Ingeborg Rapoport
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Wer die neue Staffel der ARD – Serie Charité verfolgt hat, kam vor allem an einer Person nicht vorbei: Prof. Dr. Dr. med. Ingeborg Rapoport. Mit ihrer ruhigen und dennoch bestimmenden Art wirkt sie ohne Zweifel, wie eine passionierte und engagierte Kinderärztin, der Eltern gerne ihr Kind anvertrauen würden. Aber wer war Prof. Dr. Dr. med. Ingeborg Rapoport, wirklich?

1912 als Ingeborg Sylm in der deutschen Kolonie Kamerun geborenen, wuchs Rapoport in Hamburg auf und studierte dort auch Medizin. Von 1937 bis 1938 war sie als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg tätig. 1937 legte sie ihr Staatsexamen ab und schrieb ihre Dissertation. Die Zulassung zur mündlichen Doktorprüfung und damit die Promotion wurden ihr jedoch 1937 von den nationalsozialistischen Hochschulbehörden in Deutschland verweigert, da sie aufgrund ihrer jüdischen Großeltern mütterlicherseits als Halbjüdin eingestuft wurde. Damit wurde ihr die Studienberechtigung aberkannt.

Kurz vor der Pogromnacht emigrierte Ingeborg Rapoport in die USA. Ihre Mutter folgte ihr ein Jahr später. Da ihr Abschluss in den USA nicht anerkannte wurde, studierte sie erneut am Women’s Medical College of Pennsylvania, welches sie sich nur durch ein Stipendium leisten konnte. Außerdem war sie neben dem Studium als Assistenzärztin in Ohio tätig. 1940 erwarb Rapoport den Titel des Medical Doctors. Dieser ist war allerdings ein beruflicher Abschluss, welcher einer deutschen Promotionsleistung nicht glich. Im Laufe der Jahre spezialisierte sie sich auf das Fachgebiet der Pädiatrie: Damit gelang ihr etwas, was vielen anderen geflüchteten jüdischen Medizinern nicht gelang: In den USA beruflichen Erfolg zu finden. 1944 lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Samuel Mitja Rapoport kennen. Die beiden heirateten 1946 und bekamen vier Kinder.

Mitglied der kommunistischen Partei

Gemeinsam mit ihrem Mann trat Ingeborg Rapoport in die kommunistische Partei der USA ein und engagierte sich unter anderem gegen die Rassendiskriminierung. An den Wochenenden verteilten beide gemeinsam die Zeitung „The Worker.“ Die Presse von Cincinnati unterstellte dem Ehepaar zunehmend subversive Aktivitäten. Darunter auch den Versuch eines Anschlags auf die Wasserversorgung von Cincinnati. Als in dieser Zeit der McCarthy-Ära das House Un-American Activities Committee Ermittlungen gegen sie und ihren Ehemann einleitete, verließen sie 1950 die USA.

Nachdem sie sich zunächst in Österreich niederließen, entschied sich Familie Rapoport 1952 in die DDR zu gehen. Ingeborg Rapoport arbeitete dort als Kinderärztin und habilitierte. 1958 wechselte sie an die Charité-Kinderklinik. Samuel Mitja Rapoport wurde über die Jahrzehnte zu einem der bekanntesten Biochemiker des Landes.

Prof. Dr. Dr. med. Ingeborg Rapoport und die DDR

Politisch blieb Ingeborg Rapoport auch in der DDR aktiv. Sie wurde Mitglied der SED und verteidigte die DDR auch nach dem Mauerfall. Sie vertrat die Meinung, dass die DDR trotz der Defizite im Gesundheitswesen, in der sozialen Absicherung und im Bildungssystem der Weimarer Republik, den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland überlegen gewesen sei. Sie lobte insbesondere das Gesundheitssystem für die Gewährleistung der Gleichbehandlung aller ohne Rücksicht auf soziale Herkunft und Wohlstand. Rapoport war der Meinung, dass die moderne Gesellschaft von der DDR lernen könne, und äußerte, sie vermisse bestimmte Aspekte des Lebens in der DDR. Es sei die beste Gesellschaft, die sie erlebt habe. Rapoport war jedoch auch bewusst, dass sie mit ihrer Familie in der DDR privilegiert war und dass es auch Schattenseiten des Lebens in der DDR gab, etwa die Benachteiligung von Kindern aus bürgerlichen Familien. Ihre Ideale sah sie eher als allgemein sozialistische. Sie hoffe, meinte sie, dass es einmal einen Staat geben werde, in dem soziale Gerechtigkeit herrsche und Frieden.

Am 09. Juni 2015 erhielt Ingeborg Rapoport im Alter von 102 Jahren die lang ersehnte und hart erarbeitete Promotionsurkunde mit der Gesamtnote magna cum laude. Nach dem Motiv für Ihre Bemühungen um späte Anerkennung gefragt, sagt Ingeborg Rapoport: „Ich habe meine Promotion für die Opfer gemacht“.

Ingeborg Rapoport starb am 23. März 2017 im Alter von 104 Jahren in Berlin.

Im Nachruf der Charité heißt es:

” Prof. Rapoport war als leidenschaftliche Forscherin, engagierte Kinderärztin und Lehrerin hoch geschätzt. Dabei war sie auch immer eine streitbare Reformerin und überzeugte Sozialistin. […] Bis zu ihrer Emeritierung 1973 entwickelte Ingeborg Rapoport ihre Abteilung inhaltlich und strukturell mit dem Neuaufbau einer Station für Neugeborenen-Intensivtherapie und einer Forschungsabteilung (Schwerpunkte Hypoxie, Bilirubin, Surfactant) weiter. Damit gehörten auch die Forschungen in der Neonatologie und der Pädiatrie zu ihren Verdiensten. Nach ihrer Emeritierung war Prof. Rapoport noch bis in die Achtzigerjahre hinein wissenschaftlich tätig und engagierte sich in der Nachwuchsförderung.”

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