgruppe weiss, was dort passiert. Und anders als in klassischen sozialen Netzwerken, kann man die antisemitischen Inhalte von Hildmann zwar sehen, diese aber nicht dem Anbieter melden. Dort gibt es einfach keine entsprechende Stelle und keine juristische Verpflichtung, eine einzurichten.

Uns muss bewusst sein, wie gefährlich Fake News sind und wie diese Antisemitismus fördern. Deshalb darf man solche Nachrichten nicht einfach als Schwachsinn abtun, auch wenn es schwer fällt.

 

Herzlichst, Ihre Jenny Havemann