Schawuot ist das jüdische Wochenfest, das 50 Tage, also sieben Wochen plus einen Tag (50 Tage) nach dem Pessachfest gefeiert wird.

Lernen in der Schawuotnacht
In der ersten Schawuotnacht ist es Brauch, die ganze Nacht wachzubleiben, um Tora nach dem Buch Tikun Lejl Schawuot zu lernen. Dieses Buch enthält Verse aus jedem Wochenabschnitt, aus jedem Buch der Schriftlichen Tora (Tanach), das gesamte Buch Ruth, Ausschnitte aus jedem Traktat der Mischna, eine Liste der 613 Mizwot, und ausgewählte Stellen aus dem Sohar.

Eine Erklärung für diese Tradition ist, dass das jüdische Volk schlief, als G‑tt am Morgen des 6. Siwan die Tora geben wollte und Er selbst sie wecken musste. Um diesen Lapsus zu korrigieren, bleibt man die ganze Schawuotnacht wach. Die chassidischen Lehren weisen weiters darauf hin, dass das Schlafen des jüdischen Volkes ein fehlgeleiteter Versuch war, die Aufnahme der g‑ttlichen Tora mit dem unterbewussten, transzendenten Teil der Persönlichkeit vorzubereiten.

Zehn Gebote
Zu Schawuot feiern wir die Gabe der Tora am Berg Sinai. Die Juden, die am Sinai standen, bestätigten ihren Bund mit G‑tt, indem sie erklärten: „Wir werden tun und hören“. Die Tora betont aber: „Und nicht mit euch allein stelle Ich diesen Bund fest und diesen Eid, sondern mit dem, der hier mit uns heute steht vor dem Ewigen, unserem G‑tte, und mit dem, der nicht hier mit uns heute ist“ (Deut. 29:13-14). Der Talmud erklärt den zweiten Teil dieses Verses als deutliches Einbeziehen von allen zukünftigen Generationen der Juden.

Mit dem Lesen der Zehn Gebote bestärken wir erneut unseren Bund mit G‑tt und Seiner Tora. Säuglinge, kleine Kinder, ältere Personen, jeder der in der Lage ist, sollte daran teilnehmen.

Eine zentrale Rolle beim Geben der Tora nahmen die Kinder ein. Als G‑tt dem Volk Israel die Tora geben wollte, so erzählen unsere Weisen, forderte Er Bürgen für deren Einhaltung. „Himmel und Erde sollen unsere Bürgen sein“, sagten die Juden, aber G‑tt antwortete: „Diese werden nicht ewig bestehen“. „Die Vorväter sollen unsere Bürgen sein“, sagten die Juden, aber G‑tt antwortete: „Diese sind beschäftigt“. Erst als die Juden versprachen: „Unsere Kinder sollen unsere Bürgen sein“, stimmte G‑tt zu: „Diese sind exzellente Bürgen“.

Milchspeisen
Zu Schawuot ist es Brauch, milchige Speisen zu essen. Für diesen Brauch gibt es eine Reihe von Gründen:

a) Im Hohenlied Salomos wird die Tora mit Honig und Milch verglichen mit den Worten: „Honig und Milch unter eurer Zunge“ (Hoheslied 4:11). Am Tag der Gesetzgebung erinnern wir uns an diese Worte, indem wir das essen, mit dem die Tora verglichen wurde: Milch und Honig.

b) Das hebräische Wort „Chalaw“, Milch, hat in der Gematrie den Zahlenwert vierzig: Es erinnert an die vierzig Tage und Nächte, die Mose auf dem Berg Sinai zubrachte, bis er die Tora und die Gesetzestafeln erhielt, um sie Israel zu geben.

c) Bis zur Gesetzgebung kannte das Volk Israel noch keine besonderen Kaschrutvorschriften. All diese Vorschriften erhielt es plötzlich am 6. Siwan auf einen Schlag, und es stellte sich heraus, dass alles Geschirr unrein war und nicht mehr verwendet werden konnte, denn in ihnen hatte man unkoscheres Fleisch gekocht und Milch mit Fleisch vermischt. Die Lösung des Problems bestand darin, dass die Menschen Milchspeisen aßen sowie Obst und Gemüse, bis das Geschirr koscher gemacht wurde und Fleisch nach den Kaschrutgeboten geschächtet wurde.

