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Russland Expertin Dr. Dina Moyal zum Krieg in der Ukraine –  „ Verhandlungen könnten funktionieren, wenn die Menschen bereit sind, zu geben und zu nehmen.“

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Seit dem 24. Februar 2022 hält Europa den Atem an. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine bringt für viele Menschen in Europa schlaflose Nächte mit sich. Zu groß ist die Angst vor einer Ausweitung des Krieges. Wir haben uns einmal mit Dr. Dina Moyal, Russland-Expertin vom Cummings Center for Russian and East European Studies an der Universität Tel Aviv darüber unterhalten, woher der Konflikt eigentlich kommt und was es braucht, um diesen Krieg zu beenden.

 

Frau Dr. Moyal, seit wann ist das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine so schwierig? Sind die Probleme bereits in der Geschichte beider Länder verwurzelt? War das Verhältnis bereits zu Sowjetzeiten so schwierig, oder begannen die Probleme erst danach?

 

Die Geschichte Russlands und der Ukraine ist eng miteinander verwoben – das macht ihre Beziehung so kompliziert. Russland betrachtet die Ukraine als Wiege des russischen Staates, der im späten 9. Jahrhundert als Kiewer Rus’ entstand. Ab dem 14. Jahrhundert handelt es sich jedoch um zwei getrennte Einheiten.

 

In den folgenden Jahrhunderten erlebte die Ukraine einige Perioden der Unabhängigkeit (die wichtigste im 17. Jahrhundert) und einige Perioden der Unterwerfung durch ihre Nachbarn, bevor sie ihre Autonomie an das russische Reich verlor. In den nächsten zweihundert Jahren (Ende des 18. bis 20. Jh.) blieb die Ukraine Teil Russlands und der Sowjetunion – mit Ausnahme der Westukraine, die zwischen den Kriegen zu Polen gehörte – und erlebte Versuche der Russifizierung und Sowjetisierung (z. B. die Umwandlung ukrainischer Bauern in Mitglieder von Kolchosen in den 1930er-Jahren).

 

Diese Versuche waren nur teilweise erfolgreich: Während der beiden Weltkriege versuchten die Ukrainer, ihre Unabhängigkeit zu erreichen. Dies gelang 1918 für einen sehr kurzen Moment, und während des Zweiten Weltkriegs verwandelte sich der Kampf in einen langen Guerillakrieg mit den sowjetischen Behörden in den 1940er und 1950er-Jahren. Obwohl die Ukraine bis 1991 ein sowjetischer Staat mit einer bedeutenden russisch-sowjetischen Bevölkerung war, ergriff sie dennoch die Chance, eine neue unabhängige Ukraine zu gründen.

 

Was hat zu dem aktuellen Konflikt in der Ukraine geführt?

 

Der gegenwärtige Konflikt ist in hohem Maße das Ergebnis des Prozesses, den jedes Land nach dem Zerfall der Sowjetunion durchlaufen hat. Die gegenseitige Abhängigkeit der Länder nach dem Zusammenbruch war sehr groß, wobei Russland, das während der Sowjetzeit die Führung unter den Unionsrepubliken innehatte, versuchte, die Ukraine an seine Wirtschaft, seine “Einflusssphäre” (wie es sie verstand) und schließlich an sein Regime zu binden.

 

Im Laufe der Jahre zog es die Ukraine jedoch vor, ihre Beziehungen zu Europa und dem Westen auszubauen, während Russland diese Bemühungen zunehmend störte. Das Ergebnis war ein noch stärkeres ukrainisches Nationalgefühl innerhalb der Ukraine. Die Ereignisse des Euromaidan und die einseitige russische Annexion der Krim und der Gebiete im Donbass (Ostukraine) im Jahr 2014 haben die Spannungen zwischen den Ländern nur noch verschärft und die Ukraine ermutigt, Unterstützung im Westen zu suchen.

 

Was muss geschehen, um die Probleme zwischen den beiden Ländern zu lösen und den Krieg zu beenden?

 

Leider ist der Krieg, den Russland in der Ukraine entfesselt hat, viel mehr als ein Konflikt zwischen zwei Nachbarländern. Wie wir am Vorabend des Krieges gesehen haben, hat Putin den Konflikt als Auseinandersetzung über einen möglichen Beitritt der Ukraine zur Nordatlantikvertragsorganisation (NATO) dargestellt.

 

Er betrachtete dies als eine inakzeptable Erweiterung der NATO. Darüber hinaus behauptete er in seiner Rede, dass er einen Krieg gegen das ukrainische Neonazi-Regime führe, das von Europa unterstützt werde – eine Behauptung, die jeder Grundlage entbehrt, die aber dazu beiträgt, die Unterstützung der russischen Bevölkerung zu gewinnen, die den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg verherrlicht.

 

Diese Behauptungen machen den Konflikt zu einem weltweiten und nicht zu einem lokalen Konflikt. Tatsächlich zeigen Putins Reden, dass es sich nicht nur um einen Krieg um geopolitische “Einflusssphären” handelt, sondern um einen Krieg gegen “den Westen” und seine Regeln und Normen. Mit dem Angriff auf die Ukraine will Russland die Ukraine daran hindern, ihr Regime zu ändern und die Ukrainer und auch die Russen daran hindern, zu einem demokratischen Regime überzugehen. Daher sind die Aussichten auf einen Kompromiss sehr gering.

 

Wie offen ist Wladimir Putin wirklich für Verhandlungen?

 

Die Wahrscheinlichkeit echter und offener Verhandlungen lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer einschätzen. Verhandlungen könnten funktionieren, wenn die Menschen bereit sind, zu geben und zu nehmen. Vor der Invasion konnte man von Verhandlungen sprechen, doch die Verwüstungen, die Russland in der Ukraine angerichtet hat, beweisen, dass Putin einen ideologischen Krieg ohne Kompromisse führt, während für die Ukraine die Verluste und die Zerstörung zu groß sind, um sie beiseitezuschieben. Bestimmte Gespräche zur Erreichung eines Waffenstillstands sind unerlässlich und werden wahrscheinlich auch stattfinden.

 

Wenn dieser Krieg nicht beendet werden kann – welche Auswirkungen hätte das langfristig auf Europa?

 

Die Sanktionen, die Europa und die Welt gegen Russland verhängt haben, sind in der Tat hart und könnten Putins Kriegsmaschinerie verlangsamen, hoffentlich bis zu einem Punkt, an dem Russland zu Verhandlungen bereit wäre. Die russische Armee ist zwar sehr stark, aber ihre Ressourcen sind nicht unbegrenzt, und sie hat mit langen Nachschubwegen, einer relativ schlechten militärischen Moral und heftigem ukrainischen Widerstand zu kämpfen. Hinzu kommt, dass die öffentliche Meinung in Russland die Politik Putins weit weniger unterstützt als früher. Der Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland trifft Europa zwar, ist aber ein relativ geringer Preis für einen Krieg, in den es bereits mit Russland verwickelt ist.

Sandra Borchert

Redaktion und Redaktionsleitung