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Der langjährige Vorsitzende der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft Hamburg, Stefan Hensel, ist vom Hamburger Senat für die kommenden drei Jahre zum Beauftragten für die Bekämpfung und Prävention von Antisemitismus in Hamburg berufen worden. Wir von Raawi – Jüdisches Magazin haben diese Gelegenheit genutzt, um mit Stefan Hensel über das Thema Antisemitismus in Deutschland zu sprechen.

 

Raawi: Stefan, gerade im letzten Jahr ist die Zahl an antisemitischen Übergriffen oder Straftaten enorm gestiegen. Denkst du, dass Corona auch seinen Anteil daran hat?

Stefan Hensel: Auch ich habe mir jüngst diese Statistiken angesehen und die Erklärungsversuche diesbezüglich durchgelesen. Die Zahlen sind besorgniserregend. Ebenso denke ich, dass man die Statistiken erneut und gründlich analysieren muss. Wenn wir uns z. B. Berlin anschauen, gibt es in bestimmten Stadtteilen eine hohe Zahl an antisemitische Straftaten. Hier müssen wir uns genau anschauen, was die Motivation und die einzelnen Motive der Täter sind. Man muss den islamistischen und rechtsextremen Antisemitismus betrachten und schauen, wo es Parallelen bzw. Schnittmengen gibt. Auch aus dem linken politischen Spektrum gibt es antisemitische Äußerungen, bis hin zu Übergriffen.

Ein an die Wand geschmiertes Hakenkreuz in einer Schule in Kreuzberg ist mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Artikulation von rechtsextremem Antisemitismus, sondern vermutlich ein Ausdruck von Jugendlichen, die damit irgendeine Reaktion erzeugen wollen. Hier sind pädagogische und psychologisch Ansätze gefragt, die diese Vorfälle genau ins Auge fassen, um nachhaltig und präventiv agieren zu können. Es geht dabei nicht im um Verharmlosung, sondern zielgerichtete Maßnahmen, die dem Gegenstand gerecht werden.

Ich bin der Überzeugung, dass die Corona-Pandemie definitiv zur Erhöhung der Zahlen beiträgt. Viele Menschen suchen derzeit gezielt einen Sündenbock für die herausfordernde Lage, in der wir uns alle aktuell befinden. Da bietet der Antisemitismus ein entsprechendes Ventil. Ebenso bin ich überzeugt davon, dass erstens die Bereitschaft Straftaten zu melden viel höher geworden ist und zweitens, dass viele digitale Delikte jetzt noch mehr Aufmerksamkeit erfahren, weil glücklicherweise die Infrastruktur dafür bereitgestellt wurde.

 

Denkst du, dass die deutsche Regierung genug für die Prävention von Antisemitismus tut?

Ich denke, dass das Thema durchaus ernstgenommen wird. Wir haben mit Felix Klein einen Antisemitismusbeauftragten, der eine gute Arbeit macht. Auch die Antisemitismusbeauftragten der Länder schieben durchaus gute Projekte an. Allerdings glaube ich, dass das Hauptaugenmerk gar nicht auf dem Kampf gegen Antisemitismus liegen sollte, sondern vielmehr auf dem Sichtbarmachen von jüdischem Leben in Deutschland in seiner Vielfalt . Die Sichtbarkeit des jüdischen Lebens in Deutschland ist derzeit gar nicht richtig vorhanden. Das liegt zum einen daran, dass die Community eher schüchtern ist und zum anderen liegt es sicherlich auch an der aktuellen Gefahrenlage.

 

Stefan Hensel

 

Wie sieht es mit der Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen aus? Sollte Antisemitismus als Thema in der Schule diskutiert werden?

Ich denke, das Thema Antisemitismus sollte in der Schule in einem universellen Zusammenhang behandelt werden. Ich bin der Meinung, dass es im schulischen Kontext wenig Sinn macht Antisemitismus oder Judenfeindschaft einzeln herauszustellen, weil die Möglichkeit der Identifikation, die viele Jugendliche haben, dadurch beschränkt ist. Wenn ich mit Jugendlichen in Schulen spreche, dann habe ich den Eindruck, dass viele Jugendliche mit Migrationshintergrund ihren eigenen Anknüpfungspunkt finden. Wenn wir zum Beispiel Shoah-Überlebende in die Schule mitgebracht haben, dann haben viele Jugendliche von der Flucht ihrer eigenen Familie erzählt.

So ließen sich schnell Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten finden. Ich denke, dass die Dimension der Shoah auf Anhieb nicht begreifbar ist, aber das individuelle Kleine schon. Dies gilt insbesondere in der Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen. In einer Stadt wie Hamburg in der 50 Prozent der Kinder an den Schulen einen Migrationshintergrund haben, ist das weitgefasste Thema „Diskriminierung, Flucht und Vertreibung“ ein wichtiger Anknüpfungspunkt zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus. In diesem Kontext muss die Verfolgungsgeschichte von Juden, auch aus den arabischen Ländern, mit einfließen. Man muss den Jugendlichen begreiflich machen, dass dieses Thema ein grundsätzliches humanistisches Thema ist und zeigen, dass es jederzeit wieder passieren kann.

 

Was bedeutet es für dich, Antisemitismusbeauftragter in Hamburg zu sein?

Es ist mir eine Ehre das Amt des Antisemitismusbeauftragten ausfüllen zu dürfen. Gemeinsam mit vielen anderen Hamburgerinnen und Hamburgern sowie verschiedenen städtischen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Initiativen werde ich daran arbeiten, jüdisches Leben in unserer Stadt sichtbarer und verständlicher zu machen. Ebenso wird die gezielte Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen in unserer Stadt sowie die damit verbundene Präventionsarbeit ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit als Antisemitismusbeauftragter sein.

Hamburgs Bürgerinnen und Bürger sowie die Hamburger Verwaltung werden mit meinem Team und mir verlässliche Ansprechpartner in Bezug auf Antisemitismus und jüdisches Leben in Hamburg haben. Als Antisemitismusbeauftragter und Beauftragter für jüdisches Leben in Hamburg möchte ich insbesondere Gespräche zwischen unterschiedlichen Bürgerinnen und Bürgern in unserer Stadt ermöglichen. Um diese Art von Dialogangeboten umzusetzen, wurden vom Senat bereits Mittel zur Verfügung gestellt.

 

Danke für das schöne Gespräch, Stefan. Wir wünschen für den Start in das neue Aufgabengebiet als Antisemitismusbeauftragter viel Erfolg.

 

Foto: © Senatskanzlei Hamburg