Raawi: Hallo Idan! Danke, dass du bei uns bist und einem Interview mit Raawi zugesagt hast. Stell dich doch unseren Lesern einfach mal vor.

Idan Levi: Ja, gerne. Ich bin Idan Levi. Ich wurde in Jerusalem geboren. Aber wohne jetzt schon seit 13 Jahren in Hamburg. Ich kam her, um Musik weiter zu studieren. Das habe ich wohl geschafft. Derzeit habe ich ein Engagement als Musiker bei den Lüneburger Symphoniker. Allerdings reicht mein musikalisches Interesse von historischer Musik bis hin zu jüdischer Musik.

Raawi: Du hast die jüdische Musik erwähnt. Meinst du damit die orientalische Musik aus dem Nahen Osten, wie die der Mizrachi und der sephardischen Gemeinde und der arabischen Musik sehr ähnlich ist, oder meinst du eher die Jiddische Musik? Was interessiert dich da am meisten?

Idan Levi: Ehrlich gesagt interessiere ich mich für das was hier in Deutschland gut ankommt. Vor allem Klezmer- Musik. Daher versuche ich auch, ihnen andere Aspekte der jüdischen Musik vorzustellen. Vor allem, was Ladino angeht. Das ist keine arabische Musik und das hat auch nichts damit zu tun, würde ich sagen. Aber das ist quasi die Musik der sephardischen Juden aus Süd-Europa bis nach Nordafrika und sogar aus dem Irak, Iran, der Türkei und so weiter. Wir spielen in unseren Programmen natürlich auch israelische Musik, weil das dem Publikum sehr gefällt. Es gibt viele Einflüsse von Synagogal-Musik, Israelische Musik, historische Klezmer-Musik, alles zusammen, auf irgendeine Art und Weise und auch gemischt.

Raawi: Vielen Dank, du hast gesagt, du bist hier gekommen, um Musik zu studieren. Hast du damals in Israel Musik studiert? Wann hast du mit Musik angefangen? Welche Musikinstrumente hast du gelernt und spielst? Und was hast du hier studiert? Wo genau hast du studiert? Bist du mit dem Niveau deines Studiums und dem Abschluss zufrieden, oder möchtest du noch einmal hier Musik studieren?

Idan Levi: Ja, ich habe das nicht erwähnt. Ich spiele Flöte als Hauptinstrument. Ich habe mit sechs angefangen, Klavier zu lernen. Dann habe ich mich für die Flöte entschieden. Ich spiele seit 21 Jahren, ungefähr 22 schon. Ich habe natürlich auch in Israel angefangen zu studieren. Genauer gesagt in Jerusalem. Wie viele andere Musiker bisher, habe ich die Entscheidung getroffen in Deutschland weiter zu machen, weil hier einfach die Möglichkeiten viel besser und die Auswahl riesig sind, bin ich hierhergekommen und habe in Hamburg Flöte studiert. Dann habe ich in Bremen weitergemacht mit alten Instrumenten, aber mit historischer Musik. Das hat mir viel, viel, viel besser gefallen, muss ich sagen. In Hamburg gab es einige Schwierigkeiten. Sagen wir so – ich kann nicht so richtig sagen, dass ich hier viel gelernt habe leider, aber in Bremen – besonders bei Musikern, die sich mit alter Musik beschäftigten – konnte ich sehr viel lernen. Und in den letzten Jahren habe ich angefangen auch historische Instrumente zu sammeln. Es interessiert mich einfach, wie die Musik damals geklungen hat.

Raawi: Du bist jetzt bei den Lüneburger Symphoniker als Flötist tätig. Machst du auch außer dieser Tätigkeit noch was anderes?  Spielst du zum Beispiel mit anderen Musikern in einer Band? Komponierst du deine eigenen Stücke oder übst du auch mit bestimmten Ensembles?

Idan Levi: Ja, das ist eine gute Frage. Der große und berühmte Komponist Joseph Haydn sagte am Ende seines Lebens: „Es gibt noch viel zu tun in dieser himmlischen Kunst“. Und wenn selbst Haydn das sagt! Kaum ein anderer Komponist hat die Musik so beeinflusst wie er. Wenn er das sagt, dann glaube ich, dass das für jeden Musiker stimmt, und somit auf uns alle zutrifft.

