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„Ich bin kein Schwein” – Für eine Kunst ohne Judenhass

Lesezeit: 4 Minuten

Hamburg, 20. Oktober 2022.

Die Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HFBK) hat Mitglieder des Kollektivs Ruangrupa, die antisemitische Bilder u.a. auf der Documenta 15 gezeigt haben, als Gastprofessoren für das Wintersemester berufen. Gegen diese Entscheidung protestierten heute zahlreiche Hamburger Jüdinnen und Juden vor der Hochschule. Sie fordern von der Hochschule, die Berufungen der umstrittenen Künstler unverzüglich zurückzunehmen.

Die vermeintliche Kunst, die Ruangrupa und ihnen andere nahestehende Künstlerkollektive zeigen, setzt plakativ und sinnbildlich Jüdinnen und Juden u.a. mit einem teuflischen Schwein bis hin zur geldgierigen Sau gleich. Diese Bilder folgen jahrhundertealten antisemitischen Stereotypen. Mit dieser Darstellung wurden im Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden entmenschlicht. Auch die Wittenberger “Judensau” steht in dieser beschämenden Tradition.

Für die Initiator:innen ist daher klar: Hass gegenüber Jüdinnen und Juden zu fördern, ist keine Kunst. Während der heutigen Protestaktion am Donnerstag, vor der HFBK, sind auch Studierende angesprochen und sensibilisiert worden.

HFBK
Landesrabbiner Shlomo Bistritzky | Foto: © Armin Levy

 

Shlomo Bistritzky, Landrabbiner Hamburg: „Wir stehen für eine Welt, die auf den Respekt vor Menschen unterschiedlicher Konfessionen aufgebaut ist. Nach dem Eklat auf der documenta in Kassel hätte nur eine Entscheidung Respekt verdient: maximale Distanz zu den Verantwortlichen. Ich kann nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen kann, zwei Personen dieser Gruppe als Belohnung auch noch nach Hamburg zu holen und ihnen eine Gastprofessur anzutragen. Das ist ein Schlag ins Gesicht für Hamburgs Jüdische Gemeinde.”

 

Protestaktion vor HFBK | Foto: © Armin Levy

 

Daniel Sheffer, Stiftung Wiederaufbau Bornplatzsyangoge: „Ruangrupa und andere ihnen nahestehende Kollektive stellen Juden als Schweine dar, wie es zuvor die Nazis getan haben. Dies ist keine Kunst, das ist plumper Antisemitismus. Hamburg als weltoffene, tolerante Stadt sollte weder dieser Lehre noch den Personen auch nur einen Millimeter Platz einräumen. Nein zu Antisemitismus – schon gar nicht unter dem Deckmantel der Kunst!“

Die Entscheidung – egal, ob sie mit oder ohne Wissen des Senats getroffen wurde – ist für Hamburg eine schwere Bürde und eine große Belastung für viele Menschen jüdischen Glaubens.

Mit der heutigen Aktion wenden sich die Initiator:innen an die Öffentlichkeit, weil sie nicht dulden können, dass die Ausbildung antisemitischer Inhalte institutionalisiert wird oder Personen, die antisemitische Denkweisen fördern, einen Platz in unserer Stadt finden oder gar noch ihr Renommé als Gastprofessoren für ihren kollektiven Menschenhass steigern können. Vier Hamburger Jüdinnen und Juden – stellvertretend für viele Tausend – zeigen Gesicht und stellen öffentlich klar: “Ich bin kein Schwein”. Sie und ihre Unterstützer:innen aus der Mitte der Hamburger Stadtgesellschaft stehen ein für eine Kunst ohne Judenhass.

 

Philipp Stricharz, Erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Hamburg:

“Es ist richtig, dass, als diese Gastprofessuren geplant wurden, die documenta noch nicht stattgefunden hatte, aber nicht umsonst hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland im Vorfeld gewarnt. Genauso wie der Zentralrat wissen konnte, um wen es sich da handelt, hätte es die HfBK wissen können. Aus unserer Sicht setzt sich jemand, der BDS unterstützt, für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein, nämlich gegen die Gruppe der Juden und Israelis.

Die Ausladung der beiden Künstler ist keine heilige, unantastbare Sache. Wenn man schon nicht aufgrund des vorherigen Verhaltens von einer Einladung absieht, hätte man jetzt, nachdem die documenta stattfand und ganz Deutschland weiß, wie die documenta stattfand, die beiden ausladen müssen.“

 

 

Hintergrundinformationen:

Im Rahmen der Documenta 15, die dieses Jahr in Kassel stattfand gab es eine öffentliche Auseinandersetzung um die Werke der indonesischen Künstlerkollektive Ruangrupa und Taring Padi. Verbunden waren damit scharfe Kritik an den künstlerischen Werken und der Vorwurf, antisemitischen Hass als Kunst zu verharmlosen.

So hatte das Werk „People’s Justice”, das großflächig als Banner die Besucher:innen der Documenta 15 begrüßte, für zahlreiche Empörung gesorgt, ehe es abgehängt wurde. Viele – wie unter anderem auch der Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle – sahen in dem Werk klar antisemitische Motive. Die Installation zeigt unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ – wie der israelischen Auslandsgeheimdienst. Eine Figur wird mit Reißzähnen eines Wolfs, Schläfenlocken, Kippa und mit einer Mütze mit SS-Runen gezeigt. Vertreter verschiedeneren Institutionen warfen Ruangrupa vor, jahrhundertealte jüdische Stereotype zu bedienen und damit Antisemitismus zu schüren sowie den Holocaust zu relativieren.

Vertreter der Deutsch-Israelischen Gesellschaft bezeichneten u.a. bei einem Werk die Darstellung von vier Personen, die große Mengen Geld in Form von Geldsäcken unter sich aufteilen, als „offen antisemitisch“. Eine der Figuren sei mit langer Nase, wulstigen Lippen und hämischem Grinsen abgebildet. Auf dem Kopf trage sie eine Kopfbedeckung, die mit einem schwarzen Stück Klebeband überklebt worden sei und optisch einer Kippa ähnele.

In einem schriftlichen Statement erklärte das Künstlerkollektiv Ruangrupa daraufhin, dass in dem Werk “All Mining is Dangerous“ keinerlei antisemitische Bildsprache enthalten sei. Der Holzschnitt zeigt demnach angeblich die muslimische religiöse Führung in Indonesien und übt Kritik am weltweiten Bergbausystem und der Ausbeutung der Arbeiter.

Im Oktober 2022 hat die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK), Reza Afisina und Iswanto Hartono, zwei Mitgliedern des indonesischen Künstlerkollektivs Ruangrupa, eine Gastprofessur für das Wintersemester 2022/2023 angetragen.

Dagegen protestierten heute Hamburger Jüdinnen und Juden um 10:00 Uhr, vor der Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld.

 

 

Armin Levy

Gründer und Chefredakteur von Raawi Verlag