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Vor zwölf Jahren sprach ich mit einem berühmten Rabbiner über Jom Kippur,

Er betonte, dass fünf Minuten Gebet mit Verstehen, Gefühl und persönlichem Eingebunden Sein wichtiger seien, als fünf Stunden nur Lippenbekenntnisse. Auch betonte er, dass man unmöglich von sich selbst erwarten darf, durch jedes Gebet emotional und gefühlvoll tief berührt zu werden.

Bist Du nicht gut in Hebräisch? Mache Dir keine Sorgen! G“tt versteht jede Sprache.

Als ein liebendes Elternteil weiss G“tt, was in Deinem Herzen vor sich geht. Der Rabbi setzt seine Aussagen mit der Angabe fort, dass es gerade bei Themen, die Dich speziell betreffen oder berühren, wichtig ist, sich länger damit zu befassen.

 

Lasse die Worte Dich durchdringen, fühle sie.

Und wenn Du tapfer bist, schließe Deine Augen und sage die Worte immer wieder aufs Neue.

 

Befürchtest Du, nicht mehr mitzukommen?

Beim nächsten Gebet kannst Du Dich doch wieder einklinken. Werde Dich bewusst, so setzte der Rabbi fort, dass Millionen und Abermillionen Juden weltweit gerade an diesem Tag die Synagoge besuchen. Durch Deine Anwesenheit bezeugst Du deutlich Deinen Anteil am Judentum und am Jüdischen Volk.

 

AUSSCHLIESSLICH NUR FÜR DIE ORTHODOXIE?

Wichtiger Rat an all diejenigen, die es bereits weit im Judentum gebracht haben: Aber wie ist es mit dem Atheisten, mit dem fünften Sohn vom Seder?

 

Mit den Abseitsstehenden, mit den Menschen, die meinen, dass sie an nichts glauben?

Für den säkularen Juden ist Jom Kippur der problematischste Tag im Jüdischen Kalender. Für Pessach, Schawuot, Sukkot, Chanukka und Purim gibt es eine natürliche, geschichtliche, nationale oder intellektuelle Grundlage. Die Hohen Feiertage jedoch bereiten ein Problem. An Jom Kippur scheint es ausschließlich um unsere Verbindung zu G“tt zu gehen.

 

Wenn Du chas weschalom Mühe mit dem Glauben hast, was sollst Du dann in der Synagoge machen?

Fasten, Beten?

Zahlreiche säkulare Israelis störten sich überhaupt nicht an den Hohen Feiertagen, arbeiteten oder veranstalteten Partys hinter verschlossenen Türen. Heutzutage machen sich Viele für eine neue Auslegung und Inhalte der Hohen Feiertage stark. Im Grunde sind die Hohen Feiertage, mit dem Höhepunkt NE’ILA (Schlussgebet), zu Jom Kippur, die am meisten menschengerechten Feiertage des Jüdischen Jahres. In meinen Unterredungen mit verschiedenen Studenten überprüfe ich immer das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ein Gefühl, dass die Jüdische Tradition wohl interessant ist, aber ansonsten nicht wirklich wichtig für die Erfüllung unseres persönlichen Lebens.

Abseitsstehenden fügen hier an, dass sie sich durch „die orthodoxe Verschlossenheit“ ausgeschlossen fühlen und nicht ernst genommen werden.

 

Womit beschäftigen wir uns?

KEINE REGELN, ABER MITMENSCHLICHKEIT

Die meisten Kulturen feiern ihr Neujahr mit Paraden, Trinkgelagen oder mit nur gemütlichem, entspanntem Zusammensein und Berliner Ballen essen. Das Judentum hat mehr zu bieten, auch auf dem Gebiet höherer Menschenwerte und moralischer Prinzipien. Vielleicht scheint es, dass es in den letzten Jahren anders aussieht, aber das Judentum ist hauptsächlich auf den Menschen ausgerichtet. Jom Kippur ist ein gutes Beispiel.

Obwohl Askese, Enthaltsamkeit und Selbstpeinigung als Wege der Frömmigkeit scheinen, gibt die Thora nur EINEN Fastentag pro Jahr vor.

 

Was ist der Inhalt dieses Fastens?

Ich lasse den Propheten Jesaja selbst das erklären vor 2700 Jahren:

„Nennet Ihr das Fasten, einen Tag, der Haschem gewidmet wird? Ist das nicht das Fasten, das ICH (also Haschem) erwähle: Unterdrückte freizulassen und jedes Joch zu durchbrechen?

Ist es nicht dass Ihr für die Hungernden das Brot brechet und arme Flüchtende in Euren Haus bringet?

Ja, wenn Ihr einen Nackten sehet, dass Ihr ihn kleidet und Euch nicht abwendet von Eurem eigenen Fleisch und Blut?

 

Dann wird Euer Licht als Tagesanbruch erscheinen…“(58:5-10).

Wenn wir beim WIDUJI – dem Sündenbekenntnis – an Jom Kippur gut

aufpassen, sieht es so aus, dass der wesentlich grössere Teil der Verfehlungen auf der zwischenmenschlichen Ebene liegt.Und dort liegt das grosse Problem…..

 

KEIN MILLIMETER WEITER

Wir sind schwach und verwundbar. Aber jedes Jahr, gegen Ende der zehn Tage der innerlichen Einkehr, begreifen wir, dass wir es absolut wieder nicht geschafft haben, auch nur einen Millimeter weiterzukommen.

Ja, wir haben einen Anfang gemacht, aber haben es nie zu Ende gebracht. Wir fühlen uns schuldig. Wir fragen uns, ob wir dieses Jahr wieder dieselben psychischen Schmerzen durchstehen müssen, wo letztendlich sich doch nicht viel verändert hat.

 

Weshalb müssen wir beginnen, wenn wir es doch nicht zu Ende bringen?

Mosche zog mit den Juden vierzig Jahre durch die Wüste. Er wusste, dass er Eretz Israel nicht betreten würde.

Er stand dort an der Grenze zum Heiligen Land und „sonderte drei Städte am anderen Ufer des Jordan aus“

(Devarim/Deut. 4:41).

Diese Zufluchtsstätte waren für Menschen bestimmt, die sich unglücklicherweise des Totschlags schuldig gemacht hatten und vor der Blutrache fliehen mussten. Dieses ist schwer zu verstehen: Mosche befand sich mitten in einer ernsthaften Ansprache über Normen und Werte. Plötzlich meldet die Thora, dass es drei Zufluchtstädte benannt hat.

Konnte Mosche nicht doch warten, bis er seine Gewissenspredigt, seine ernsthafte Ansprache, beendet hatte? Diese drei Fluchtorte an der anderen Seite des Jordan würden erst ihre Funktion beginnen, wenn die Fluchtorte in Israel auch ihren Zweck erfüllen würden.

Mosche Rabejnu wusste, dass er nie im Stande sein würde, alle sechs Fluchtorte, d.h. einschließlich der drei an der israelischen Seite des Jordans, einweihen zu können. Denn er durfte die Juden nicht in Israel hineinführen.

 

Welchen Sinn ergibt es, eine Mitzwa, eine gute Tat, zu beginnen ohne diese zu Ende zu führen?

Mosche jedoch schafft die Fundamente für die kommenden Ebenen der Mitzwa. Auch wenn er sie nicht selbst beenden kann, beginnt er doch damit.

Aber wir sind wieder allen zu der Synagoge gekommen. Wir sind wieder – erneut anfangen, G“ttes Anweisungen zu befolgen. Und das ist bereits ein gewaltiger Schritt nach vorne. Die Bereitschaft allein bringt den Menschen schon auf eine höhere Ebene. Wir sind uns nie gewiss, ob wir die Mitzwa von Tschuwa, Rückkehr werden erfüllen können. Wenn die Hohen Feiertage vor der Türe stehen, wissen wir nie genau ob wir wirklich Tschuwa werden machen oder ob es uns gelingen wird, mit unserem Mitmenschen ins Reine zu kommen. Und doch müssen wir den Versuch nicht aufgeben, müssen wir dranbleiben. Es geht nicht so sehr darum, was wir erreichen.

Wir sind ein Leben lang unterwegs, um Besserung zu erreichen und Tikun Ha’Olam.

Es geht darum, wie intensiv wir etwas versuchen.

Liebe Freunde, gemar chatima towa, ein Schana Towa Umetuka, hier und in Israel, ein Jahr von Frieden und Wohlergehen, für jeden von Ihnen und für alle, das wünsche ich Ihnen!

 

Oberrabbiner Raphael Evers