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Kedoschim ist voll erhabener Gebote. Ein wichtiger Auftrag lautet: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“. Eine Ableitung davon lautet: „Du sollst Deinen Nächsten nicht in Deinem Herzen hassen, sondern Deinen Volksgenossen zurechtweisen, damit Du keine Sünde auf ihn lädst“ (Lev. 19:17).

 

Maimonides erklärt, wie sich das in der Praxis ergibt:

„Wenn jemand auf zwischenmenschlicher Ebene sündigt, sollte man ihn nicht hassen und schweigen. Es ist eine Mitzwa, ihn auf eine sympathische Art davon in Kenntnis zu setzen, indem man zum Beispiel sagt: „Weshalb hast Du mir dieses angetan, weshalb hast Du mich benachteiligt? Wenn der Angesprochene um Entschuldigung bittet, sollte man ihm verzeihen. Wenn man jemand sündigen sieht oder den verkehrten Weg beschreiten, sollte man versuchen, ihn wieder auf dem richtigen Weg zurückzubringen und ihm klarzumachen, dass er durch seine bösen Taten gegen sich selbst sündigen würde“. Jedenfalls sollte die Zurechtweisung erfolgen, ohne den anderen zu beschämen. Man sollte ihm deutlich machen, dass man das nur in seinem Interesse sagt und dass man an seine Zukunft denkt. Wenn der Verfehlender die Zurechtweisung nicht hinnehmen möchte, sollte man ihn so lange weiter warnen, bis der Verfehlender den Warnenden schlägt. Indem man jemand anderen zurückhalten kann und das nicht macht, wird man selbst auch für die Sünden bestraft, die man hätte vorbeugen können‘‘.

 

Vorzubeugen, dass jemand beschämt wird

„Aber Deinen Volksgenossen zurechtweisen, sodass Du keine Sünden auf ihn lädst“. Der Auftrag, vorzubeugen, dass jemand beschämt wird, gilt nur bei zwischenmenschlichen Verfehlungen. Wenn es sich jedoch um Himmlische Belange handelt, darf man Menschen WOHL in der Öffentlichkeit zu Recht weisen, so wie alle Propheten das gemacht haben.

Wenn man den Nächsten nicht zurechtweisen will, weil er es nicht verstehen würde, oder wenn man ihm im Herzen vergeben hat – im zwischenmenschlichen Bereich – ist das eine gute Sache. Die Thora will nur verschleierten (unterdrückten) Hass verhindern.

 

Manchmal ist ein Vergehen aus Versehen vorzuziehen

Die Mitzwa, den Nächsten zurechtweisen, gilt nicht immer. In manchen Fällen sagen wir, dass es für Menschen besser ist, ein Vergehen aus Versehen zu begehen und es nicht absichtlich zu tun (B.T. Bawa Batra 60b). Rabbi Mosche Isserles (Orach Chajim 608) schreibt, dass es für Menschen oft besser ist, eine Übertretung versehentlich zu begehen, als absichtlich zu sündigen, nachdem sie getadelt worden sind.

Indem Menschen auf Fehltritte Aufmerksam gemacht werden, wissen diese, was sie tun und sie machen alles absichtlich. Aber dieses gilt nur bei etwas, dass nicht deutlich in der Thora steht (obwohl es wohl aus der Thora stammt). Einem Verbot, dass in der Thora ganz klar vermerkt wird, hat man gegenzusteuern.

 

Wann man Rache befürchtet, ist man nicht verpflichtet, zu warnen

Menschen, die absichtlich sündigen, sollte man doch warnen, auch wenn es klar ist, dass sie dieses nicht akzeptieren würden. Jedoch besagt Magejn Awraham (17. Jahrhundert), dass wenn man wegen der Zurechtweisungen gehasst wird und Rache befürchtet, man nicht verpflichtet sei, zu warnen (608:3). Jemanden, der sein Judentum komplett an den Nagel hängt, braucht man auch nicht zu Recht zu weisen. Jedoch sagen verschiedene Erklärer, dass wenn man hieran zweifelt, man es doch tun sollte. Gerade heutzutage gilt es, dass man auf eine sympathische Art versuchen sollte, Menschen ins Judentum hineinzuziehen. Letztendlich gilt die Talmudische Aussage als Hauptregel: „Genauso, wie es eine Mitzwa (gebot) ist, Dinge, die gehört wurden, zu sagen, ist es eine Mitzwa, Deinen Mund zu halten, wenn es doch nicht gehört, wird“.

 

Können wir einander wohl lieben, wie uns selbst?

Schöne Gedanken, aber können wir einander wohl lieben, wie uns selbst? Ja! Im Thora-Denken wird das Jüdische Volk als EIN großer Körper betrachtet. Jedes Individuum bildet in gewissem Sinne EINES seiner Organe. Manche haben die Funktion des Kopfes (die Gelehrten), andere bilden den Rumpf (diejenigen, die G“tt auf mehr emotionale Art dienen) und wieder andere bilden die Füße, die den ganzen Körper tragen. Das Judentum bildet EIN integriertes und zusammenhängendes System. Wenn der „niedrigste Teil“ hiervon schlecht funktioniert, leiden auch die höheren Bereiche darunter.

Das andere ist das Teil vom eigenen „ich“. Wenn man einen anderen hasst, verwirft man im Grunde einen Teil von sich selbst. Deshalb schlägt es auf einem heftig zurück!

 

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin