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Eine dritte Eigenschaft, die außerordentlich wichtig für den Erhalt der eigenen religiösen Identität ist, heißt Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber unseren Eltern, die uns eine so schöne, Jahrhunderte alte und durchdachte Tradition mitgegeben haben und Dankbarkeit gegenüber HaSchem, dass ER uns und unsere Vorfahren so intensiv inspiriert und uns über die graue irdische Wirklichkeit hervorgehoben hat.

 

ein neuer König den Jossejf nicht gekannt hatte

Die Unterdrückung und die Sklaverei in Ägypten begann mit der Mitteilung in der Thora, dass „ein neuer König aufgestanden sei, den Jossejf nicht gekannt hatte“ (Schemot/Ex. 1:8). Über das Unwissen von Jossejf gibt es im Talmud zwei Meinungen, die von Rav und Schmu’ejl. Der Eine sagt, ein neuer König sei tatsächlich aufgestanden, aber der Andere besagt, dass die der alte Pharao sei, der nur eine neue Politik den Juden gegenüber einstielte. Beide Ansichten oder Meinungen sind sich jedoch darüber einig, dass der alte oder der neue Pharao beide genauso undankbar gegenüber dem waren, was Jossejf an Gutem gemacht hatte, um Ägypten von einem gewissen ökonomischen und physischen Untergang zu retten. Anstatt die Juden zu verfolgen, hätte er sie auch dankbar respektieren können oder zumindest dulden.

Aber die Pharaonen waren grausam, sicherlich gegenüber Fremdlingen. Jüdische Kinder wurden als Bausteine in den Vorratsstädten Pitom und Ra’amses zu Tode gequetscht, Babys wurden im Nil ertränkt und der Pharao badete im Blut jüdischer Kinder, wenn er wieder mal von seinem Aussatz oder der Lepra geplagt wurde.

 

Eine paranoide Projektion

Der Pharao war auch einigermaßen paranoid und opferte ein ganzes Volk seinen Ängsten und Rassenwahn. So wie wir oft in der Geschichte unseres Volkes sehen, projektiert der Feind seine eigenen Neigungen auf unschuldige Menschen. Der Pharao war ein aggressiver Mann und dachte auch so über Andere. Obwohl die Juden in Ägypten sehr zahlreich waren, wie die Thora das bezeugt, lebten sie abseits von den Ägyptern und hegten keine Pläne, die Macht in Ägypten zu übernehmen. Die Ägypter vergötterten Schafe und konnten deshalb nicht mit den Jüdischen Schafhirten an einem Tisch sitzen, wie das die Thora ausdrücklich vermerkt, aber andererseits wollten die eindeutig monotheistischen Juden so wenig wie möglich mit der sie umringenden heidnischen Kultur zu tun haben, die komplett den Prinzipien des Jüdischen Glaubens widerspricht.

 

Theorien der Verschwörung

Der Pharao entscheidet in einem unpassenden Augenblick, dass die Jüdischen Menschen schlechte Absichten hegen würden und ihn von seiner Macht berauben wollten. Er projektiert seine eigene Aggression, seinen Expansionsdrang und seine Herrschsucht auf die Juden: „Der Pharao sprach zu seinem Volk: ‚schaut her, die Kinder Israels sind mehr und stärker als wir. Kommt, wir sollten weise ihnen gegenüber handeln, so dass sie nicht noch mehr werden und wenn irgendwann ein Krieg ausbricht, würden sie sich mit dem Feind zusammentun können und aus dem Land wegziehen“ (Schemot/Ex. 1:9-10). Der Pharao befürchtete, dass die Juden sein Land verraten würden und die Macht an sich reißen könnten. Mit den Worten „aus dem Land wegziehen“ meinte er eigentlich sich selbst und sein eigenes Volk, aber da der Pharao nichts Schlechtes oder Nachteiliges über sichselber und sein eigenes Volk sagen wollte, projektierte er das Verlassen aus Ägypten auf die Juden.

 

Zwei komplett gegensätzliche Persönlichkeiten

Was der Pharao über die Juden sagte, sprach eigentlich mehr über ihn selbst. Er warf den Juden Undankbarkeit für seine Gastfreundschaft zur Zeit der Hungersnot vor, während er der Prototyp von Undankbarkeit gegenüber dem Jüdischen Volk war, da er Jossejfs Rettung nicht mehr anerkannte.

In der Thora sind die Hauptrollenspieler meistens zwei vollkommen gegensätzliche Persönlichkeiten. Das Wort Pharao bedeutet eigentlich – Kabbalistisch betrachtet – „enger Nacken oder Hals“. Der Hals verbindet das Gehirn mit den Gefühlen im Herzen. Aber wenn die Verbindung schwach und eng ist, tröpfelt nur wenig aus dem Gehirn zum Gefühlsleben durch. Der Pharao wusste viel, selbst sehr viel, aber sein Gefühlsleben war bitterarm. Er kannte Jossejf wohl ordentlich, aber er bekämpfte ihn und alles, wofür dieser stand, in lauten Tönen.

 

Die dritte Säule unserer Kontinuität

Jossejf war der Mann der Dankbarkeit. Dieses tritt in einer Erklärung von Rabbi Mosche ben Nachman, Nachmanides (1194-1270) in der Episode in den Vordergrund, in der Sulaika, die Frau von Potiphar, versuchte, Jossejf zu verführen. Als Jossejf von Sulaika fluchtartig weglief, hielt sie nur seinen Mantel oder sein Kleid in ihren Händen zurück. Jossejf war zweifelsohne viel stärker als Sulaika. Er weigerte sich jedoch, diesen einzigen Beweisgegenstand der versuchten Verführung aus ihren Händen zu zerren. Er hätte sich damit 12 Jahre Gefängnis ersparen können, aber er weigerte sich Sulaika, als Frau seines Meisters Potiphar, zu beleidigen und ungebührend zu brüskieren, indem er sein Kleidungsstück aus ihren Händen gezerrt hätte. Jossejf blieb ein Gentleman. Seine Ehrerbietung und Dankbarkeit, Potiphar gegenüber, ging sehr weit, auf Kosten seines eigenen Wohlbefindens und Selbsteinschätzung. Aber das war Jossejfs Naturell.

 

Dankbarkeit gegenüber paranoider Undankbarkeit und Unmenschlichkeit

Unsere Dankbarkeit, unseren Eltern gegenüber, die uns unsere religiöse Tradition geschenkt haben und unsere Dankbarkeit G“tt gegenüber, für alles, was ER uns durch die Offenbarung und Tradition beigebracht hat, bilden die dritte Säule unseres ewigen Glaubens und unseres Weiterbestehens in der Reise der Völker!

 

Shabbat Shalom!

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin