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Ihr seid Kinder von Haschem

Lesezeit: 4 Minuten

„IHR SEID KINDER VON HASHEM“ (14:1).

Schabbat Parschat Re’eh ist der erste Tag von Rosh Chodesh Elul.

Wir sind noch mitten im Urlaub, aber wir haben bereits damit begonnen, den Beginn des neuen Jahres vorzubereiten. Neujahr ist bei uns kein Feuerwerk, keine Apfelklappen und Ölbälle und kein Champagner. Während des Monats Aw fasteten wir über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Rabbi Chaim ben Isaak aus Woloschin (19. Jahrhundert) fragt, warum wir heute noch um den Verlust des Tempels trauern.

Im Talmud gibt Rabbi Jochanan die Antwort auf diese Frage.

Durch Kamza und Bar-Kamza wurde Jerusalem zerstört. Es war einmal ein Mann, der eine großes Fest geben wollte. Sein Freund hieß Kamza, während Bar-Kamza sein eingeschworener Feind war.

Der Mann befahl seinem Diener, Kamza einzuladen, doch der Diener machte einen Fehler und lud Bar-Kamza ein.

Als der Gastgeber Bar-Kamza unter den Gästen sah, entbrannte er in großer Wut; Bar-Kamza musste hinaus! Bar-Kamza flehte seinen Gastgeber an, ihn nicht zu beschämen und bot ihm sogar an, das ganze Fest zu bezahlen. Sein Erzfeind war unnachgiebig. Er wurde von dem Fest verwiesen.

Bar-Kamza sann auf Rache und sagte sich: “Große Gelehrte saßen an der Tafel, und niemand ist für mich eingetreten. Ich werde dem römischen Kaiser mitteilen, dass die Juden einen Aufstand begehen wollen. Meine Rache wird süß sein “.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die römischen Legionen erhoben sich gegen Jerusalem und steckten den Tempel in Brand. Die fast zweitausend Jahre dauernde Diaspora hatte begonnen.

Es war unbegründeter Hass, der diese große Tragödie auslöste, die das Ende der Unabhängigkeit Israels markierte und die Juden über die ganze Welt verteilte.

Es herrschte viel Hass zwischen ihnen und die Menschen hatten nicht genug miteinander zu tun. Sie haben den anderen in der Öffentlichkeit beschämt.

Rabbi Chaim ben Isaak aus Woloschin, der oberste Vertreter der litauischen Orthodoxie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, geht tiefer auf die Frage ein, warum wir noch heute – fast zweitausend Jahre später – um den Verlust unseres Nationalheiligtums trauern.

Trauern ist die Kehrseite der Liebe. Im zwischenmenschlichen Bereich sitzen wir Schiwa über den Verlust eines geliebten Menschen. Trauer bedeutet, dass wir mit jemandem verbunden waren. Kummer drückt unsere Gefühle der Verbundenheit mit einer anderen Person aus. Die Trauer um den Verlust eines Menschen dauert jedoch nur ein Jahr; danach schwillt sie langsam ab und der Verlust wird Teil des Lebens.

Bis zum Wiederaufbau des dritten Tempels sitzen wir jedoch Schiwa um den Verlust des Heiligtums, das einst das Zentrum unserer geistigen Inspiration war und Jerusalem seinen besonderen Status verlieh.

Der Verlust des Tempels ist nur das Ende trauriger Ereignisse. Das Heiligtum hatte seine Funktion verloren, weil das Judentum nicht mehr in den Herzen der Menschen lebte.

Die Geschichte von Kamza und Bar-Kamza stellt keine historische Beschreibung einer Kette von Ereignissen dar, die einer Beziehung von Ursache und Wirkung von Kriegshandlungen bis zum Fall Jerusalems zugrunde liegen.

Die wahre Ursache lag in den schlechten inneren Verhältnissen zwischen den Juden selbst, und deshalb trauern wir auch heute noch.

Wie leben in einer Krisenzeit, sowohl im körperlichen wie im geistigen Sinn. Viele Menschen sind verängstigt und das nicht ohne Grund.

 

Juden außerhalb Israel sind immer eine Minderheit. Selbst in Israel sind wir ein kleines Volk mitten in einem Meer Andersdenkender. Ist das unser Schicksal? Sind wir wirklich so schwach?

In der Thora steht, dass G“tt uns nicht ausgewählt hat, da wir so zahlreich und Viele sind. Die Thora verspricht uns, dass wir immer ein sehr kleines Volk bleiben werden: „denn Ihr seid das Kleinste unter den Völkern“ (Deut. 7:7). Aber das heißt nicht, dass wir schwach oder ängstlich sein sollten.

ATOM UND EINHEIT

Betrachten wir mal das Atom, das kleinste Teilchen in dieser materiellen Welt. Das Atom bedeutet unteilbar, aber dieses hat sich mittlerweile als falsch erwiesen. Das Atom kann wieder in vielen Einzelteilen gespalten werden. Die Kraft eines Atoms ist gewaltig. Eine Atombombe entwickelt ihre vernichtende Kraft gerade beim Spalten dieses kleinsten Teilchens. Kraft und Energie befinden sich oft in kleinen, beinahe unsichtbaren Dingen.

Unsere Stärke ist nicht so sehr unsere Menge, sondern liegt gerade in unserer Qualität. An dieser müssen wir arbeiten, um unsere geringe Anzahl zu kompensieren.

Unser Zusammenhalt ist von lebenswichtiger Bedeutung. Wenn wir bedroht werden, ist der Zusammenhalt groß. Fühlen wir uns weniger bedroht, ist der Zusammenhalt merklich geringer. „Ihr seid Kinder von HaShem“ aus dem Anfang meiner Ausführungen, geht auf dieses Thema ein.

„Kinder von HaShem“ bedeutet, dass wir immer G“ttes Kinder bleiben werden, was wir auch tun oder getan haben.

Das hat einen Vorteil, aber auch einen Nachteil: auch nicht solche gute Menschen sind Teil unseres Volkes. Aber für Jeden gibt es einen Weg zurück.

Aus diesem Grund sind wir jetzt auf dem Weg nach Rosch Haschana und Jom Kippur.

Bis jetzt haben wir Teshuwa aus Bitterkeit gemacht. Allmählich machen wir Teschuwa aus Jira, Angst vor G’d.

Und mit Sukkot machen wir Teschuwa aus Ahava. Liebe zu G’d und meinen Mitmenschen. Wir nehmen die vier Pflanzenarten und zeigen unsere Einheit.

Erst dann bekommen wir die Beracha. Ich stelle dich vor die Beracha und Kelala, Segen und Fluch.

„Ihr seid Kinder von HaShem“ soll heißen, dass Jeder in sich einen G“ttlichen Funken beherbergt und immer mit dem Allmächtigen verbunden ist.

Selbst wenn wir uns im tiefsten Tal befinden sollten, gibt es immer Hoffnung. Das bedeutet nicht, dass wir persönlich alles überleben werden, aber für das Jüdische Volk als Ganzes gibt es immer eine Zukunft.

Und diese Zukunft ist am Besten, wenn wir uns auf uns selber besinnen und unser eigenes ICH in den Mittelpunkt stellen.

Die Quintessenz ist: verbunden zu sein mit dem Höchsten, den oder das es auf dieser Welt gibt.

Ein schöner Gedanke auf dem Weg zu Elul und Rosh Hashana…

 

© Oberrabbiner Raphael Evers

Foto: The Liberation of Slaves (Henry Le Jeune, oil on canvas, 1847)

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag