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DIE BIKURIM – DIE ERSTEN FRÜCHTE

„Wenn Du in das Land, das G“tt Dir als Erbgut gibt, gekommen bist, es in Besitz genommen haben wirst und da wohnen wirst, sollst Du vom Ersten aller Früchte des Bodens nehmen“ (26:1-2). Unsere Weisen sehen eine Verbindung zwischen der Opferung der Bikurim und dem in Besitz nehmen und dem Behalten von Israel. Wenn wir die Bikurim wortwörtlich in Materie erbringen, haben wir unser Recht auf das Heilige Land bekräftigt.

 

Bikurim und Berejschit

Was machte diese Mitzwa so großartig? Im Midrasch wird selbst besagt, dass Bereschit (Im Anfang) eigentlich bedeutet: „wegen des Rejschit, wegen der Mitzwa der Bikurim (Erstlinge) wurde die gesamte Welt erschaffen.

 

Die Parascha die Volkswerdung betreffend

Weiterhin kennt die Mitzwa der Bikurim noch viele besondere Aspekte, wie das Lesen des Abschnittes, der Parascha bezüglich der Volkswerdung und Erwählung von Am Jisraejl, die wir auch am Sederabend lesen (Arami owejd awi). Diese Lesung wird bei keiner anderen Mitzwa eingefordert (obwohl bei der Abgabe eines Zehntel (Ma’aserot) auch ein Widui (Erklärung) gelesen wird, hat die Erläuterung nur einen begrenzten Einfluss  und keine globale Bedeutung).

 

Dankbarkeit?

Und was ist die Auswirkung dieser Erklärung Arami owejd awi? Geht es darum, um unsere Dankbarkeit zu zeigen? Aber dann würde diese Erklärung auch bei der Erfüllung vieler anderer Mitzwot (Gebote) erfolgen müssen, die an Eretz Jisraejl (Israel) gebunden sind.

 

Sich verbeugen und danken

Derjenige, der die Bikurim erbringt, hat sich vor dem Altar tief zu verbeugen und sich vor HaSchem zu erfreuen „über all das Gute, das ER Dir gegeben hat“ (hieraus leiten unsere Weisen ab, dass die Bikurim nur während der Freude der Erntezeit, zwischen Schawuot und Sukkot,) erbracht werden können. Dieses sind besondere Vorschriften, die nur bei den Bikurim gelten.

 

Eine große Simcha

Weiterhin wird im Traktat Bikurim (3. Hauptteil) beschrieben, wie die Früchte nach Jeruschalajim mit großer Simcha (Frohsinn) gebracht werden. Als der Tempel noch bestand, bewegte sich eine farbenfrohe Menschenansammlung aus dem gesamten Land zur Hauptstadt. An der Spitze gingen Rinder, die Hörner mit Gold ummantelt, mit Olivenblättern verziert, von festlich gekleideten Jungs begleitet. Dann folgten Männer, die Körbe, mit reifen Erstlingsfrüchten voll geladen, trugen. Die Reicheren trugen ihre Früchte in einem fein verarbeiteten Geflecht aus Silber oder aus Gold. Unten lagen die ersten reifen Gerstenhalmen, darauf die Weizenhalme. Die Oliven und die Datteln, die Feigen und die Granatäpfel waren da geschmackvoll ringsherum angeordnet. Trauben an reichlich bestückten Reben hingen über den Rand. Darum herum flatterten junge Tauben und anverwandtes Flügelgetier, an den übervollen Körben fest gebunden, um bald als Opferungen auf dem Altar erbracht zu werden.

 

Arbeiter stoppten ihre Arbeit

Morgens weckte jemand sie mit dem Ruf auf: „Auf, lass uns nach Zion gehen, zu unserem G“tt“ (Jesaja 31:5). Die Einwohner von Jerusalem schnellten den Besuchern entgegen. Die Arbeiter hielten mit dem Arbeiten inne, standen vor denen auf und sagten: „Friede sei Euer Kommen, Brüder aus weit entfernten Städten“.

Jeder gab seine Früchte dem Kohen, der sie vor dem Altar hin legte und jedem die Thora-Worte vorsprach: „Ein Aramejer, der drohte, zu Grunde zu gehen, war mein Vater Ja’akov. Er stieg nach Ägypten hinab, wohnte dort mit wenigen Menschen, wurde dort zu einem mächtigen, zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, legten uns schwere Arbeit auf…“ (26:5-6).

 

Berov am hadrat melech

So eine massenhafte Ausübung an Mitzwot (berov am hadrat melech) finden wir nirgendwo anderweitig. Auch die Begrüßung und der Segen (Beracha) durch die gesamte Berufsbevölkerung stehen nur bei den Bikurim beschrieben.

 

Einen Strohhalm darum binden

Bemerkenswert waren auch die Vorbereitungen. Im Frühling oder im Jahresanfang (gilt für Israel), als die ersten Früchtchen zu wachsen begannen, ging der Bauer jeden Tag nachsehen, welche Früchte die Ehre haben würden, um nach Jerusalem gebracht zu werden. Die ersten reifen Früchte wurden ganz genau wahr genommen: sorgfältig band der Bauer einen Strohhalm um die ersten reifen Feigen, Granatäpfel, Datteln und Oliven.

 

Weshalb die Bikurim so besonders waren

Weshalb die Bikurim so besonders waren, wird durch den Midrasch Tanchuma erläutert, der besagt, dass Sich G“tt gerade in dieser niederen und materiellen Welt eine „Wohnung“ mittels der Ausübung der Mitzwot (Gebote) errichten lassen möchte.