Dann habe ich mich wirklich bewusst entschieden mich mit vielen Branchen und Aspekten der Musik zu beschäftigen. Zum Beispiel versuche ich nicht einfach nur Flöte zu spielen, sondern auch historische Flöten und auch Klavier, wenn es geht.

Damals habe ich komponiert, aber heute mache ich eher Bearbeitungen und ich versuche auch viele kleine kammermusikalisch Ensembles zu gründen.

Manche mit historischen Instrumenten und manche mit modernen Instrumenten. Mit modernen Instrumenten spielt zum Beispiel das Ensemble für jüdische Musik ‚Hevenu Shalom‘ – ein Trio.  Ich spiele Flöte, zusammen mit derVioline und dem Akkordeon. Das wird ein sehr großes Projekt.

Gestern wurde das von unserem Theater genehmigt. Wir machen bei dem Projekt 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland mit. Da unterstützt uns unser Theater dabei. Hoffentlich werden wir so viele Konzerte geben wie möglich zu verschiedenen Themen des Judentums und der jüdischen Musik.

Idan Levi | Foto: © Armin Levy

Es geht auch um andere Themen. Zum Beispiel werden wir in den Konzerten viel erzählen.  Ich glaube, es gibt viel Desinformationen, wenn es zum Judentum, jüdische Traditionen und verschiedenen Aspekten des Judentums.  Wir werden das auch mit Musik kombinieren. Und hoffentlich wird das interessant und erfolgreich sein.

Das größte Ensemble, in dem ich spiele, heißt ‚Hansa Ensemble‘.  Da spiele ich, Flöte, zusammen mit Geige, Bratsche, Cello und Klavier. Da ist es unser Ziel uns auf einen Komponisten konzentrieren. So zum Beispiel ‚Der junge Beethoven‘.  Es geht um Werke aus seiner Jugendzeit. In diesem Jahr feiert Beethoven nämlich seinen seinem 250. Geburtstag. Oder auch zum Beispiel ‚Haydn in London‘. Es geht um die berühmte Reise von Hayden nach London. Natürlich werden wir seine londonischen Werke spielen.

Ein anderes Ensemble ist ein Ensemble mit historischen Instrumenten und heißt ‚Hausmusik‘. Da spiele ich mit anderer Flötistin zusammen auf dem Cello Werke, die man normalerweise im 18. Jahrhundert in einem Salon gespielt hätte.

Letztens habe ich ein Ensemble für Kantaten, für zwei Flöten, Sängerinnen und Basso continuo gegründet. Das heißt Bassinstrument mit Harmonie Instrument. In diesem Fall mit einer Viola da Gamba (eine Art Cello) und einer Theorbo ( Das ist eine Art  Zupfinstrument ) .  Da hoffen wir, bald mit diesem Ensemble aufzutreten zu dürfen.

Auch spiele ich im Duett mit einer Pianistin. Das heißt ‚Fantasie‘. Wir spielen nur Fantasien für Flöte und Klavier, von Barock bis zum 20. Jahrhundert. Und das auch mit genau den Instrumenten, für die damals die Musik geschrieben wurden. Das ist sowohl musikalisch als auch musikwissenschaftlich gesehen ein interessantes Programm.

Raawi: Danke schön. Das ist gar nicht so einfach, sich das alles zu merken.  Wo veröffentlichst du deine Arbeit? Nutzt du Social Media, oder hast du eine Website? Wo kann man Informationen über deine zukünftigen Konzerte oder Programme finden?

Idan Levi: Ja, ich habe ja erst mal eine Webseite: www.IdanLevi.com. Da habe ich einen Kalender, auf dem man meine Konzerte finden kann. Es geht da nur um praktische Sachen und auch um meine Flöten, die ich bisher gesammelt habe.  Sonst habe ich schon einen kleinen YouTube-Channel. Da sind ein paar Ausschnitte aus meinen Konzerten. Leider sind sie noch nicht ganz so professionell gemacht, aber man kann meine Konzerte zumindest etwas miterleben.

