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Kennen Sie eigentlich…..: Paul Celan – Todesfuge

Lesezeit: 3 Minuten

Paul Celan – Todesfuge 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

 

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Paul Celan wird am 23. November 1920 als einziges Kind deutschsprachiger Juden in Czernowitz (Bukowina) geboren.

1947 ändert er seinen Familiennamen Antschel in Celan (Anagramm zu Ancel).

Nach dem Abitur im Juni 1938 nimmt Celan das Medizinstudium an der Ecole de Médicine in Tours (Frankreich) auf. Er reist über Berlin, am Tag nach der ersten Nacht der Pogrome, die von Nationalsozialisten zynisch und verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt wurden.

Nach dem Kriegsausbruch im September 1939 kehrt er zurück und beginnt ab November das Studium der Romanistik an der Universität in Czernowitz.

1940 wird der nördliche Teil der Bukowina (mit der Hauptstadt Czernowitz) sowjetisch, im Juli 1941 wird die Stadt durch deutsche und rumänische Truppen besetzt und ein jüdisches Ghetto errichtet.

1942 werden die Eltern deportiert. Im Herbst des Jahres findet der Vater den Tod im KZ, die Mutter bald darauf durch einen Genickschuß. Celan arbeitet als Zwangsarbeiter im Straßenbau und in einem Arbeitslager in Rumänien.

Im Winter 1943/44 kehrt er aus dem Arbeitslager zurück nach Czernowitz und nimmt im Herbst 1944 sein Studium wieder auf.

Ab 1945 arbeitet er als Übersetzer und Verlagslektor für russische Literatur in Bukarest.

Im Mai 1947 erscheinen zum ersten Mal Gedichte von ihm, und zwar in der einzigen Nummer der rumänischen Zeitschrift Agora, die von Ion Caraion herausgegeben wurde und die zum erstenmal nach dem Krieg wieder deutsche Gedichte druckte. Seit seinen ersten Veröffentlichungen benutzte er das rumänisierte Anagramm seines Namens (Ancel – Celan).

Im Dezember 1947 emigriert er nach Wien und siedelt im Juli 1948 nach einer Frankreich-Reise nach Paris um.

Im November 1949 macht er die Bekanntschaft von Yvan Goll.

1950 beginnt er das Studium der Germanistik und Sprachwissenschaft an der Sorbonne, Licence ès Lettres.

Seit 1959 arbeitet er als Übersetzer, freier Schriftsteller und als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der École Normale Supérieure (Rue d’Ulm). Zu seinem lyrischen Werk tritt in dieser Zeit eine umfangreiche übersetzerische Arbeit (u.a. Rimbaud, Valéry, Ungaretti, Jessenin, Mandelstam).

1968 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift L’Éphémère.

Im Herbst 1969 reist er nach Israel und Palästina.

Vermutlich am 20. April 1970 wählt der Dichter den Freitod in der Seine.

 

 

© Foto: Fair use

Sandra Borchert

Redaktion und Redaktionsleitung