Das Buch Ruth
Vor der Toralesung am Schawuotfest werden in vielen Gemeinden die vier Kapitel des Buches Ruth gelesen. Unter den Gründen für das Lesen des Buches Ruth zu Schawuot sind zu nennen:

a) Zu Schawuot wurde König David geboren, und an diesem Fest starb er auch. Aus dem Buch Ruth erfahren wir über seine Vorfahren, Ruth und ihren Mann Boas.

b) Ruth ist der Inbegriff des wahren Proselyten. Ruth war eine Tochter des Königs von Moab, Agalon. In ihrer Entschlossenheit, sich dem Volk Israel anzuschließen – ohne dass sie dazu von äußeren Motiven oder persönlichen Beweggründen angetrieben wurde –, zögerte Ruth keinen Augenblick, den Königshof ihres Vaters zu verlassen. Mit ihren Worten brachte sie die Einstellung eines aufrichtigen Proselyten zum Ausdruck: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein G-tt ist mein G-tt.“

Das jüdische Volk unterlief beim am Berg Sinai ebenfalls einen Prozess, der einer „Konversion“ entspricht, als es die Gebote auf sich nahm und erklärte: „Alles, was der Herr befohlen hat, wollen wir tun.“

Festliturgie für Schawuot: Akdamut
Die liturgische Dichtung „Akdamut“ ist in Aramäisch gehalten und wird mit einer besonderen Melodie vorgetragen. Die Gemeinde bittet damit gewissermaßen um Erlaubnis, mit der Toralesung beginnen zu dürfen. Der Verfasser ist Rabbi Meir ben Rabbi Jizchak Nahora’i, ein Chasan (Vorbeter), der zur Zeit Raschis in Worms und Mainz lebte und im Jahr 1096 starb. Der erste Teil dieses liturgischen Gedichts beginnt mit „Akdamut Milin“ (d.h. Vorwort), einem Dankeslied an G‑tt, der die Welt erschaffen hat und die Engel, die Ihm dienen, und der das Volk Israel erwählte, damit es Ihm diene.

Jiskor
Am 2. Schawuottag wird in der Synagoge Jiskor gesagt, das Gebet im Andenken an verstorbene Eltern.

Eruw Tawschilin
Wenn auf den ersten Schawuottag unmittelbar Schabbat fällt, ist ein Eruw Tawschilin einzurichten, der es erlaubt, am Feiertag für Schabbat zu kochen und Vorbereitungen zu treffen.

Dazu nimmt man vor Feiertagsbeginn eine für den Schabbat vorbereitete Challa gemeinsam mit einem gekochten Gericht, etwa aus Fleisch oder Fisch, hebt sie empor und sagt den Segensspruch

„Baruch Ata Ado-naj Elo-henu Melech Ha-Olam, Ascher Kideschanu Bemizwotaw Weziwanu Al Mizwat Eruw“.

Dann sagt man auf Deutsch „Durch dies sei es uns erlaubt, zu backen und zu kochen und (Speisen) warm zu halten und ein Licht anzuzünden [durch Übertragen einer bestehenden Flamme, nicht durch Anzünden! – Anmerkung] und an diesem Feiertag alles für den Schabbat Nötige vorzubereiten und zu tun, uns und allen Juden dieser Stadt.“ Challa und Gericht werden dann beiseite gelegt und am Schabbat (bei der dritten Mahlzeit – Seuda Schlischit) gegessen.

© Chabad Lubawitsch Hamburg