Raawi:  Du hast uns über Veranstaltungen im Rahmen von 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erzählst. Kannst du uns darüber mehr erzählen?

Idan Levi: Von diesem Projekt haben wir neulich gehört. Leider das war alles im letzten Moment soweit ich weiß, dass eine Förderung für kulturelle Veranstaltungen in Deutschland zum Thema Judentum in Deutschland und auch in Europa von damals, von der Vergangenheit bis heutzutage und das Wichtigste dabei ist – es geht nicht nur um die schrecklichen Dinge unserer Geschichte in Europa, sondern um die guten Sachen. Sagen wir mal so:  Als Musiker können wir natürlich Musik anbieten und wir haben dazu ein Programm entworfen. Das besteht aus zwei Konzerten und jedes Konzert wird in zwei Teilen geteilt. Jeder Teil konzentriert sich auf irgendeinen Aspekt des Judentums oder der jüdischen Geschichte oder jüdischen Musik.

Zum Beispiel das erste Konzert. Da werden wir erst einmal die jüdische Geschichte vorstellen, mit den dazu passenden Werken.

Als zweites Programm kommt eine jüdische Hochzeit. Das Programm heißt Mazal tov. Da werden wir verschiedene Hochzeitslieder und Werke jüdischer Hochzeiten spielen . Die Musik, die wir spielen, kommt nicht nur aus Europa, sondern auch aus dem Nahen Osten. Das ist ein sehr interessantes Programm und bisher unser beliebtes, das glaube ich beliebtesten.

Im zweiten Konzert beginnen wir mit dem Programm Schabbat Schalom.

Da werden wir Musik mit Bezug zum Schabbat und was wir vor dem Schabbat machen, spielen. Dann, zum 7. Tag, zum Schabbat, Synagogal-Musik und ein bisschen Musik, die mit den Schabbat Mahlzeiten zu tun hat.

Am Ende des zweiten Konzerts werden wir das Programm “Die Umwandlung einer Melodie” spielen. Es geht um jüdische Musik von klassischen Komponisten.  Wie diese Komponisten, quasi, die jüdische Musik in ihren Werken integriert haben. Und wir spielen natürlich einige Exemplare davon. Das wird auch interessant sein. Ja, und jetzt hoffen wir, dass wir die Förderung überhaupt bekommen. Die Deadline wurde schon zweimal verzögert, wegen des Corona-Virus.

Aber wir versuchen jetzt, im Rahmen dieses Programms in Norddeutschland mehrere Konzerte zu geben, nicht nur in Hamburg, sondern auch in Lüneburg und in Wünsdorf.

Wir wollen auch nicht nur in Großstädten auftreten. Es ist uns wichtig, dass diese sehr wichtige Botschaft auch kleinere Orte erreicht. In Norderstedt können wir auch auftreten. Wir versuchen auch in Bremen und in Lübeck und in Hannover

Raawi: Diese Veranstaltung – „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ – wann und wo findet sie statt?

Idan Levi: Es soll 2021 in ganz Deutschland stattfinden und das ein ganzes Jahr lang. Da werden verschiedene Veranstaltungen abgehalten.

Raawi: Du hast das Corona-Virus erwähnt. Die Lüneburger Symphoniker und auch Musiker im Allgemeinen sind davon betroffen. Sicher wurden auch bei dir viele Veranstaltungen abgesagt. Hast du während dieser Zeit mit deinem Ensemble, oder auch allein, Livestreams im Internet geschaltet? Hast du die Zeit weiter genutzt, um Menschen mit deiner wunderbaren Musik zu unterhalten?

Idan Levi: Ja, ich war in der Zeit nicht nur aktiv, sondern Hyperaktiv.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich jetzt wieder zurück zu meiner alten Tätigkeit gehen soll. Ich habe jetzt kaum noch Zeit für irgendwas anderes, ich beschäftige mich gerade mit so vielen Sachen. Am 14.03.2020 glaube ich, haben wir zum letzten Mal geprobt. Am Tage davor habe ich hier ein Konzert in Hamburg gegeben, mit der historischen Musik, in der Barockwerk Hamburg. Da haben wir schon irgendwie gespürt, dass es das letzte Konzert sein wird für eine sehr lange Zeit. Ja, ich habe versucht, mich mit verschiedenen Sachen zu beschäftigen.

