Tu biSchwat higia – Chag la’ilanot

Während es in Deutschland gegen Ende des Winters noch dunkel und kalt ist, stehen die ersten Bäume in Israel schon in Blüte. Überall sieht man die rosa und weißen Blüten der Mandelbäume, die andeuten, dass der Frühling sich nähert. Es ist Tu Bischwat, das Fest, an dem alle Bäume EIN Jahr älter werden. Aber weshalb haben eigentlich Bäume einen Geburtstag? Weshalb ist es wichtig, zu wissen, wie alt ein Baum ist?

 

Einen Anteil für die armen Menschen

In der Thora befinden sich viele Vorschriften, die sich auf die Landwirtschaft beziehen. Das Wichtigste ist, dass wir die Ernte von dem, was auf den Feldern wächst, nicht insgesamt für uns behalten dürfen. Ein Teil davon soll für die Priester, für die Leviten und für arme Menschen abgezweigt und denen weiter gereicht werden. In der Geschichte von Ruth, die wir an Schawu’oth lesen, befinden sich hierzu einige Beispiele. So darfst Du das, was an den Ecken Deines Feldes wächst, nicht mit mähen, sondern es soll als Teil der Ernte für arme Menschen dort verbleiben.

 

Tu Bischwat hat mit den Regeln für Obst und Obstbäume zu tun. Wenn jemand einen Baum pflanzt oder einen Setzling in die Erde steckt und es entstehen Früchte daran, dürfen die Früchte die ersten drei Jahre nicht gegessen werden. Um zu erfahren, wie alt ein Baum ist, gibt es einen festen Geburtstag für Bäume. An Tu Bischwat, am fünfzehnten des Monats Schwat, werden alle Bäume gleichzeitig EIN Jahr älter. Ein anderer Name für Tu Bischwat ist Rosch Haschana la’ilanot, das Neujahr der Bäume.

 

Kohanim und Levi’im: keinen Grund und Boden in Israel

Wenn ein Baum an Tu Bischwat vier Jahre alt geworden ist, dürfen wir die Früchte, die dieser dann danach hervorbringt, wohl essen, aber nur in Jerusalem. Im Jahr darauf, wenn der Baum an Tu Bischwat fünf Jahre geworden ist, darf der Besitzer mit den Früchten nach Belieben verfahren.

Aber doch nicht ganz. Er soll zuerst Teruma, einen fünfzigsten Teil, einem Kohen geben und danach Ma’assejr, ein Zehntel, an die Levi’im.

Das stammt daher, da die Priester und die Leviten keinen eigenen Grund und Boden hatten. Sie taten ihren Dienst im Bejt haMikdasch und sie waren oft Lehrer. Sie fällten auch Entscheidungen über die Halacha, sie erließen Regeln, wie die Vorschriften in der Thora in die Praxis umgesetzt werden sollten. Sie wollten hierfür nicht entlohnt werden. Die anderen Juden hatten deshalb dafür zu sorgen, dass die Kohanim und die Levi’im ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Deshalb gaben sie ihnen einen Teil ihres Einkommens. In manchen Jahren musste man außerdem ein Zehntel der Ernte an die Armen geben.

Für die Jüdische Obststeuer endet das Jahr am 14. Schwat und das neue Jahr fängt am 15. Schwat an. Man durfte keine alten Früchte geben, der 15. Schwat war der letzte Tag, an dem man die Baumfrüchte der Ernte des vergangenen Jahres weiterreichen sollte.

 

Denke an Deinen Mitmenschen

Durch alle diese Vorschriften und Regeln bleiben wir uns bewusst, dass alles, was wir besitzen, wir HaSchem (G“tt) zu verdanken haben. G“tt möchte, dass wir auch an andere Menschen denken, dass Arme ihren Anteil erhalten und dass Lehrer und Thora-Gelehrte in unserer Mitte leben können. Auch heutzutage geben wir ein Zehntel von dem, was wir verdienen, als Tzeddaka, für gute Zwecke. Die wortwörtliche Bedeutung von Tzeddaka ist „Gerechtigkeit“, auch „Rechtschaffenheit“. Laut der Thora ist Tzeddaka eine Verpflichtung für jeden, also etwas, auf das arme Menschen ein Anrecht haben.

 

Silber hinter Deinem Fenster

Es gab einst einen Rabbiner, der sich zu einem reichen Mann begab, um Geld für die Armen an zu fragen. Dieser Mann war jedoch so geizig und gierig, dass er nichts geben wollte. Der Rabbiner ging mit ihm zum Fenster und sprach: „Schaue mal hinaus und erzähle mir, was Du siehst“. „Ich sehe viele Menschen auf der Straße gehen“, antwortete der reiche Mann. „Und wenn Du Silber hinter diese Scheibe anbringen lässt, was siehst Du dann?“. Nachdem das Silber installiert wurde, sah der reiche Mann nur noch sein eigenes Spiegelbild.

„Siehst Du nun, was Dein Reichtum mit Dir macht?“, fragte der Rabbiner. „Ohne Silber siehst Du Deine Mitmenschen, und mit Silber hast Du nur noch den Blick für Dich selber“.

