וְנָתַתִּי לָהֶם בְּבֵיתִי וּבְחוֹמֹתַי יָד וָשֵׁם, טוֹב מִבָּנִים וּמִבָּנוֹת; שֵׁם עוֹלָם אֶתֶּן לוֹ, אֲשֶׁר לֹא יִכָּרֵת

Hertha Parnass, geb. Emanuel, geb. am 29.6.1906 in Hamburg, ermordet in Treblinka
Simon Parnass, geb. am 5.12.1879 in Tarnopol, abgeschoben am 28.10.1938 nach Zbaszyn, in Treblinka ermordet

Methfesselstraße 13

Hertha und Simon Parnass waren die Eltern der bekannten Hamburger Publizistin Peggy Parnass. Hertha Parnass war die Tochter von Franziska und Iwan Emanuel (s. Familie Emanuel). Die Eltern von Simon Parnass hießen Meir und Sophie Parnass. Simon Parnass war Pole bzw. staatenlos. Seine Geburtsstadt Tarnopol lag in Galizien und gehört heute zur Ukraine. Das Ehepaar Parnass hatte zwei Kinder: die Tochter Ruth Peggy Sophie und den Sohn Gerd Hans Ludwig (heute Gady). Beide Kinder waren formal staatenlos und verließen Deutschland Anfang 1939 mit einem Kindertransport. Sie kamen nach Schweden, wo sie getrennt aufwuchsen. Während die Tochter bei zwölf wechselnden Familien und Institutionen untergebracht war, lebte der Bruder Gady zunächst in vier Familien, später dann fünf Jahre lang in einem Waisenhaus. Von Schweden aus gelangten die Geschwister über Schottland nach London zu einem Onkel, dem einzigen Überlebenden der zwölf Geschwister von Simon Parnass.

Ende der 1960er Jahre veröffentlichte Erika Runge ein Gespräch mit Peggy Parnass, in dem diese sehr bewegend von ihren Kindheitserinnerungen erzählte: “Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an meine Mutter. Sie war klein, sie hat eine ganz duftende Haut gehabt, weil sie sich jeden Tag nackt von Kopf bis Fuß im Handstein in der Küche wusch. Wir waren sehr arm, so dass es nur in der Küche fließendes kaltes Wasser gab. Obwohl sie so abgearbeitet war, hatte sie Hände wie Lilien, weil sie sich immer mit Vaseline einschmierte. Und wenn ich besonders brav war, durfte ich immer bei ihr schlafen.” Und über den Vater hieß es: “Mein Vater war ja ein Spieler, er schwor ungefähr einmal in der Woche, nie wieder zu spielen. Er war 30 Jahre älter als meine Mutter und hatte schon reichlich Frauen gehabt, die er ruiniert hat, und Männer auch, alle flogen auf ihn, weil er soviel Charme hatte, soviel Witz und so viel gute Laune.” In ihrem neuen Buch “Kindheit” beschreibt Peggy Parnass den Vater so: “Er war klein, schlank, mit vielen schwarzen Locken. Und einem eleganten Schnurrbart. Nicht wie Hitler, sondern die ganze Mundlänge entlang. Ein sehr schöner Mann und ein schönes schmales Gesicht mit hoher Stirn und lachenden Augen. Fast dreißig Jahre älter als Mutti. Ein Junge mit immer neuen Albereien im Kopf. Bunt und abenteuerlich. Immer zu Faxen aufgelegt. Die Hän­de so schlank und sensibel, daß sie auf ganz andere Instrumente als Karten schließen ließen. Aber er war total unmusikalisch. Sang herzzerreißend falsch.”

Die Tochter Peggy Parnass erinnert die Eltern als sich leidenschaftlich liebendes Paar; auf ihren Wunsch gibt es einen dritten Stolperstein vor dem Haus in der Methfesselstraße mit der Gravur “Die Liebenden”.

Peggy Parnass, März 2017 | Synagoge Hohe Weide, Hamburg | Foto: © Armin Levy

Simon Parnass übte den Beruf des Auktionators aus. Als er das als Jude nicht mehr durfte, arbeitete er im Hafen. Er war als ganz junger Mann Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gekommen und lebte seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Hamburg. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Soldat kriegsversehrt durch eine Lungenquetschung im Schützengraben, zu der später eine Lungentuberkulose hinzukam. Seine Tochter erinnert sich an seine Kriegsauszeichnungen, metallene Medaillen, die in einer Schachtel aufbewahrt wurden. Die Familie lebte, bevor sie Ende 1935 in eine Parterrewohnung in der Methfesselstraße 13 zog, in der Bartelsstraße 94.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme versuchte das Ehepaar Parnass verzweifelt, Deutschland zu verlassen – egal wohin. Aber alle Anträge wurden abgelehnt. Die Auswanderung scheiterte vermutlich an der chronischen Lungenerkrankung des Vaters und an fehlenden finanziellen Mitteln. Zuletzt lebte die Familie von Wohlfahrtsunterstützung der Jüdischen Gemeinde.

Im Zuge der “Polenaktion” Ende 1938 wurde Simon Parnass nach Polen abgeschoben. Es gelang ihm aber, heimlich nach Hamburg zurückzukehren, um seine Frau zu holen. Das Ehepaar schaffte es, nach Polen auszureisen. Beide lebten dort nach Aussage der Familie in Krakau und später im Warschauer Getto. Von dort wurden sie ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und umgebracht.

 

 

Text: © Susanne Lohmeyer