Zuerst habe ich entschieden, ein Werk für mein Ensemble zu bearbeiten, dann habe ich ja die letzte Symphonie von Haydn bearbeitet. Für mich, war das ein schönes Projekt. Es hat zwei Monate gedauert, aber es hat sich gelohnt.

Live-Streams habe ich nicht so viel getan, weil ich finde, manche haben das viel, viel besser gemacht als was ich. Aber trotzdem haben wir erst einmal mit dem Heveynu Schalom, mit einem Ensemble für jüdische Musik, Rabbiner Havlin interviewt. Das war ein musikalisches Interview. Es geht nicht nur um Judentum, sondern auch um Musik. Wie er zum Beispiel zu seinen Melodien kommt, wie er sie findet und wie er sie in der Synagoge integriert. Da habe ich auch noch etwas gelernt. Es war sehr interessant, auf jeden Fall. Diese Woche war ich auch in Frankfurt, da habe ich ein israelisches Lied mit einem Freund von mir aufgenommen. Zwei Flöten zusammen. Das soll auch in meinem nächsten Heft veröffentlicht werden. Was habe ich noch gemacht? Ich übe regelmäßig zu Hause. Und ja, jetzt, gerade im Juni, fangen wir mit meinen Ensembles an zu proben. Das Theater-Orchester wird erst ab August wieder tätig sein, Leider.

Aber mit meinem Ensemble habe ich einiges zu tun. Mehrere Konzerte wurden abgesagt, einige wurden verschoben, leider mit dem Trio Ensemble Heveynu Shalom. Wir standen vor unserem großen Durchbruch.

Wir hätten jetzt sehr viele Konzerte gegeben. Aber leider wurden fast alle abgesagt. Ich hoffe, dass wir ab August mit Heveynu Shalom auch wieder auftreten werden. Auf jeden Fall werde ich mit meinem Quintett im August in Schleswig-Holstein und hoffentlich auch in Niedersachsen auftreten.

 

Lüneburger Symphoniker, Foto: Jochen Quast

Mehr über Idan Levi:

Der im Jahre 1986 in Jerusalem geborene Idan Levi, der heute in Hamburg lebt, begann seine Karriere während des Studiums in den Klassen von Prof. Moshe Aron Epstein und Prof. Jürgen Franz. Zeitgleich zu seiner Bachelor-Abschlussprüfung fing er seine Arbeit am Theater Lüneburg als Mitglied des Orchesters an, wo er auch Piccolo spielt und als stellvertretender Soloflötist agiert. Während jener Zeit studierte Idan Levi ebenfalls historische Instrumente in der Abteilung für Alte Musik an der Hochschule für Musik und Künste in Bremen in der Klasse von Prof. Marten Root (2011-2013). Des Weiteren wirkte Levi in verschiedenen Orchestern mit, so in der Magdeburgischen Philharmonie, dem SH-Sinfonieorchester, dem Theater für Niedersachsen, dem Israeli Symphony Orchestra u.a.

Neben seiner Tätigkeit am Theater ist Idan Levi auch leidenschaftlicher Spieler historischer Flöten. Er spielt regelmäßig in verschiedenen Ensembles und Orchestern auf Originalinstrumenten und gibt Konzerte und Rezitale – sowohl in Hamburg und dessen Umgebung als auch in Lüneburg und Hannover. So spielt er beispielsweise im Ensemble Barockwerk Hamburg. Ensemble Schirokko und mit Concerto Bremen.

Idan Levi hat zudem selbst mehrere Ensembles ins Leben gerufen, wie Hevenu Shalom mit eigenen Bearbeitungen, Quer durch die Querflöten mit vier Generationen von Flöten in einem Konzert, und Hansa Ensemble mit dem Programm Der junge Beethoven, dass sich auf Beethovens frühe Werke konzentriert.