 

Der Gewinn dieser Welt

In den Hohen Himmelssphären gibt es allerlei Wesen und Engel, die keine schlechten, irdischen Neigungen kennen und G“tt durchgehend dienen. Der „Gewinn“ dieser Welt besteht darin, dass der Widerstand gegen alles, was mit G“tt und der Thora zu tun hat, enorm stark ist. Es muss die Beseitigung vieler Hindernisse geschafft werden, um den Jejtzer Hara, den bösen Trieb, zu überwinden.

 

die Belohnung steht im direkten Verhältnis zur Mühe

Ben Hej Hej sagte es bereits in den Pirkej Awot: „Der Anstrengung entsprechend ist auch die Belohnung“ (5:23). Die Belohnung für das Studium der Thora und für das Ausüben der Mitzwot ist von der Menge an Mühe abhängig, die man sich dafür abverlangte und vom Maß an Unbequemlichkeit, das man verspürte.

Thora-Weisheit wird nur erlangt, wenn man sie mit tiefer Achtung, in Anwesenheit seines Lehrers, erlernt. Ein oberflächliches Lesen und ein nonchalantes Lernen erbringen keine Thora-Weisheit und haben wenig Wert (Rambam). Rabbi Jehuda Hanassi (Rabbejnu Hakadosch), der Autor der Mischna, beendete die Pirkej Awot mit dieser Aussage, um auf zu zeigen, dass beim Lernen und bei der Aneignung guter Eigenschaften, die Belohnung im direkten Verhältnis zur Mühe und zur Unbequemlichkeit steht, die damit einher gehen (Tiferet Jisra’ejl).

 

Der Höhepunkt des irdischen Genusses

Der Bauer hatte sich ein Jahr lang auf die Ernte vorbereitet und darf endlich die Früchte seiner Knochenarbeit pflücken. Die neuen Früchte sind seine größte Freude. Und was macht der Jüdische Bauer: auf dem Höhepunkt seines irdischen Genusses und Stolz verschenkt er und opfert unter dem Motto: „Der Erste soll das Erste dem Ersten bringen an die Stelle des Ersten von allem“.

Das Jüdische Volk wird das Erste genannt. Dieses erste Volk hat die Früchte dem Kohen zu bringen, der die Speerspitze im Tempel bildet. An erster Stelle ist der Jerusalemer Tempel. Nach dem Ersten der Welt ist G“tt. Wir zeigen, dass alles G“tt gehört. Die Versuchung ist groß, die neue Ernte direkt an uns zu nehmen. Aber wir zeigen unsere Dankbarkeit, indem wir G“tt die ersten Gaben opfern.

 

Mit „allem, was Du schaffst“

Hierfür wurde die gesamte Welt erschaffen. Dieses ist die ultimative Art von Weihen, Heiligen und G“tt dienen  mit „allem, was Du schaffst“ (wie es im Schema steht: bechol me’odecha, mit etwas, was in Deinen Augen enorm geliebt wird. Gerade damit erfüllst Du die Mitzwa, um G“tt zu lieben). Dieses trat gerade bei den Erbringern der Bikurim sehr stark in den Vordergrund.

Deshalb wurde sie so ehrenvoll in Jerusalem empfangen. Obwohl Facharbeiter und Menschen, die mit ihrer Arbeit beschäftigt waren, nicht vor Gelehrten auf zu stehen brauchen (Kidduschin 33a), standen sie doch vor den Überbringern der Bikurim auf, da sie ihre am meisten geliebten, ersten Früchte an HaSchem, nach einem langen Jahr der schweren Arbeit, erbrachten.

 

Erde symbolisiert das materielle Verlangen

So kann man auch einen bekannten Meinungsunterschied verstehen (Bereschit Rabba 1:15): „Das Bejt Schammai sagt, dass zuerst der Himmel und erst danach die Erde erschaffen wurde. Aber Bejt Hillel sagt, dass die Erde zuerst erschaffen wurde. Rabbi Schimon bar Jochai sagt: „Ich bin über diese „Awot Olam“, Väter der Welt, erstaunt, dass sie hierüber einen Meinungsunterschied haben. Ich meine, dass der Himmel und die Erde gleichzeitig erschaffen wurden“.

Die Erklärer fragen sich, was sich für praktische Unterscheide aus diesem Meinungsunterschied ergeben?

Aber da geht es hier nicht drum. Bejt Schammai meint, dass es um den Himmel geht. Das bedeutet, dass das Ziel der Schöpfung aus seiner Sicht die Himmlischen Dinge sind, das Lernen der Thora und der G“ttesdienst.

 

die Steigerung der irdischen und materiellen Dinge

die Steigerung der irdischen und materiellen Dinge Bejt Hillel besagt, dass die Erde zuerst erschaffen wurde, da es davon aus geht, dass das Ziel der Schöpfung die Steigerung der irdischen und materiellen Dinge sei.

Rabbi Schimon bar Jochai meint, dass der Himmel und die Erde gleichzeitig erschaffen wurden, da es nichts ausmacht, ob Du nun den ganzen Tag mit der Thora beschäftigt bist oder ob Du einen irdischen Beruf ausübst, wenn man nur Himmel und Erde mit einander in Kedduscha (Weihe) kombiniert. Denn da geht es im Judentum darum: das Himmlische und das Irdische zusammen bringen.

(Rabbi Schimon bar Jochai nennt Schammai und Hillel die „Awot Olam“, die Väter der Welt, da ihre Neschamot (ihre Seelen) durch G“tt bei der Schöpfung des Menschen zur Beratung hinzu gezogen hatte über das wie dieser Schöpfung (wenn die Thora sagt, dass G“tt den Menschen erschaffen wollte, steht da das Wort „na’asse“. Dieses sind sie Anfangsbuchstaben von nimlach im Schammai Hillel – Er überlegte mit Hillel und Schammai)).

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin

Foto: Offering of the first fruits, illustration from a Bible card