 

Jeder Familie ihren eigenen Grund und Boden

In Israel wachsen viele Sorten Obst, denke nur an Datteln und Oliven, Trauben und natürlich Apfelsinen, Erdbeeren und Avocados. Ab der Zeit, als das Jüdische Volk unter der Leitung von Joschua Einzug in das Land hielt, bis zum großen Exil und der Verbannung nach der Verwüstung des Bejt HaMikdasch vor fast 2000 Jahren, hatten fast alle Familien ein eigenes Stückchen Land mit darauf oft Obstbäumen. Die Landwirtschaftsgesetze hatten für alle diese Familien eine praktische, alltägliche Bedeutung. Tu Bischwat also auch.

Als viele Juden Israel verlasen mussten und die Diaspora begann, verlor Tu Bischwat seine praktische Bedeutung. Das Jüdische Volk wohnte nicht mehr im eigenen Land, sondern in fremden Ländern, in denen die meisten Vorschriften über das Geben von Teruma und Maässejr nicht galten. Zudem war das Bejt HaMikdasch zerstört worden. Die Verbindung mit dem Jüdischen Land blieb jedoch lebendig, genau so wie die Hoffnung, dass Tu Bischwat wieder eine aktuelle Bedeutung (zurück) erhalten würde.

 

Wiederbelebung in Sfat

Viele Jahrhunderte später, in 1492, wurden die Juden aus Spanien vertrieben. Sie verteilten sich über viele Länder. Ein Teil der Juden ging ins Jüdische Land zurück und ließ sich in Sfad, Safed, nieder. Sie konnten Ihren Lebenshalt durch das Halten von Schafsherden, Bienenzucht und vor allem durch die Olivenzucht bestreiten. Die Regeln, die für die Landwirtschafterzeugnisse galten, wurden wieder eifrig studiert und in die Praxis umgesetzt. Tu Bischwat lebte wieder auf.

Vor etwa 450 Jahre war Safed zu einem wichtigen Handelszentrum geworden.

Gleichzeitig war es auch ein neues Jüdisches Zentrum des Thora-Studiums und der vielen Überlegungen zum täglichen Geschehen und Zukunftsperspektiven. Nach dem Winter, während dessen in unseren Augen nichts wächst und keine jungen Tiere geboren werden, folgt der Frühling, in dem alles wieder neu erblüht, Blumen, Pflanzen, Früchte und junge Tiere. Und so wird auch für das Jüdische Volk, nach Verfolgungen und Vertreibungen, ein neuer Frühling anfangen. Diesen Gedanken empfand man als tröstlich und hoffnungsvoll.

In jener Zeit wurde in Safed das Lied Lecha Dodi geschrieben, dass wir jeden Freitagabend beim Beginn des Schabbats singen. Lecha Dodi basiert auf Texte der Propheten.

 

Bäume pflanzen

Als Jüdische Pioniere Ende des neunzehnten Jahrhunderts ins Land Israel zogen und den Boden zu bearbeiten begannen, stellten sie fest, dass die Anpflanzung von Bäumen für die Speicherung des Regenwassers sehr wichtig sei. Beides sei auch für die Fruchtbarkeit des Bodens wichtig und hat selbst auf das Klima Einfluss.

Tu Bischwat ist im heutigen Israel ein Tag, an dem Schulklassen ausschwärmen, um junge Bäume zu pflanzen. Daneben wird es mehr und mehr ein Tag, um uns auf unsere unterschiedlichen Verantwortungen für diese Welt, der Schöpfung G“ttes, hin zu weisen und damit wir uns davon bewusstwerden, wie wir als Menschen mit der Natur und dem Umfeld zu verfahren haben.

 

Früchte essen und feiern

An Tu Bischwat werden so viel Früchte, wie nur möglich, gegessen, vor allem Erzeugnisse, die von jeher mit Israel verbunden sind „ein Land von Weizen und Gerste, Trauben, Feigen und Granatäpfeln, ein Land von Oliven und (Dattel)Honig“ (Deuteronomium/Dewarim 8:8). Die sieben Landwirtschaft Erzeugnisse in diesem Passuk (Vers) werden Schiwat Haminim genannt, die sieben Arten des Landes Israel.

Bevor Du ein Obst oder eine Frucht isst, sprich bitte vorher eine Beracha. Welche zutrifft frage bitte den Rabbiner, wenn Du Dich nicht sicher bist.

 

Für das Feiern gibt es keine festen Regeln

Für das Feiern von Tu Bischwat gibt es keine festen Vorschriften, sodass eine große Vielfalt an Bräuchen herrscht. Manche versuchen zumindest fünfzehn Obst- und Früchtearten zu essen, wegen des Datums (15. Schwat), auf das Tu Bischwat fällt. Andere studieren die Landwirtschaftgesetze aus der Thora. Wieder andere sprechen Tehilim (Psalmen) und lesen Jüdische Texte über Bäume und die Natur.

 

Tu biSchwat higia – Chag la’ilanot! Chag sameach!

Author: © Oberrabbiner Raphael Evers | Raawi Jüdisches Magazin